Die Fragen des Königs Milinda
Teil 3: Lösungen der Zweifel
Kapitel 7
3.7.1. Erinnerung
Der König sprach: „Aus wie vielen Anlässen, ehrwürdiger Nāgasena, mag die Erinnerung (sati) aufsteigen?“
„Aus sechzehn Anlässen, o König, mag die Erinnerung aufsteigen, und zwar: infolge eignen Erkennens oder durch äußere Veranlassung oder infolge eines starken Bewußtseinseindruckes oder beim Erkennen eines Vorteils oder Nachteils oder einer Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit oder durch Verstehen im Gespräch oder infolge eines Merkmales oder beim Nachsinnen oder infolge eines Zeichens oder beim Rechnen oder Auswendiglernen oder infolge geistiger Übung oder auf Grund eines Buches oder eines Unterpfandes oder der Erfahrung.“
„Wieso aber mag infolge eignen Erkennens die Erinnerung aufsteigen?“
„Wenn zum Beispiel, o König, der ehrwürdige Ananda und die Laienschwester Khujjuttarā, oder irgend welche andere mit der Erkenntnis früherer Geburten begabte Personen, sich einer früheren Geburt erinnerten, so ist eben infolge eignen Erkennens in ihnen die Erinnerung aufgestiegen.“
„Wieso aber mag durch äußere Veranlassung die Erinnerung aufsteigen?“
„Wenn zum Beispiel einen, der von Natur aus vergeßlich ist, die anderen immer wieder und wieder an etwas erinnern müssen, so steigt eben durch äußere Veranlassung in ihm die Erinnerung auf.“
„Wieso aber mag infolge eines starken Bewußtseinseindruckes die Erinnerung aufsteigen?“
„Wenn da zum Beispiel einer zum Herrscher gekrönt wurde oder das Ziel des Stromeintrittes verwirklicht hat, so mag eben infolge jenes starken Bewußtseinseindruckes in ihm die Erinnerung daran aufsteigen.“
„Wieso aber mag beim Erkennen eines Vorteils die Erinnerung aufsteigen?“
„Wenn sich da zum Beispiel einer erinnert, daß ihm unter diesem oder jenem Umstande Glück zuteil wurde, so steigt eben beim Erkennen eines Vorteils in ihm die Erinnerung auf.“
„Wieso aber mag beim Erkennen eines Nachteils die Erinnerung aufsteigen?“
„Wenn man sich zum Beispiel erinnert, daß man unter diesem oder jenem Umstande Leiden zu erdulden hatte, so ist eben beim Erkennen eines Nachteils in einem die Erinnerung aufgestiegen.“
„Wieso aber mag beim Erkennen einer Ähnlichkeit die Erinnerung aufsteigen?“
„Man mag sich zuweilen an seine Eltern und Geschwister erinnern, wenn man ähnlich aussehende Personen erblickt. Oder man mag, wenn man ein Kamel oder einen Ochsen oder einen Esel erblickt, sich dabei an ein anderes ähnlich aussehendes Tier dieser Art erinnern. Auf diese Weise mag also beim Erkennen einer Ähnlichkeit in einem die Erinnerung aufsteigen.“
„Wieso aber mag beim Erkennen einer Unähnlichkeit die Erinnerung aufsteigen?“
„Wenn man sich zum Beispiel erinnert, daß ein gewisser Gegenstand anders in Farbe, Klang, Geruch, Geschmack oder Berührung ist, so ist eben beim Erkennen einer Unähnlichkeit die Erinnerung aufgestiegen.“
„Wieso aber mag infolge einer Andeutung in Worten die Erinnerung aufsteigen?“
„Wenn zum Beispiel einen, der von Natur aus vergeßlich ist, die anderen an etwas erinnern und er sich infolgedessen der Sache wieder entsinnt, so ist eben durch Verstehen im Gespräch in ihm die Erinnerung aufgestiegen.“
„Wieso aber mag infolge eines Merkmales die Erinnerung aufsteigen?“
„Wenn man zum Beispiel einen Stier an einem Brandmale oder an irgend einem anderen Kennzeichen wiedererkennt, so ist eben infolge eines Merkmales in einem die Erinnerung aufgestiegen.“
„Wieso aber mag beim Nachsinnen die Erinnerung aufsteigen?“
„Wenn da zum Beispiel einer von Natur aus vergeßlich ist, und man fordert ihn wiederholt auf, sich auf eine gewisse Sache zu besinnen, so mag eben beim Nachsinnen in ihm die Erinnerung aufsteigen.“
„Wieso aber mag infolge eines Zeichens die Erinnerung aufsteigen?“
„Infolge der Übung im Schreiben weiß man, welchen Buchstaben man auf diesen oder jenen folgen lassen muß. Auf diese Weise mag infolge eines Zeichens in einem die Erinnerung aufsteigen.“
„Wieso aber mag beim Rechnen die Erinnerung aufsteigen?“
„Infolge der Übung im Rechnen können die Rechner große Summen zusammenzählen. Somit also mag beim Rechnen die Erinnerung aufsteigen.“
„Wieso aber mag beim Auswendiglernen die Erinnerung aufsteigen?“
„Infolge der Übung im Auswendiglernen erinnern sich die Auswendiglernenden gar vieler Dinge. So also mag beim Auswendiglernen in einem die Erinnerung aufsteigen.“
„Wieso aber mag durch geistige Übung die Erinnerung aufsteigen?“
„Da erinnert sich zum Beispiel ein Mönch gar mancher früheren Daseinsform. Insofern ist eben durch geistige Übung in ihm die Erinnerung aufgestiegen.“
„Wieso aber mag auf Grund eines Buches die Erinnerung aufsteigen?“
„Wenn da zum Beispiel Fürsten über eine Verordnung nachsinnen und sich ihr Buch bringen lassen und auf Grund dieses Buches sich an etwas erinnern, so ist eben auf Grund eines Buches in ihnen die Erinnerung aufgestiegen.“
„Wieso aber mag auf Grund eines Unterpfandes die Erinnerung aufsteigen?“
„Wenn man zum Beispiel durch den Anblick eines deponierten Gegenstandes an etwas erinnert wird, so ist eben auf Grund dieses Unterpfandes in einem die Erinnerung aufgestiegen.“
„Wieso aber mag auf Grund der Erfahrung die Erinnerung aufsteigen?“
„Man erinnert sich einer Gestalt, eines Tones, eines Geruches, eines Geschmackes, einer Berührung oder eines geistigen Objektes, weil man eben früher einmal diese Dinge wahrgenommen hat. Auf diese Weise steigt eben auf Grund der Erfahrung in einem die Erinnerung auf.“
„Aus diesen sechzehn Anlässen, o König, mag die Erinnerung aufsteigen.“
„Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!“