Die Fragen des Königs Milinda
Teil 2: Fragen über charakteristische Merkmale
Kapitel 3
3.3.5. Allmähliche Entstehung
Der König sprach: „Gibt es wohl, ehrwürdiger Nāgasena, Gebilde, die ohne ein allmähliches Werden ins Dasein treten?“
„Nein, o König, alle Gebilde treten durch ein allmähliches Werden ins Dasein.“
„Gib mir ein Beispiel!“
„Was glaubst du, o König: ist wohl dieses Haus, in welchem du eben sitzt, ohne ein allmähliches Werden ins Dasein getreten?“
„Nicht doch, o Herr. Es befindet sich hier nichts, das ohne ein allmähliches Werden ins Dasein getreten wäre. Alles hatte seine allmähliche Entstehung. Dieses Holz zum Beispiel ist im Walde entstanden, o Herr, dieser Ton in der Erde, und durch die entsprechende Arbeit von Männern und Frauen ist dieses Haus zustande gekommen.“
„Ebensowenig, o König, gibt es Gebilde, die ohne ein allmähliches Werden ins Dasein treten, sondern sie alle haben eine allmähliche Entstehung.“
„Gib mir ein weiteres Beispiel!“
„Gleichwie, o König, die in den Boden gepflanzten Samen und Gewächse nach und nach wachsen, größer werden und sich zu Bäumen entfalten, die Blüten und Früchte tragen, und somit jene Bäume nicht ohne ein allmähliches Werden ins Dasein treten, sondern eine allmähliche Entstehung haben: in genau derselben Weise, o König, gibt es keine Gebilde, die ohne ein allmähliches Werden ins Dasein treten, sondern sie alle haben eine allmähliche Entstehung.“
„Gib mir noch ein weiteres Beispiel!“
„Da, o König, nimmt zum Beispiel der Töpfer den Lehm aus der Erde und fertigt mancherlei Gefäße an. Diese Gefäße treten also nicht ohne ein allmähliches Werden ins Dasein, sondern haben eine allmähliche Entstehung. In genau derselben Weise, o König, gibt es keine Gebilde, die ohne ein allmähliches Werden ins Dasein treten, sondern sie alle haben eine allmähliche Entstehung.“
„Gib mir noch ein anderes Beispiel!“
„Nimm an, o König, zu einer Laute fehlten Steg, Fell, Resonanzkasten, Rumpf, Hals, Saiten und Bogen, und keiner nehme sich die nötige Mühe. Könnte da wohl ein Lautenton entstehen?“
„Gewiß nicht, o Herr.“
„Wenn nun aber diese Dinge alle da sind, könnte da wohl ein Lautenton entstehen?“
„Gewiß, o Herr.“
„Oder wenn zu einem Feuerbohrer Reibholz, Quirl, Schnur, Matrize und Zunder fehlen, und keiner sich die nötige Mühe nimmt, kann da wohl Feuer entstehen?“
„Gewiß nicht, o Herr.“
„Wenn nun aber, o König, diese Dinge alle vorhanden sind, könnte da wohl Feuer entstehen?“
„Gewiß, o Herr.“
„Oder wenn es einem an einem Brennglas, an Sonnenstrahlen und an Zunder fehlt, kann man da wohl Feuer erzeugen?“
„Gewiß nicht, o Herr.“
„Wenn nun aber, o König, diese Dinge alle vorhanden sind, kann man da wohl Feuer erzeugen?“
„Gewiß, o Herr.“
„Und könnte, o König, ohne den Spiegel, die Helligkeit, und das Gesicht der Person dieselbe sich widerspiegeln?“
„Gewiß nicht, o Herr.“
„Wenn aber diese Bedingungen alle erfüllt sind, kann da wohl das Spiegelbild der Person entstehen?“
„Gewiß, o Herr.“
„Ebenso auch, o König, gibt es keine Gebilde, die ohne ein allmähliches Werden ins Dasein treten, sondern sie alle haben eine allmähliche Entstehung.“
„Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!“