Die Fragen des Königs Milinda
Teil 4
Kapitel 4
5.4.4. Wie kann der Bodhisatta über seine Zukunft bestimmen, da diese doch schon vorher bestimmt ist?
„In der ‚Lehrdarstellung von der Gesetzmäßigkeit‘,
Ehrwürdiger Nāgasena, sagt der Erhabene, daß die Eltern aller zukünftigen Buddhas vorherbestimmt seien, ebenso der Baum, unter dem sie die Erleuchtung finden, sowie ihre Hauptjünger, ihr Sohn und ihr Aufwärter. Andererseits aber sagt er, daß der Bodhisatta, während er noch im ‚Himmel der Seligen‘ weilt, acht große Erwägungen anstelle: Er erwäge (betreffs seiner bevorstehenden Wiedergeburt) den Zeitpunkt, den Erdteil, das Land und die Familie, die künftige Mutter, seine Lebensspanne, den Monat (seiner Geburt) und seine Weltentsagung.
Bei unreifem Wissen, ehrwürdiger Nāgasena, gibt es kein Erkennen; bei gereiftem Wissen aber kann man auch nicht einmal für den Zeitpunkt eines Augenblickes zögern; denn ein gereifter Geist kann nicht fehlgehen. Warum also überlegt der Bodhisatta den Zeitpunkt (seiner Wiedergeburt) und denkt: ‚Zu welcher Zeit soll ich erscheinen?‘ Bei unreifem Wissen gibt es kein Erkennen; bei gereiftem Wissen aber kann man auch nicht einmal für den Zeitraum eines Augenblickes zögern. Und warum erwägt der Bodhisatta, in welcher Familie er erscheinen solle? Wenn, ehrwürdiger Nāgasena, die Eltern des Bodhisatta schon vorher bestimmt sind, so ist die Behauptung, daß er sich die Familie aussucht, falsch; denn würde er sich die Familie aussuchen, dann müßte eben die erste Behauptung falsch sein. Auch dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle und das du nun zu lösen hast.“
„Wohl sind, o König, die Eltern des Bodhisatta schon lange vorher bestimmt. Und dennoch überlegt er sich die Familie (in der er wiedererscheinen will). Und in welcher Weise? ‚Werden wohl meine Eltern Adelige oder Brahmanen sein?‘ so überlegt er sich die Familie.
Acht Menschen, o König, haben schon im Voraus Zukünftiges zu bedenken. Welche acht?
- Der Kaufmann hat schon im Voraus über die zum Verkauf bestimmte Ware nachzudenken;
- der Elefant hat schon im Voraus mit seinem Rüssel einen noch nicht begangenen Weg zu untersuchen;
- der Kärrner hat schon im Voraus den späteren Weg zu bedenken;
- der Bootsmann hat schon im Voraus das noch nicht erreichte Ufer zu betrachten, bevor er sein Schiff dorthin sendet;
- der Arzt hat zuerst das Alter in Erwägung zu ziehen, bevor er den Kranken behandelt;
- der Wanderer hat, bevor er eine Brücke betritt, sich vorher über deren Festigkeit zu vergewissern,
- der Mönch hat, bevor er eine Speise genießt, zuerst die (bis 12 Uhr) übrig bleibende Zeit zu ermessen (der Mönch darf nämlich während der Zeit von 12 Uhr des Mittags bis zum Morgengrauen des folgenden Tages keinerlei Speise zu sich nehmen ), und
- die Bodhisattas haben vorher die Familie zu erwägen, in denen sie wiedergeboren werden, ob Adelsfamilie oder Brahmanenfamilie.
Diese acht Menschen, o König, haben schon im Voraus Zukünftiges zu erwägen.“
„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an.“