Die Fragen des Königs Milinda

Teil 4

Kapitel 3

5.3.1. Die Verehrungswürdigkeit des Mönchsstandes

„Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat den Ausspruch getan: ‚Der Rechtschaffene, Vāsettha, ist der Erste unter allen Menschen, sowohl in dieser Welt als auch im Jenseits.‘ Der Laienanhänger jedoch andererseits, ‚der in den Strom eingetreten‘ (sotāpanna) und dem der Abweg verschlossen ist, der Erkenntnis erlangt hat und für die Lehre Verständnis besitzt, der hat einen Mönch oder Novizen—und sei derselbe auch nur ein (unbefreiter) Weltling (puthujjana)—ehrfurchtsvoll zu begrüßen und sich vor ihm zu erheben. Wenn also die erste Behauptung richtig ist, so muß die zweite falsch sein, ist aber die zweite Behauptung richtig, so ist eben die erste falsch. Auch dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle und das du nun zu lösen hast.“

„Beides, o König, hat seine Richtigkeit. Das aber hat seinen Grund. Es gibt nämlich, o König, zwanzig Eigenschaften und zwei äußere Kennzeichen, die einen zum Asketen machen und zufolge deren der Asket es verdient, daß man ihn ehrfurchtsvoll begrüßt, sich vor ihm erhebt und ihm Achtung und Ehre erweist. Und welche sind diese?

Die beste Art der Zügelung, höchste Selbstbeherrschung, rechter Wandel, rechtes Verweilen (vihāra), Zurückhaltung, Zügelung der Sinne, Geduld, Liebenswürdigkeit, Pflege der Einsamkeit, Gefallen an Einsamkeit, Abgeschiedenheit, Schamgefühl und sittliche Scheu, Tatkraft, Unermüdlichkeit, das Aufsichnehmen der geistigen Übung, Studium, Befragung über die Lehre, Freude an Sittlichkeit, Sammlung und Weisheit, Begehrlosigkeit, Erfüllung der Sittenregeln, sowie das Tragen des fahlen Gewandes und das Geschorensein. Diese Eigenschaften eignet sich der Mönch an und wenn ihm keines dieser Dinge fehlt und er darin vollkommen ist, sie besitzt und mit ihnen ausgerüstet ist, dann betritt er das Gebiet eines „Schulungsledigen“ (asekha), eines Vollkommen-Heiligen, betritt er das höchste aller Bereiche.

Weil nun ein Mönch gleichsam in die Nähe der Heiligkeit gegangen, ist es auch für einen in den Strom (zur Heiligkeit) eingetretenen Laienanhänger angebracht, einen Mönch, sei dieser auch nur ein Weltling, ehrfurchtsvoll zu begrüßen und sich vor ihm zu erheben.

Und er soll dies auch tun, weil der Mönch in die Gemeinschaft der Triebbefreiten eingetreten ist, während er selber diese Gelegenheit nicht hatte;

weil der Mönch sich der Schar der Edelsten anschloß, ihm selber aber diese Möglichkeit sich nicht bot;

weil der Mönch den Vortrag der Ordenssatzung hören kann, er selber aber nicht;

weil der Mönch andere als Novizen oder voll ordinierte Mönche aufnehmen und so die Religion des Meisters verbreiten kann, während er selber dies nicht zu tun vermag;

weil der Mönch sich auch in den geringsten Übungsregeln vervollkommnet, er selber aber mit diesen nicht befaßt ist;

weil der Mönch die Kennzeichen eines Asketen trägt, gemäß der Absicht des Erleuchteten, während er selber davon weit entfernt ist;

weil der Mönch, mit langen Haaren in der Achselhöhle und ungepflegt und ungeschmückt, doch vom Tugendduft umgeben ist, er selber aber noch an Schmuck und Zierat Gefallen findet;

weil ferner alle diese zum Asketen gehörigen zwanzig Tugenden und zwei äußere Kennzeichen nur in einem Mönche angetroffen werden und nur der Mönch diese Eigenschaften besitzt und andere darin unterweist, er selber aber an solcher Disziplin und am Unterweisen keinen Anteil hat,—

deshalb eben hat selbst der in den Strom eingetretene Laienanhänger einen Mönch, sei dieser auch nur ein Weltling, ehrfurchtsvoll zu begrüßen und sich vor ihm zu erheben.

Gleichwie nämlich, o König, ein königlicher Prinz, der bei seinem Hauspriester die Wissenschaften und Pflichten eines Adeligen erlernt hat, noch in späteren Jahren, selbst wenn er bereits gekrönt ist, seinem Lehrer ehrfurchtsvollen Gruß darbietet und sich vor ihm erhebt, weil er ihn eben als seinen Lehrer betrachtet: ebenso auch, o König, hat selbst der in den Strom eingetretene Laienanhänger einen Mönch—und sei dieser auch nur ein Weltling—ehrfurchtsvoll zu begrüßen und sich vor ihm zu erheben, denn dieser ist der Lehrer und Erhalter der Überlieferung.

Aber auch aus folgender Tatsache, o König, magst du die Größe und unvergleichliche Erhabenheit des Mönchstandes ersehen. Wenn da nämlich, o König, ein in den Strom eingetretener Laienanhänger die Vollkommene Heiligkeit verwirklicht, so bleiben ihm bloß zwei Wege offen, kein anderer: entweder er stirbt noch an eben demselben Tage, oder aber er tritt in den Mönchstand ein. Denn der Gang in die Hauslosigkeit, nämlich der Mönchstand, o König, ist etwas Unerschütterliches, Gewaltiges und äußerst Erhabenes.“

„Dieses tiefsinnige Problem, ehrwürdiger Nāgasena, hast du trefflich gelöst, du mächtiger, hoher Weiser. Und kein anderer wäre imstande gewesen, auf eine solche Weise dieses Problem zu lösen, sei er denn selber so weise wie du.“