Die Fragen des Königs Milinda
Teil 1: Die äußere Erzählung
Prolog
Lang ist es her, daß König Milinda
Aus seiner Hauptstadt Sāgalā eilte
Hin zu Nāgasena, dem Mönche,
Gleich wie der Ganges zum Meere hinströmt.Dort nun angelangt stellte der König
Ihm, diesem Redner, der's Dunkel verscheuchte
Und emporhielt die Fackel der Wahrheit,
Manche gar tief durchsonnene Fragen.Und auch die Antworten auf jene Fragen
Waren von tiefstem Sinne erfüllt,
Herzgewinnend, dem Ohre erfreulich
Und sie erregten Staunen und Wunder.Die Zucht und die hohe Lehre ergründend,
Entwirrend ihre verschlungenen Fäden,
Erstrahlten des Mönches herrliche Reden
In Gleichnissen und in logischen Schlüssen.So habt die Einsicht denn hierauf gerichtet,
Im Herzen voll Freude, voll Frohsinn frohlockend,
Und höret euch an die gewichtigen Reden,
Die jeglichen Grund zum Zweifel zerstören.
Die äußere Erzählung
So lautet die Überlieferung:
Einst im Lande der Griechen (wörtlich Jonier, Pāli:yonakā, dies war die in Indien allgemein übliche Bezeichnung der baktrischen Griechen) gab es eine Stadt mit Namen Sāgalā. Sie war ein Umschlagplatz für mannigfachen Handel, in entzückender Landschaft gelegen, geschmückt mit Flüssen und Bergen und war reich an Parkanlagen, Gärten, Hainen, Seen und Teichen.
Diese Stadt war einst von erfahrenen Männern erbaut worden und keine Gefahr drohte ihr seitens der Feinde, denn diese waren schon vor gar langer Zeit unterworfen. Auch hatte die Stadt viele verschiedene starke Türme und Wälle, stolze und stattliche Tore und Bogengänge. Tiefe Gräben und weißgetünchte Mauern umgaben die Königsburg. Die Straßen, Höfe, Kreuzwege und Plätze waren trefflich angeordnet. Die Märkte waren mit mannigfachen kostbaren Waren gefüllt, die schön ausgelegt waren. Und die Stadt war gesegnet mit vielen Hunderten von Almosenhallen und prangte von Hunderten und Tausenden von Herrschaftshäusern, die gleichsam wie Bergesgipfel des Himalaja in die Lüfte ragten. In den Straßen herrschte ein Gedränge von Elefanten, Pferden, Wagen und Soldaten, und Scharen stattlicher Männer und Frauen wanderten umher. Dicht bevölkert war die Stadt und bewohnt von vielen Adeligen, Brahmanen, Bürgern und Dienern. Überall hörte man Willkommensrufe an Asketen und Priester der zahlreichen Schulen erschallen.
Ja, die Stadt Sāgalā war der Sammelpunkt vieler großer, weiser Männer mit mannigfachem Wissen. Dort fand man unzählige Verkaufsstätten, gefüllt mit kostbaren Benares- und Kotumbarastoffen. Und die ganze Stadt durchdrang der Duft der Läden mit ihren Blumen und Parfümen, geschmackvoll zur Schau gestellt. Eine Fülle der entzückendsten Juwelen konnte man dort finden, und eine Menge von stattlichen Kaufleuten wohnte dort, mit ihren nach allen Richtungen hin schön angeordneten Waren. Die Stadt war förmlich gespickt mit Geld und Gold, mit Silber, Messing und Edelgestein, ein wahrer Berg voll strahlender Schätze, voll Überfluß an Geld und Getreide, Hab und Gut und angefüllt mit vielen Warenhäusern. Da gab es mancherlei Speisen und Naschwerk, Leckereien, Getränke und Säfte. Ja, die ganze Stadt glich Uttarakuru (ist ein mythisches Land des Wohlstandes), und sie war reich an Korn wie Alakamandā, die Götterstadt!
Hier müssen wir vorerst stehen bleiben und die vorgeburtlichen Beziehungen zwischen Milinda und Nāgasena berichten.