Aṅguttara Nikāya
Das Sechser-Buch
29. Sechs Gebiete des Gedenkens
Der Erhabene wandte sich an den ehrwürdigen Udāyi und fragte ihn:
„Wie viele Gebiete des Gedenkens gibt es wohl, Udāyi?“
Auf diese Worte blieb der ehrwürdige Udāyi stumm. Der Erhabene aber stellte ihm zum zweiten und zum dritten Male diese Frage. Und auch zum zweiten und dritten Male blieb der ehrwürdige Udāyi stumm. Da sprach der ehrwürdige Ānanda zum ehrwürdigen Udāyi: „Der Meister, Bruder Udāyi, spricht zu dir.“
„Ich habe ja, Bruder Ānanda, den Erhabenen wohl vernommen. Da, o Herr, erinnert sich ein Mönch an manche frühere Daseinsform... samt ihren besonderen Merkmalen, ihren besonderen Kennzeichen.“
Der Erhabene aber sprach zu Ānanda: „Ich wußte es wohl, Ānanda, daß dieser Udāyi nicht der Höheren Geisteszucht hingegeben ist. Wie viele, Ānanda, gibt es wohl der Gebiete des Gedenkens?“
„Da, o Herr, gewinnt der Mönch, ganz abgeschieden von den Sinnendingen, abgeschieden von unheilsamen Geisteszuständen... die erste, zweite und dritte Vertiefung. Dieses Gebiet des Gedenkens, o Herr, derart entfaltet und häufig geübt, führt zu gegenwärtigem Wohlsein.
Weiterhin, o Herr, erwägt der Mönch die Vorstellung des Lichts (āloka-saññā), heftet seinen Geist auf die Vorstellung des Tages(lichts), wie bei Tage so des Nachts, wie des Nachts so bei Tage. So entfaltet er mit wachem, ungetrübtem Geiste einen von Helligkeit erfüllten Bewußtseinszustand. Dieses Gebiet des Gedenkens, o Herr, derart entfaltet und häufig geübt, führt zur Gewinnung des Erkenntnisblickes.
Weiterhin, o Herr, betrachtet da der Mönch diesen Körper, von der Fußsohle an aufwärts und vom Haarschopf abwärts, den hautumgrenzten, mit vielerlei Unrat angefüllten, nämlich: ‚An diesem Körper gibt es
Kopfhaare, Körperhaare, Nägel, Zähne, Haut,
Fleisch, Sehnen, Knochen, Knochenmark, Nieren,
Herz, Leber, Innenhaut (Zwechfell), Milz, Lunge,
Darm, Gekröse, Mageninhalt, Kot, (Gehirn)
Galle, Schleim, Eiter, Blut, Schweiß, Fett,
Tränen, Lymphe, Speichel, Rotz, Gelenköl und Urin.‘
Dieses Gebiet des Gedenkens, o Herr, derart entfaltet und häufig geübt, führt zur Überwindung der Sinnenlust.
Weiterhin, o Herr: gleichsam als sähe der Mönch einen auf das Leichenfeld geworfenen Leichnam, ein, zwei oder drei Tage nach dem Tode, aufgedunsen, blau verfärbt, voller Eiter; da schließt er auf seinen eigenen Körper: ‚Auch dieser Körper hat ein solches Schicksal, ein solches Los, kann dem nicht entgehen.‘—Oder: als sähe er einen aufs Leichenfeld geworfenen Leichnam, wie er von Krähen, Seeadlern, Geiern, Hunden, Schakalen oder von den vielerlei Würmerarten gefressen wird; da schließt er auf seinen eigenen Körper ‚Auch dieser Körper hat ein solches Schicksal, ein solches Los, kann dem nicht entgehen.‘—Oder: als sähe er einen auf das Leichenfeld geworfenen Leichnam: ein von Sehnen zusammengehaltenes Knochengerüst, an dem noch Fleisch und Blut klebt... ein von Sehnen zusammengehaltenes Knochengerüst, blutbefleckt und ohne Fleisch... Knochen, von den Sehnen gelöst und nach allen Richtungen zerstreut: hier ein Handknochen, da ein Fußknochen, da ein Beinknochen, da ein Schenkelknochen, da ein Hüftknochen, da das Rückgrat, da die Schädelschale;... gebleichte Knochen, muschelgleich... Knochen zuhauf, nach Verlauf vieler Jahre... Knochen, vermodert, zu Staub zerfallen; da schließt der Mönch auf seinen eigenen Körper: ‚Auch dieser Körper hat ein solches Schicksal, ein solches Los, kann dem nicht entgehen.‘ Dieses Gebiet des Gedenkens, o Herr, derart entfaltet und häufig geübt, führt zur Zerstörung des Ichwahns.
Weiterhin, o Herr: nach dem Schwinden von Wohlgefühl und Schmerz und dem schon früheren Erlöschen von Frohsinn und Trübsinn, gewinnt da der Mönch die leidlos-freudlose, in der völligen Reinheit von Gleichmut und Achtsamkeit bestehende vierte Vertiefung. Dieses Gebiet des Gedenkens, o Herr, derart entfaltet und häufig geübt, führt zur Durchdringung der mannigfachen Elemente.
Das, o Herr, sind die fünf Gebiete des Gedenkens.“
„Recht so, recht so, Ānanda. So mögest du dir noch dieses sechste Gebiet des Gedenkens merken: Da schreitet der Mönch klaren Geistes vorwärts; klaren Geistes kehrt er zurück; klaren Geistes bleibt er stehen; klaren Geistes setzt er sich; klaren Geistes legt er sich nieder; klaren Geistes wendet er sich seiner Arbeit zu. Dieses Gebiet des Gedenkens, Ānanda, derart entfaltet und häufig geübt, führt zur Achtsamkeit und Wissensklarheit.“