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Über Anschauungen und Ansichten

 

von
Ajahn Akincano

 

Der Himmel ist leergefegt. Nach dem Anstieg im Fels läßt die plötzliche Weitsicht das Blut im Kopf dünn werden. Die zwei Männer sitzen in einer sonnigen Nische des Gipfelfelsens, die Kragen ihrer Windjacken hochgeschlagen, als ich tiefatmend zu ihnen aufsteige. Wir tauschen eine anerkennende Begrüßung. Es geht eine einladende Zufriedenheit von ihnen aus, als ich mich etwas abseits niedersetze. Nach einer Viertelstunde wortlosen Staunens angesichts der Schönheit, die uns hier umgibt, tauschen wir getrocknete Früchte, ein paar Nüsse – und die ersten Worte. Etwas zögerlich äußern wir unsere Vermutungen über die Namen der Gipfel, welche sich vor uns ausbreiten. Die Beiden sind aus einem benachbarten Tal und wir müssen unwillkürlich lachen, weil wir abwechselnd die bekanntesten Gipfel nicht erkennen. Hier oben, unter dem ungewohnten Blickwinkel, erscheint mit einem Mal fremd, was wir von anderswo aus unseren Tälern bestens zu kennen glauben. Die vertrauten Bergnamen verbinden sich erst allmählich mit den neuen, unvertrauten Silhouetten. – Als die Beiden kurz darauf ihre Säcke packen und aufbrechen, erklärt der Ältere schmunzelnd, sie gingen nun in ihr Tal zurück "von wo aus die Berge genau so ausschauen, wie es sich gehört". Ich lache verschwörerisch mit, bis sie in den Felsen verschwinden.

Der schöne Begriff "Schau" ist bedeutungsträchtig. Er ist eine der geläufigsten Metaphern für den Akt des Verstehens: Die Welt der Dinge kann "ausschauen" – sich uns in dieser oder jener Weise zu verstehen geben; oder wir können die Dinge in einer bestimmten Weise "anschauen" –  sie so oder eben anders verstehen.

Wer immer die Lehrreden des Buddha aufschlägt, wird unweigerlich die Tugend der Rechten Anschauung ganz oben auf der Rangliste heilsamer Qualitäten finden. Statt einem der vertrauteren Beispiele für ihre Stellung als erstem Faktor des Achtfachen Pfades, hier ein weniger bekanntes:

"Dem Sonnenaufgang, Mönche, geht als Vorläufer und erstes Anzeichen die aufsteigende Morgenröte voran. Ebenso, Mönche,  geht allen heilsamen Geisteszuständen als erstes Anzeichen die Rechte Anschauung voraus." (A 10/121)

Der Begriff "ditthi" im Pali der Lehrreden – hier mit 'Anschauung' wiedergegeben – kommt vom Wort "dis" für 'sehen, schauen' und wird oft auch mit 'Ansicht' übersetzt.  Diese letztere, scheinbar naheliegende Übertragung liegt in Wahrheit bereits auf einen prüfenden zweiten Blick zu kurz. Besonders im Beispiel des Achtfachen Pfades suggeriert die Übersetzung von "ditthi" mit dem Begriff 'Ansicht', daß es neben einem Haufen 'falscher Ansichten' eben eine rechte gäbe, und diese nun gelte es zu gewinnen. Oder, um es etwas zuzuspitzen, daß dieselben Berge aus einem Tal eben richtiger aussehen als aus einem anderen.

Unser Erleben wird geprägt durch die Natur der Metaphern, in welchen wir uns dieses Erleben verständlich machen. Wir erleben nicht einfach "Dinge", sondern wir 'begreifen' sie in Bildern. Wir sind Tätige (und gelegentlich Komplizen) in diesem Erleben: durch die Richtung unseres Augenmerkes, durch die Art unseres Wahrnehmens, die einzelnen Akte unseres Verstehens, unsere emotionale Ansprechbarkeit. Wählen wir statt des Begriffes "Ansicht" jenen der "Anschauung" als Übersetzung für 'ditthi', so geschieht eine kleine aber maßgebliche Akzentverschiebung im Prozeß dieses Erlebens: die bestimmte und scheinbar unbeeinflußbare 'Ansicht' auf etwas Außenliegendes weicht nun einer 'Anschauung', in welcher das Gewicht vom bestimmten Außen der 'Sicht' unversehens zurück in den Schauenden selbst zu liegen kommt, der durch seine Tätigkeit des 'Schauens' dieses Außen unmittelbar beeinflußt.

In der 117. Lehrrede der Mittleren Sammlung wird gesagt, daß Rechte Anschauung 'an erster Stelle komme':

"Auf welche Weise kommt Rechte Anschauung an erster Stelle? Jemand versteht falsche Anschauung als falsche Anschauung und Rechte Anschauung als rechte: dies ist Rechte Anschauung."

Was auf einen ungeduldigen Blick hin tautologisch erscheinen mag, birgt in Wahrheit eine gewichtige Aussage:  Rechte Anschauung zeichnet sich zuallererst dadurch aus, daß sie die Natur von Anschauungen erkennt. Es geht nicht bloß um das Ersetzen von falschen Anschauungen durch rechte, sondern um das viel grundsätzlichere Verstehen von Anschauungen als Anschauungen. Hinter der Sprödheit dieses Zitates verbirgt sich die Tragweite der Einsicht, daß gerade unser Akt der Anschauung erst die erlebte Wirklichkeit schafft, auf welche sich diese Anschauung zu beziehen vorgibt – mit anderen Worten, daß das ,Wie' unseres Verstehens das 'Was' unseres Erlebens und damit unsere Wirklichkeit bestimmt.[1]

Gelegentlich ist es aufschlußreich, der Sprache aufs Maul zu schauen. Sowohl unsere deutsche Sprache als auch das Pali der Lehrreden gebrauchen ähnliche Metaphern für den Akt des Verstehens. Auffallend häufig wird dabei in beiden Sprachen die Analogie zum Gesichtssinn gebildet: 'verstehen' – das ist sehen, schauen, durchschauen, erkennen, überblicken, auf einen Blick erfassen, mit eigenen Augen mitanschauen; im Pali obendrein auch das schöne 'Aufgehen des Auges der Wahrheit'. – Es ist unsere Sehfähigkeit, unser hauptsächlicher Orientierungssinn, welcher sich in beiden Sprachen als Metapher für den Prozeß des Verstehens anbietet. Kraft dieses Sinnes ist es uns möglich, daß wir Einsicht gewinnen, uns Übersicht verschaffen, unsere Lage feststellen, Verhältnisse und Perspektive erkennen, etwas Distanz kriegen.... – Es ist zugleich auch unser beweglichster Sinn. Kein anderes unserer äußeren Sinnesorgane vermittelt uns eine vergleichbare Fülle an Eindrücken oder läßt sich anpassen, bewegen und willentlich beeinflussen, wie das Auge: wir können es kreisen lassen, es auf etwas richten, es aufreißen, damit blinzeln, es ans Dunkel gewöhnen – oder es einfach schließen. Alles Tätigkeiten, deren Entsprechungen uns etwa mit dem Ohr nicht möglich sind.

Daß beide Sprachen den Akt des Verstehens mit unserem schnellsten, vielseitigsten, beweglichsten, unserem Orientierungssinn schlechthin in Verbindung bringen, legt nahe, daß 'verstehen' (und damit 'anschauen') eine tiefere Verwandtschaft mit den Eigenschaften dieses Sinnes gemein hat. Könnte es also sein, daß Rechte Anschauung damit beginnt, nicht einfach die eine geläuterte richtige unter zahllosen falschen zu suchen, sondern eine Anschauung auszubilden, die sich selbst zu reflektieren, die ihren eigenen Blickwinkel zu erkennen und allenfalls zu ändern versteht? Die sich bewußt ist, daß selbst eine "richtige Anschauung" die Wirklichkeit nicht abbildet, sondern sie immer nur strukturiert und gestaltet, weil dies in der Natur von Anschauungen – rechten wie falschen – begründet liegt? Eine solche Rechte Anschauung also, der unbesehen ihres gegenwärtigen Standpunktes  bewußt ist, daß die Wirklichkeit eines Berges auch bei unverstellter Sicht nie aus einem einzigen Blickwinkel zu ergründen ist. – Und damit stünde am Kopf des Achtfachen Pfades nun nicht einfach die 'richtige Ansicht', sondern die im Bewußtsein um die Natur von Ansichten beratene Rechte Anschauung, welche ihre Beweglichkeit zu nutzen gewillt ist, um uns aus der Enge unzulänglicher, weil einseitiger, Ansichten zu befreien.

Nach dieser Vorabklärung können wir der verkürzten Vorstellung, bei der Tugend Rechter Anschauung handle es sich einfach um die eine 'richtige Ansicht', getrost den Rücken kehren – nunmehr im Verständnis, daß die rechte vielmehr eine heilskräftige Anschauung ist. Etwas über die Frucht einer solchen heilskräftigen Anschauung spricht aus der berühmten Passage, in welcher der Buddha von seinem großen Schüler Kaccàyana gefragt wird, was denn Rechte Anschauung bedeute und ihm Folgendes antwortet:

"Diese Welt, Kaccàyana, versteift sich zumeist auf den Dualismus von Sein und Nicht-Sein. Für jene nun, Kaccàyana, welche den Ursprung der Welt der Wirklichkeit gemäß mit rechtem Verständnis betrachten, gibt es kein solches "Nicht-Sein". Für jene aber, Kaccàyana, welche die Aufhebung der Welt der Wirklichkeit gemäß und mit rechtem Verständnis betrachten, gibt es kein solches "Sein".

Diese Welt, Kaccàyana, ist zumeist in Voreingenommenheit, Anhaftung und Beharren gefesselt. Wenn nun jemand sich dieser Voreingenommenheit, dieser Anhaftung und diesem Beharren nicht hingibt, sie nicht aufsucht und sie nicht eindringen läßt, wenn er sich nicht für den Gedanken entscheidet ,es ist dies mein Ich' und statt dessen zweifelsfrei und ohne Ungewißheit erkennt, daß Leiden alles ist, was entsteht und Leiden alles, was vergeht, dann ist er infolge solchen Verstehens in seiner Erkenntnis unabhängig von anderen. Dies, Kaccàyana, nennt man 'Rechte Anschauung'.

'Alles ist': das, Kaccàyana, ist das eine Extrem. 'Alles ist nicht', das ist das andere Extrem. Diese beiden Extreme vermeidend, verkündet der Erhabene die Lehre des Mittleren Weges: aus dem Nichtwissen als Ursache entstehen die Gestaltungen, aus den Gestaltungen als Ursache entsteht Bewußtsein..." (es folgt die ganze Kette der Bedingten Entstehung.) SN XII, 15 / S ii 16

Wenn ich mich in meiner Erkenntnis noch nicht für 'zweifelsfrei und von anderen unabhängig' erlebe, mag mich solche Rede zwar inspirieren, aber was mich vermutlich jetzt wirklich interessiert ist nicht, wie Rechte Anschauung sich als Frucht anfühlt, sondern wie sie als Tugend zu entwickeln sei.

Der oben erwähnte Lehrtext aus der Mittleren Sammlung fährt fort, indem er Anschauungen identifiziert, die nicht heilskräftig sind: die Leugnung ethischer Kausalität, jene der heilsamen Wirkung von Großherzigkeit und Tugend, die Leugnung eines Diesseits und eines Jenseits, jene der Abstammung von Mutter und Vater,  der helleren Daseinsbereiche und aller spirituellen Verwirklichung unter Sterblichen. Aus Darlegungen anderswo geht zudem hervor, daß jede Anschauung als unheilsam gilt, welche stillschweigend oder offenkundig die drei universellen Merkmale von Unbeständigkeit, Unzulänglichkeit und Unpersönlichkeit verschleiert.

"Was auch immer der von falschen Ansichten erfüllte Mensch, seinen Ansichten folgend, in Werken, Worten und Taten verübt oder beginnt, und was auch immer er an Willen, an Sehnsucht, an Verlangen und Strebungen besitzt, so führt dies alles zu Unerwünschtem, Unliebsamem, Unerfreulichem, zu Unheil und zu Leiden." (A I 28 /A i 32)

Ansichten kommen in vielerlei Formen: Meinungen,  Ideen, Vorstellungen, Überzeugungen, Theorien, Ideologien, Glaubensinhalte. Einige solcher Ansichten mögen Produkte bewußter und reiflicher Überlegung sein, andere beziehen ihre Kraft aus unbewußten und unreflektierten Anteilen unserer Psyche. Woher sie auch kommen mögen: es handelt sich bei ihren Inhalten immer um etwas, von dessen Richtigkeit wir – dumpf oder klar – überzeugt sind und dessen Kenntnis und Bekräftigung uns Identifikation bietet. Den weitaus größten Teil unserer Ansichten eignen wir uns unbewußt und durch simple Übernahme an.  Ihr größter Verbündeter ist nicht der Eigensinn, sondern die bejahte Unwissenheit, nicht Querulantentum, sondern der Unwille zur Selbstprüfung, nicht Verschwörungstheorien, sondern die Weigerung, überlieferte Glaubensinhalte ergründend in Frage zu stellen.

Und so bleibt mir, um von vermeintlich 'richtiger Ansicht' zur Tugend Rechter Anschauung zu kommen, nur der umsichtige und prüfende Gang durch das Gelände meiner Ansichten und meines Vorverständnisses, der sich orientierende Blick und meine Fähigkeit, abwechselnd den Weg und das Ziel ins Auge zu fassen. Wenn all dies mehr als bloße Selbstreflexion sein will, muß es sich auf Sammlung und meditative Innenschau stützen. Doch auch eine solche meditative Herzensergründung bedarf der nachträglichen Reflexion, um die aus der Tiefe geschöpften Erkenntnisse in die Ebene der Anschauung zurückzuführen. – Wie anderswo auch, empfiehlt es sich, daß selbst vertrauenerweckende Tritte erst vorsichtig belastet werden sollten. Halten sie dabei nicht stand,  gehen wir zurück auf die letzte sichere Stelle und scheuen uns nicht zu üben, was uns die Schriften mit "Berichtigung der eigenen Anschauung" (ditthujukamma) ans Herz legen. Trägt jedoch der Grund unter unseren Füßen nach eingehender Prüfung, gilt es keinen Augenblick  länger zu zögern, sondern beherzt voranzusteigen.

Ajahn Akincano / Frühjahr 2004
 


 

[1] Ein Echo derselben Einsicht kommt unerwartet aus einer ganz anderen Ecke: "Ich kann nicht sagen: Ich habe diese oder jene Erfahrung, sondern ich mache sie mir." (Kant Opus postumum XX, 444)

 

Source : http://www.dhamma-dana.de

 

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