Die Fragen des Königs Milinda

Teil 2: Die äußere Erzählung

Einst in alter Zeit nämlich, so sagt man, als noch der erhabene Kassapa (ist der Überlieferung nach der Name eines der früheren Buddhas)die Botschaft verkündete, wohnte in der Nähe des Ganges in einem Kloster eine große Schar von Mönchen. Dort hatten die in der Erfüllung der Vorschriften und Sittenregeln vollkommenen Mönche die Gewohnheit, schon ganz in der Frühe aufzustehen. Darauf pflegten sie mit langstieligen Besen den Klosterhof zu fegen und den Schmutz auf einen Haufen zusammen zu kehren, währenddessen sie über die Eigenschaften des Erleuchteten (Buddha) nachsannen.

Eines Tages nun geschah es, daß ein Mönch einen Novizen anrief mit der Bitte, den Schmutz fortzuschaffen. Der Novize jedoch ging weiter und tat, als ob er nichts hörte. Und auch zum zweitenmal und drittenmal angerufen, tat er, als ob er nichts hörte und ging ruhig seines Weges weiter. Da aber geriet der Mönch wegen der Widerspenstigkeit jenes Novizen in Zorn und versetzte ihm einen Schlag mit dem Besenstiel, so daß derselbe zu weinen begann und aus Furcht den Schmutz zur Seite schaffte. Dabei kam dem Novizen dieser erste Wunsch: „Ach, möchte ich doch infolge dieses guten Werkes, das ich durch das Entfernen des Schmutzes verrichte, während der ganzen Zeit bis zum Eintritte in die Erlösung (nibbāna), an welchem Orte auch immer ich wiedergeboren werde, der Mittagssonne gleich von großer Macht und großem Glanze sein!“

Darauf ging er zum Badeplatz des Ganges, um sich zu baden. Sobald er aber dort den murmelnden Wellenschlag des Ganges wahrnahm, äußerte er diesen zweiten Wunsch: „Ach, möchte ich doch während der ganzen Zeit bis zum Eintritte in die Erlösung, an welchem Orte auch immer ich wiedergeboren werde, gleichwie dieser Wellenschlag bei jedem aufgestiegenen Problem eine spontane Schlagfertigkeit besitzen!“

Auch der Mönch war, nachdem er den Besen in den Schuppen gestellt hatte, zum Badestrand des Ganges gegangen, um sich zu baden. Gerade aber bei seiner Ankunft vernahm er die Worte des Novizen, und er dachte bei sich: „Wenn dieser da, von mir angespornt, sich solches erhoffen darf, warum sollte es mir dann nicht auch glücken?“ Und er sprach folgenden Wunsch aus: „Ach, möchte ich doch während der ganzen Zeit bis zum Eintritte in die Erlösung, an welchem Orte auch immer ich wiedergeboren werde, gleichwie dieser Wellenschlag ein unfehlbarer, schlagfertiger Redner sein und die Gabe besitzen, jedes beliebige Problem, das mir dieser Novize stellen wird, zu entwirren und zu lösen!“

Während nun jene beiden unter Göttern und Menschen die Daseinsrunde durcheilten, durchlebten sie die ganze Zeitspanne, die zwischen der Geburt zweier Erleuchteten liegt. Und gerade wie der Ordensältere Tissa, der Moggali Sohn (Moggaliputta-Tissa), so wurden auch sie schon von unserem erhabenen Meister wahrgenommen, der von ihnen folgendes prophezeite: „Fünfhundert Jahre nach meinem völligen Nibbāna werden diese beiden in der Welt wiedererscheinen; und die von mir dargelegte tiefsinnige Lehre (Dhamma) und Disziplin (Vinaya) werden sie vermittelst Fragestellung und Anwendung von Gleichnissen enthüllen, erklären und auseinandersetzen.“

Von jenen beiden nun wurde der Novize als der König Milinda wiedergeboren.

Dort nun in der Stadt Sāgalā hatte der König Milinda seinen Sitz. Er war ein weiser, erfahrener, einsichtiger und befähigter Herrscher. Er beobachtete genau die Zeit für die Befolgung der sämtlichen Andachtsübungen und religiösen Riten, die vergangene, gegenwärtige oder zukünftige Dinge betrafen. Auch viele Wissenschaften hatte er erlernt, als wie: die Überlieferung, das konventionelle Gesetz, die Sānkya-, Yoga-, Nyāya- und Vaiseshika-Philosophie, Arithmetik, Musik, Heilkunde, die vier Veden, die Purānen und die Legenden, Sternkunde, Zauberei, Logik, Beschwörungskunst, Kriegskunst, Dichtkunst und die Zeichensprache. Kurz gesagt: neunzehn Wissenschaften. Bei sämtlichen Glaubensstiftern galt er als der bedeutendste Redner und als ein unvergleichlicher, unbesiegbarer Gegner. Und in ganz Indien gab es nicht einen, der dem König Milinda an Körperkraft, Schnelligkeit, Heldenmut und Wissen gleichgekommen wäre. Überdies war er reich, hochbegütert, hochvermögend, und seine Heerscharen waren geradezu unermeßlich.

Eines Tages hatte der König den Wunsch, die aus den vier Divisionen—Elefantenabteilung, Wagenabteilung, Kavallerie und Infanterie—bestehende unendliche Truppenmacht seines gewaltigen Heeres Revue passieren zu lassen. Er zog daher hinaus vor die Stadt und ließ dortselbst eine Zählung der Truppen vornehmen. Als die Truppenschau zu Ende war, schaute der König—der ein großer Wortfechter war und es leidenschaftlich liebte, sich in Diskussionen mit Naturphilosophen, Sophisten und anderen Denkern einzulassen—nach der Sonne und sprach zu seinen Räten: „Es ist noch früh am Tage. Was sollen wir jetzt schon in der Stadt tun? Gibt es denn nicht irgend einen weisen Asketen oder Priester, der das Haupt einer Gemeinde oder Jüngerschar, einer Jüngerschar Lehrer ist—und sollte er sich selbst für einen Heiligen, Vollkommen-Erleuchteten ausgeben—der imstande wäre, mit mir zu diskutieren und meine Zweifel zu lösen?“

Auf diese Worte sprachen die fünfhundert Griechen zum König Milinda: „Es gibt da, o König, sechs Meister: Pūrana Kassapa, Makkhali Gosāla, Nigantha Nāthaputta, Sañjaya Belatthaputta, Ajita Kesakambalī und Pakudha Kaccāyana. Dieselben sind Häupter einer Gemeinde und Jüngerschar, einer Jüngerschar Lehrer, anerkannte und berühmte Glaubensstifter und von vielen hochgeachtet. Geh, König, und stelle jenen deine Fragen, damit sie dir deine Zweifel lösen!“

Diese sechs Meister lebten freilich zur Zeit des Buddha, was dem Verfasser unseres Werkes sicher bekannt war. Doch dieser Anachronismus galt ihm offenbar in einer imaginativen Erzählung als erlaubt. Über die Lehren dieser sechs Meister siehe Digha-Nikāya Nr.2.

Und der König Milinda bestieg seinen prächtig bespannten Staatswagen und begab sich in Begleitung der fünfhundert Griechen zu Pūrana Kassapa. Dort angelangt, begrüßte er sich mit ihm, und nach Austausch freundlicher und zuvorkommender Worte setzte er sich zur Seite nieder und sprach: „Wer ist wohl, Herr Kassapa, der Träger der Welt?“

„Die Erde, o König, ist der Träger der Welt.“

„Wenn dem aber so ist, o Herr, wie ist es dann möglich, daß die Wesen, die zur Avīci-Hölle hinab gelangen, über den Bereich der Erde Hinaus können?“

Diese Worte aber konnte Pūrana Kassapa weder verdauen, noch konnte er sich ihrer entledigen. Niedergeschlagen und mürrisch saß er da, ohne ein Wort zu sprechen.

Darauf begab sich der König Milinda zu Makkhali Gosāla und sprach:

„Gibt es wohl, Herr Gosāla, karmisch heilsame und unheilsame Taten? Und gibt es eine Wirkung oder ein Ergebnis heilsamer und unheilsamer Taten?“

„Nein, o König, es gibt keine heilsamen und unheilsamen Taten. Und es gibt keine Wirkung und kein Ergebnis heilsamer und unheilsamer Taten. Alle Adeligen zum Beispiel, o König, die es in dieser Welt gibt, werden nach dem Eintritt in die nächste Welt wiederum Adelige sein. Und ebenso steht es mit den Brahmanen, Bürgern, Dienern, Fegern und Ausgestoßenen. Was bedarf es da heilsamer und unheilsamer Taten?“

„Wenn dem so ist, Herr Gosala, und man nichts mit heilsamen und unheilsamen Taten bewirken kann, so wird man eben denjenigen Menschen, denen in dieser Welt (als Strafe) Hände, Füße Nase oder Ohren abgeschnitten wurden, nach ihrem Eintritt in die nächste Welt wieder Hände, Füße, Nasen oder Ohren abschneiden.“

Auf diese Worte hin verstummte Gosāla.

Der König Milinda aber rief aus: „Wahrlich, nichtig ist doch dieses Indien! Einer leeren Hülse gleicht es. Denn nicht einen einzigen gibt es hier unter den Asketen und Priestern, der imstande wäre, mit mir zu diskutieren und meine Zweifel zu lösen!“

Darauf wandte sich der König an seine Räte: „Lieblich ist diese Mondesnacht! Welchen Asketen oder Priester könnten wir heute noch aufsuchen, um ihn zu befragen? Wen gibt es sonst noch, der mit mir diskutieren und meine Zweifel lösen kann?“

Nach diesen Worten standen die Räte des Königs stumm da, und sahen nur den König an.

Damals nämlich war die Stadt Sāgalā bereits seit zwölf Jahren ohne irgend einen gelehrten Asketen, Priester oder Laien. Wo immer nämlich der König erfahren hatte, daß sich gelehrte Asketen, Priester oder Laien aufhielten, dort war er hingeeilt und hatte ihnen seine Fragen gestellt. Da sie jedoch alle außerstande gewesen waren, den König mit ihren Lösungen der Probleme zu befriedigen, waren sie hier- und dorthin gezogen. Diejenigen aber, die sich nicht in eine andere Gegend begeben hatten, waren verstummt. Die meisten Mönche hatten sich indessen nach dem Himalaja zurückgezogen.

Zu jener Zeit wohnten unzählige Heilige auf der „Geschützten Fläche“ an den Abhängen des Himalajagebirges. Und der ehrwürdige Assagutta, der vermittelst seiner Fähigkeit des Himmlischen Ohres (dibba-sota, siheabhiñña)des Königs Milinda Worte mit angehört hatte, hieß die Mönchsgemeinde, sich auf dem Yugandharaberge zu versammeln, und fragte die Mönche, ob einer unter ihnen imstande sei, mit dem König Milinda zu diskutieren und seine Zweifel zu lösen. Auf diese Frage hin erwiderte keiner ein Wort. Und auch zum zweitenmale und drittenmale gefragt, verhielten sich alle stumm. Da sprach der ehrwürdige Assagutta zur Mönchsgemeinde: „Es gibt, o Freunde, im Himmel der Dreiunddreißig, im Osten des Vejayantapalastes, ein Schloß mit Namen Ketumatī. Dort wohnt ein Göttersohn, mit Namen Mahāsena, der die Fähigkeit besitzt, mit dem Könige Milinda zu diskutieren und seine Zweifel zu lösen.“ Darauf verschwanden alle die zahlreichen Heiligen vom Yugandharaberge und traten im Himmel der Dreiunddreißig wieder in Erscheinung.

Sakka, der Götterkönig, aber sah jene Mönche schon von ferne herankommen. Und er ging dem ehrwürdigen Assagutta entgegen, begrüßte ihn ehrfurchtsvoll und stellte sich zur Seite hin. Zur Seite stehend sprach Sakka, der Götterkönig, zum ehrwürdigen Assagutta: „Fürwahr, o Herr, eine gewaltige Mönchsschar trifft da ein! Ich stehe der Gemeinde zu Diensten. Was wünscht sie? Was könnte ich tun?“

Und der ehrwürdige Assagutta erwiderte Sakka, dem Götterkönig: „Es lebt da, o König, in der Stadt Sāgalā in Indien ein König mit Namen Milinda, ein unübertroffener, unbesiegbarer Redner, der allen Glaubensstiftern als der bedeutendste Gegner gilt. Der hat die Gewohnheit, die Mönche aufzusuchen und zu belästigen, indem er ihnen auf sophistische Weise Fragen stellt.“

Und Sakka, der Götterkönig, sprach: „Dieser selbe König Milinda, o Herr, schied einst von hier ab und wurde unter den Menschen wiedergeboren. In dem Ketumatī-Schlosse aber wohnt ein Göttersohn mit Namen Mahāsena, der die Fähigkeit besitzt, mit diesem König Milinda zu diskutieren und seine Zweifel zu lösen. Den laßt uns um Wiedergeburt in der Menschenwelt ersuchen!“

Darauf begab sich Sakka, der Götterkönig, indem er die Mönchsgemeinde vorangehen ließ, zum Ketumatī-Schlosse, umarmte dort Mahāsena, den Göttersohn, und sprach:

„Es ersucht dich, Verehrter, die Mönchsgemeinde um Wiedergeburt in der Menschenwelt.“

„Ich begehre nicht nach der Menschenwelt, o Herr, wo es viel (leidschaffendes) Wirken gibt (wörtl.: „mit vielkamma“). Schrecklich ist die Menschenwelt! Ich möchte, o Herr, nach der Wiedergeburt in immer höheren Sphären, eben in der Götterwelt die völlige Erlösung erreichen.“ Und auch zum zweitenmale und drittenmale von Sakka, dem Götterkönig, ersucht, gab Mahāsena, der Göttersohn, die nämliche Antwort.

Darauf wandte sich der ehrwürdige Assagutta an Mahāsena, den Göttersohn, und sprach: „Die ganzen Götterwelten haben wir durchsucht, Verehrter, doch keinen anderen haben wir gefunden außer dir, der es vermöchte, die Behauptungen des Königs Milinda zu widerlegen und so der Lehre als Stütze zu dienen. Die Mönchsgemeinde, o Verehrter, ersucht dich um Wiedergeburt in der Menschenwelt, damit, o Edler, du der Lehre des mit den zehn Kräften ausgerüsteten Buddha als Stütze dienen möchtest.“

Durch diese Worte aber wurde Mahāsena, der Göttersohn, von Freude und Begeisterung erfüllt—in dem Gedanken nämlich, daß er imstande sein werde, die Behauptungen des Königs Milinda zu widerlegen und so ein Retter der Lehre zu werden. Er gab nun seine Zustimmung und sprach: „Nun gut, o Herr, ich will in der Menschenwelt wieder erscheinen.“

Als somit jene Mönche ihre Aufgabe erledigt hatten, verschwanden sie aus dem Himmel der Dreiunddreißig und traten auf der „Geschützten Fläche“ an den Abhängen des Himalajagebirges wieder in Erscheinung. Und der ehrwürdige Assagutta wandte sich an die Mönchsgemeinde und fragte, ob vielleicht irgend einer der Mönche, die dieser Gemeinschaft angehörten, nicht in der Versammlung zugegen sei.

Auf diese Worte erwiderte einer der Mönche dem ehrwürdigen Assagutta, daß der ehrwürdige Rohana vor einer Woche sich ins Himalajagebirge begeben und sich dort in den (meditativen) Erlöschungszustand (nirodha, steht für die vollständige Bezeichnung „Erlöschung von Wahrnehmung und Gefühl“ (saññā-vedayita-nirodha) ein zeitweiliger Meditationszustand tiefster Versenkung, siehenirodha-samāpatti) versenkt habe, und daß man deshalb einen Boten zu ihm senden möge.

Der ehrwürdige Rohana jedoch, der sich gerade in diesem Augenblicke aus dem Erlöschungszustand erhoben hatte fühlte, daß die Gemeinde ihn erwartete. Und er verschwand alsobald vom Himalajagebirge und trat auf der „Geschützten Fläche“ vor den zahlreichen Mönchen wieder in Erscheinung.

Und der ehrwürdige Assagutta sprach zu ihm: „Weißt du denn nicht, Freund Rohana, was die Gemeinde zu tun hat, jetzt wo die Lehre des Erleuchteten im Zerfall begriffen ist?“

„Daran habe ich nicht gedacht, o Herr.“

„So hast du denn, Freund Rohana, dafür Sühne zu leisten.“

„Und was muß ich da tun, o Herr?“

„An den Abhängen des Himalaja, Freund Rohana, da liegt ein Brahmanendorf, Kajañgala genannt. Dort wohnt ein Brahmane namens Sonuttara. Der wird einen Sohn empfangen, mit Namen Nāgasena. Dort zu jenem Hause sollst du sieben Jahre und zehn Monate lang um Almosen gehen. Darauf sollst du den jungen Nāgasena aus dem Hausleben entziehen und als Novizen aufnehmen. Und sobald jener in die Hauslosigkeit fortgezogen sein wird, sollst du von deiner Schuld befreit sein.“

„Nun gut!“ stimmte der ehrwürdige Rohana bei.

Mittlerweile verschied Mahāsena, der Göttersohn, aus dem Himmel der Dreiunddreißig und wurde im Leibe der Frau des Brahmanen Sonuttara wiedergeboren. Im Augenblicke seiner Wiedergeburt taten sich drei wunderbare, außerordentliche Erscheinungen kund: sämtliche Waffenkammern leuchteten auf, die junge Saat wurde reif, und ein mächtiger Regen (während der Trockenzeit) strömte hernieder. Der ehrwürdige Rohana ging nun von der Geburt des Knaben an sieben Jahre und zehn Monate lang zu jenem Hause um Almosen. Doch nicht an einem einzigen Tage erhielt er selbst nur einen Löffel Reis oder eine Kokosschale voll Suppe oder eine Begrüßung oder einen Handgruß oder irgend welche Ehrfurchtsbezeigung. Nein, nichts als Hohn und Spott erntete er. Selbst nicht ein einziges Mal sprach einer die übliche Bitte aus, den Almosengang fortzusetzen. Am Ende der sieben Jahre und zehn Monate jedoch wurde ihm eines Tages endlich einmal gesagt: „Wolle, bitte, der Herr weitergehen!“ (Dies ist die übliche Höflichkeitsformel, mit der man den auf Almosen wartenden Mönch zur nächsten Türe verweist, falls man gerade keine Speise bereit hat oder nicht gewillt ist, solche zu geben)Gerade an jenem Tage nun aber kam der Brahmane von einer außerhalb verrichteten Arbeit zurück, und als er den ehrwürdigen Rohana unterwegs erblickte, fragte er, ob er auch zu seinem Hause gegangen sei.

„Ja, Brahmane“, war die Antwort.

„Und hast du irgend etwas bekommen?“

„Ja, Brahmane, ich habe etwas bekommen.“

Darauf ging jener voll Verdruß in sein Haus und fragte, ob man dem Mönch etwas gegeben habe. „Nein!“ hieß es. „Wir haben nichts gegeben.“

Am folgenden Tage setzte sich deshalb der Brahmane vor seine Haustür, indem er bei sich dachte: „Heute aber will ich den Mönch für seine Lüge demütigen.“ Und der Ordensältere kam am nächsten Tage wieder zur Haustüre des Brahmanen. Kaum aber hatte ihn der Brahmane erblickt, als er auch schon zu ihm sprach: „Du hast gestern behauptet, in unserem Hause etwas bekommen zu haben, und nicht das Geringste hast du bekommen. So ist das Lügen wohl bei euch erlaubt?“

Der Ordensältere aber sprach: „Während der sieben Jahre und zehn Monate habe ich in eurem Hause auch nicht ein einziges Mal die bloßen üblichen Worte zu hören bekommen: „Wolle der Herr, bitte, weitergehen!“ Gestern aber bekam ich diese Worte zu hören. Und eben mit Beziehung auf diese höflichen Worte habe ich solches gesagt.“

Da dachte der Brahmane bei sich: „Diese Mönche sprechen ja schon wegen eines bloßen, höflichen Wortes, das sie zu hören bekommen, unter den Leuten ihre Anerkennung aus, indem sie sagen, daß sie etwas erhalten haben. Wie sollten sie es dann nicht erst recht anerkennen, wenn sie irgend eine harte oder weiche Speise erhalten?“ Und voll Freude ließ er ihm von dem Reis, der für ihn persönlich hergerichtet war, einen Löffel voll als Almosen darreichen, zusammen mit der entsprechenden Portion Gemüse, indem er sagte: „Diese Gabe, o Herr, sollt ihr alle Tage erhalten.“ Sobald er nun die innere Ruhe des Ordensälteren der vom folgenden Tage ab stets kam, wahrgenommen hatte, fand er mehr und mehr Gefallen an ihm und bat ihn, von nun ab regelmäßig bei der Almosenverteilung in seinem Hause zugegen zu sein. Der Ordensältere gab stillschweigend seine Zustimmung. Und täglich, wenn er sein Mahl beendet hatte und im Begriffe war zu gehen, trug er diesen oder jenen kurzen Ausspruch des Erleuchteten vor.

(Obgleich der Brahmane dem Nāgasena täglich Almosen darreicht, ist er dadurch noch keineswegs ein Anhänger der buddhistischen Lehre. Es ist nämlich in Indien Sitte, ohne Unterschied der Sekte und religiösen Überzeugung, allen Mönchen Almosen darzureichen.)

Nach Verlauf von zehn Monaten nun brachte die Frau des Brahmanen einen Sohn zur Welt, dem man den Namen Nāgasena gab. Allmählich wuchs derselbe heran und erreichte das Alter von sieben Jahren. Und der Vater des jungen Nāgasena sprach zu seinem Sohne: „Du solltest dich nun, lieber Nāgasena, in den Studien dieser Brahmanenkaste schulen.“

„Welche sind dies, lieber Vater?“

„Die drei Veden, lieber Nāgasena, gelten als die Wissenschaften, die anderen Arten des Könnens aber bezeichnet man als die Künste.“

„So will ich mich denn, lieber Vater, den Studien widmen.“

Und der Brahmane Sonuttara gab einem Brahmanenlehrer eintausend Geldstücke als Lehrgehalt und ließ in einem abseits gelegenen Zimmer im Innern des Hauses Sitzgelegenheiten herrichten und sprach zu dem Brahmanenlehrer: „Lasse du, Brahmane, diesen Knaben die heiligen Gesänge lernen!“

Und der Brahmanenlehrer trug die heiligen Gesänge vor und ließ sie den Knaben auswendig lernen. Und schon nach einer einmaligen Rezitation wußte der junge Nāgasena bereits die drei Veden auswendig, konnte sie wörtlich hersagen, hatte sie wohl behalten, wohl im Gedächtnisse bewahrt, wohl im Geiste erwogen. Und ganz von selber gewann er einen Einblick in die drei Veden, mitsamt dem Wörterverzeichnis, der Formenlehre, den Wortzergliederungen und als fünftem den Legenden. Und er wurde vertraut mit den Worten und der Grammatik, wohl bewandert in der Naturlehre und den Merkmalen eines großen Mannes.

Da sprach der junge Nāgasena zu seinem Vater: „Gibt es wohl, lieber Vater, in dieser Brahmanenkaste noch mehr zu lernen, oder ist dies alles?“

„Nein, dies ist alles, lieber Nāgasena.“

Nachdem nun der junge Nāgasena seinem Lehrer Rechenschaft über sein Können abgelegt hatte, ging er aus dem Hause, und infolge einer angeborenen Neigung, von einem inneren Triebe beseelt, eilte er in die Einsamkeit. Und während er dort zurückgezogen weilte, sann er über den Anfang, die Mitte und das Ende seines eigenen Könnens nach. Als er aber beim Überdenken der Veden weder am Anfang noch der Mitte noch dem Ende derselben den geringsten Gehalt bemerken konnte, da ward er ganz traurig und unzufrieden und dachte: „Nichtig sind doch diese Veden, leere Hülsen, gleich, ohne Kern und Gehalt?“

Der ehrwürdige Rohana, der in diesem Augenblicke in der Vattanīya-Klause saß, erkannte im Geiste die Gedanken des jungen Nāgasena. Er kleidete sich daher an, verschwand aus der Vattanīya-Klause und trat, mit Schale und Gewand versehen, vor dem Brahmanendorfe Kajañgala wieder in Erscheinung. Und der junge Nāgasena, der in diesem Augenblicke in der Torhalle des Hauses stand, sah schon von Ferne den ehrwürdigen Rohana herankommen. Durch seinen Anblick aber wurde er froh und freudig gestimmt. Und mit Entzücken und Freude dachte er, daß vielleicht dieser Mönch etwas wirklich Gehaltvolles wisse. Und er ging auf den ehrwürdigen Rohana zu und sprach ihn an mit den Worten: „Wer bist du, o Herr, der du deine Haare geschoren hast und gelbe Gewänder trägst?“

„Einen Hauslosen (Mönch,pabbajitowörtl.: „ein Hinausgezogener“, nämlich aus dem weltlichen Hausleben ins Mönchtum.) nennt man mich, o Knabe.“

„Aus welchem Grunde aber, o Herr, nennt man dich einen Hauslosen?“

„Weil ich von zu Hause fortgezogen bin, um dem Schmutze des Lasters zu entgehen: darum, mein Knabe, nennt man mich einen Hauslosen.“

„Aus welchem Grunde aber, o Herr, trägst du keine Haare wie alle anderen?“

„Angesichts folgender sechzehn Ablenkungen, mein Knabe, habe ich als Hausloser Haar und Bart geschoren. Diese sind das Schmücken der Haare, der Gebrauch von Schönheitsmitteln, das Einölen, Waschen und Verwenden von Blumen, wohlriechenden Substanzen und Salben, von gelben und schwarzen Myrobalansamen, das Färben, Zusammenbinden und Kämmen der Haare, das Zuhilfenehmen eines Barbiers, das Auskämmen von Knoten sowie das Ungeziefer. Und wenn da einem die Haare ausfallen, so ist man voller Sorge und quält sich; man jammert und schlägt sich in die Brust und gerät in Verzweiflung. Ja, mein Knabe, die Menschen, die in diese sechzehn Ablenkungen verwickelt sind, vernachlässigen alle feineren Künste.“

„Aus welchem Grunde aber, o Herr, trägst du keine Kleider wie alle anderen?“

„Die weltlichen Kleider, mein Knabe, sind mit Sinnlichkeit verknüpft; sie reizen die Sinne und sind das Kennzeichen der in der Welt Lebenden. Wer aber mit dem gelben Gewande bekleidet ist, ist den Gefahren nicht ausgesetzt, die zufolge der weltlichen Kleider entstehen. Aus diesem Grunde trage ich keine Kleider wie alle anderen.“

„Kennst du wohl, o Herr, die Wissenschaften?“

„Ja, mein Knabe, ich kenne die Wissenschaften; und was in der Welt das höchste Wissen ist , auch das kenne ich. “

„Könntest du mir aber wohl, o Herr jenes Wissen anvertrauen?“

„Ja, mein Knabe, das kann ich.“

„So tue es, bitte!“

„Es ist jetzt nicht an der Zeit, mein Knabe, denn ich habe eben gerade meinen Almosengang im Dorfe angetreten.“

Der junge Nāgasena entnahm daher die Almosenschale den Händen des ehrwürdigen Rohana und hieß ihn in das Haus eintreten. Dort bewirtete er den ehrwürdigen Rohana, indem er ihm eigenhändig mit auserlesenen harten und weichen Speisen aufwartete. Als nun der ehrwürdige Rohana mit dem Mahle fertig war und seine Hand von der Almosenschale zurückgezogen hatte, wandte sich der junge Nāgasena zu ihm und sprach: „Vertraue mir nun, o Herr, jenes Wissen an!“

„Wenn du, mein Knabe, keine Ablenkungen mehr haben wirst und mit Einwilligung deiner Eltern die auch von mir gewählte Mönchskleidung tragen willst, so werde ich dir jenes Wissen anvertrauen.“

Und der junge Nāgasena begab sich alsbald zu seinen Eltern hin und sprach zu ihnen: „Liebe Eltern, dieser Hauslose sagt, daß er das höchste Wissen in der Welt kenne, doch will er mir's nicht anvertrauen, wenn ich nicht unter ihm das Weltleben verlasse. Ich möchte daher unter ihm dies Weltleben verlassen und mir jenes Wissen aneignen.“

Da dachten seine Eltern: „Lassen wir ruhig unseren Sohn jenes Wissen sich aneignen, selbst wenn er dafür in die Hauslosigkeit zieht. Er wird ja doch, sobald er sich dasselbe angeeignet haben wird, wieder zu uns zurückkehren.“ Und sie gaben ihm ihre Einwilligung mit den Worten: „Gut, lieber Sohn, du magst dir jenes Wissen aneignen.“

Und der ehrwürdige Rohana nahm den jungen Nāgasena mit sich und ging mit ihm zur Vattanīya-Klause in Vijambha-Vatthu. Nachdem er dort die Nacht verbracht hatte, begab er sich zur „Geschützten Fläche“ und nahm den jungen Nāgasena unter Beisein der zahllosen Heiligen als Hauslosen auf. Als Hausloser aber aufgenommen, sprach er, der ehrwürdige Nāgasena, zum ehrwürdigen Rohana: „Ich habe deine Kleidung angenommen, o Herr. Vertraue mir nun jenes Wissen an!“

Und der ehrwürdige Rohana dachte für sich: „Worin soll ich wohl Nāgasena zuerst unterrichten, in den Lehrreden oder in den philosophischen Texten (Abhidhamma)?“ Da er sich aber sagte, daß Nāgasena klug war und befähigt, die philosophischen Texte mit großer Leichtigkeit zu erlernen, so entschloß er sich, ihn zuerst darin zu unterweisen. Und schon nach einer einmaligen Rezitation konnte der ehrwürdige Nāgasena die ganze Sammlung der philosophischen Werke auswendig, nämlich:

  1. die „Aufzählung der Daseinsphänomene“ (Dhammasangani) mit der Einteilung in heilsame, unheilsame und karmisch-neutrale Dinge, (in einer Darstellung) geziert mit Zweier- und Dreiergruppen;
  2. das „Buch der Abhandlungen“ (Vibhanga), das auch aus achtzehn Abhandlungen (über die Daseinsgruppen usw.) besteht;
  3. das „Buch von der Besprechung der Elemente“ (Dhātu-Katha) mit seinen vierzehn Kapiteln, über Verbundensein und Nichtverbundensein;
  4. das „Buch der Charaktere“ (Puggala-Paññatti) mit seiner sechsfachen Einteilung in die Darstellung der Daseinsgruppen, die Darstellung der Sinnesgrundlagen usw.;
  5. das „Buch der Diskussions-Gegenstände“ (Kathā-Vatthu), das, im Ganzen genommen, aus tausend Traktaten besteht, nämlich aus fünfhundert Traktaten über unsere eigene Lehre und aus fünfhundert Traktaten über die Lehre der Gegner;
  6. das „Buch der Paare“ (Yamaka) mit seiner sechsfachen Einteilung in paarweise Fragen über Wurzeln, Daseinsgruppen usw.;
  7. das „Buch von der Entstehung“ (Patthāna) mit seiner Einteilung in die vierundzwanzig Bedingtheitsarten, als wie Wurzelbedingung, Objektbedingung usw.

Und der ehrwürdige Nāgasena sprach: „Das genügt, o Herr! Du brauchst es nicht nochmals vorzutragen; mit dem allein kann ich es nun rezitieren.“

Und der ehrwürdige Nāgasena begab sich zu der zahllosen Schar der Heiligen und sprach: „Ehrwürdige, ich möchte die ganze Sammlung der philosophischen Lehren ausführlich vortragen, indem ich dieselben unter drei Gesichtspunkten zusammenfasse, nämlich den heilsamen, unheilsamen und karmisch-neutralen Erscheinungen.“

„Nun gut, Nāgasena, so trage sie vor!“

Der ehrwürdige Nāgasena trug alsdann in sieben Monaten sämtliche sieben Bücher ausführlich vor. Und die Erde erbebte, die Gottheiten spendeten ihren Beifall, die Brahmas klatschten in die Hände, und himmlischer Sandelstaub und himmlisch leuchtende Korallenblüten regneten hernieder. Als nun der ehrwürdige Nāgasena sein zwanzigstes Lebensjahr erreicht hatte, gab ihm die zahllose Schar der Heiligen auf der „Geschützten Fläche“ die volle Mönchsweihe.

(Zur Aufnahme als Mönch (bhikkhu), d.i. als vollberechtigtes Mitglied des buddhistischen Ordens (sangha) ist das vollendete 20.Lebensjahr erforderlich. Die Aufnahme als Novize (sāmanera) kann indessen schon im 7. Lebensjahr erfolgen.)

Nach Ablauf jener Nacht nun, am frühen Morgen, rüstete sich der ehrwürdige Nāgasena, der nun zum Mönche geweiht war, nahm Gewand und Schale und begab sich, zusammen mit seinem Berater, zum Dorfe um Almosen. Unterwegs stieg ihm folgender Gedanke auf: „Wahrlich, ein nichtiger Mensch ist doch mein Berater, ein Tor, daß er mich da zuerst im Abhidhamma unterwies und das übrige Buddha-Wort beiseite gelassen hat!“

Der ehrwürdige Rohana jedoch erkannte im Geiste die Gedanken des ehrwürdigen Nāgasena und sprach: „Einen unpassenden Gedanken erwägst du da, Nāgasena. Das ist nicht recht von dir.“

„Das ist doch wirklich seltsam und wunderbar“, dachte der ehrwürdige Nāgasena, „wie da mein Berater im Geiste meine Gedanken durchschauen kann! Mein Berater ist doch wirklich weise! Wie, wenn ich ihn nun um Verzeihung bitte?“ Und er sprach: „Verzeihe mir, o Herr! Nie will ich wieder solches denken.“

„So einfach, Nāgasena, werde ich dir nun doch nicht verzeihen“, erwiderte ihm der ehrwürdige Rohana. „Es gibt da eine Stadt, Nāgasena, die Sāgalā heißt. Dort herrscht ein König, Milinda mit Namen, der die Gemeinde der Mönche belästigt, indem er ihr auf sophistische Weise Fragen stellt. Wenn du dort hingehst, jenen König in der Diskussion besiegst und ihn Vertrauen zur Buddha-Lehre gewinnen läßt, soll dir verziehen sein.“

„Sei es um diesen einen König Milinda, o Herr! Wenn selbst alle Könige des ganzen indischen Kontinents kommen und mir Fragen stellen sollten, so würde ich eben alle durch meine Antworten zu Schanden machen. Verzeihet mir also, o Herr!“

Als er jedoch auf diese Bitte noch immer eine abschlägige Antwort erhielt, sprach er: „Bei wem, o Herr, soll ich die drei Regenmonate (vassa) zubringen?“

„Da ist, Nāgasena, der ehrwürdige Assagutta, der in der Vattanīya-Klause wohnt. Den suche auf, Nāgasena; verbeuge dich in meinem Namen ehrfurchtsvoll zu seinen Füßen und sprich: Mein Berater, o Herr, verbeugt sich ehrfurchtsvoll zu Füßen des ehrwürdigen Assagutta und erkundigt sich, ob der ehrwürdige Assagutta gesund sei, ohne Beschwerden, munter und rüstig, und sich wohl befinde. Mein Berater hat mich geschickt, um bei dir die drei Regenmonate zu verbringen. Wenn er nun nach dem Namen deines Beraters fragt, so sage ihm, daß es der Ordensältere Rohana sei. Wenn er aber fragen sollte, wie sein eigener Name laute, so erwidere ihm, daß dein Berater seinen Namen kenne.“

„Gut, o Herr“, versetzte der ehrwürdige Nāgasena, verbeugte sich ehrerbietig vor dem ehrwürdigen Rohana und ging davon, indem er ihm die Rechte zugekehrt hielt. Dann nahm er Gewand und Almosenschale und wanderte von Ort zu Ort, bis er schließlich in der Vattanīya-Klause beim ehrwürdigen Assagutta anlangte. Dort angekommen, begrüßte er ehrfurchtsvoll den ehrwürdigen Assagutta und stellte sich zur Seite hin. Darauf tat er genau, wie es ihm sein Berater vorgeschrieben hatte. Und der ehrwürdige Assagutta sprach: „Gut, gut, Nāgasena! Lege Schale und Gewand zur Seite!“

Am folgenden Tage kehrte der ehrwürdige Nāgasena die Zelle aus und besorgte für den Ordensälteren Wasser zum Waschen des Gesichtes und ein Holzstäbchen zum Zähnereinigen. Der Ordensältere aber fegte den bereits gefegten Platz noch einmal, schüttete das Wasser aus und holte frisches Wasser, warf das Holzstäbchen zum Zähnereinigen weg und nahm ein neues. Und er ließ sich in keinerlei Gespräch ein. So vergingen sieben Tage, und als der ehrwürdige Assagutta dem ehrwürdigen Nāgasena an dem darauf folgenden Tage nochmals die früheren Fragen vorgelegt und genau dieselben Antworten wie früher erhalten hatte, gestattete er ihm, die Regenzeit bei ihm zu verbringen.

Zu der damaligen Zeit aber ließ, seit dreißig Jahren, eine Hauptanhängerin dem ehrwürdigen Assagutta ihre Unterstützung zuteil werden. Als nun die drei Monate um waren, kam jene Hauptanhängerin zum ehrwürdigen Assagutta und erkundigte sich, ob noch ein anderer Mönch bei ihm wohne, und auf seine Mitteilung hin, daß sich ein Mönch namens Nāgasena bei ihm befinde, lud sie ihn, zusammen mit Nāgasena, für den folgenden Tag zum Essen ein. Schweigend gewährte der ehrwürdige Assagutta ihre Bitte. Und nach Ablauf der Nacht rüstete sich der ehrwürdige Assagutta in der Frühe, nahm Gewand und Almosenschale und begab sich, zusammen mit dem ehrwürdigen Nāgasena als seinem Begleiter, zur Wohnung der Hauptanhängerin. Dort angelangt, setzte er sich auf dem angebotenen Sitze nieder. Und jene Hauptanhängerin bewirtete den ehrwürdigen Assagutta und den ehrwürdigen Nāgasena, indem sie ihnen eigenhändig mit auserwählten harten und weichen Speisen aufwartete. Als nun der ehrwürdige Assagutta mit dem Male fertig war und seine Hände von der Almosenschale zurückgezogen hatte bat er den ehrwürdigen Nāgasena, für die Hauptanhängerin die Danksagung zu sprechen (anumodanā). Darauf erhob er sich von seinem Sitze und ging weg.

Die Hauptanhängerin sprach sodann zum ehrwürdigen Nāgasena: „Ich bin nun schon alt, lieber (tāta, eine liebevolle Anrede, die gewöhnlich Eltern ihren Kindern gegenüber benutzen) Nāgasena. Mögest du mich daher mit einem tiefgründigen Vortrage über die Lehre erfreuen!“

Und der ehrwürdige Nāgasena gab ihr die Danksagung durch eine tiefgründige Lehrdarlegung, die vom Überweltlichen und der Leerheit (von Ich und Mein) handelte. Jener Hauptanhängerin aber ging, als sie noch auf ihrem Platze dasaß, das ungetrübte, unbefleckte Auge der Wahrheit auf: daß alles, was auch immer dem Gesetze des Entstehens unterworfen ist, auch dem Gesetze der Vergänglichkeit anheimfallen muß. Auch dem ehrwürdigen Nāgasena, der nach seinem Dankvortrage über die selber dargelegte Wahrheit nachsann und „Klarblick“ gewann, wurde, als er noch auf seinem Platze dasaß, des „Ziels des Stromeintrittes“ (sotāpatti, sieheariyapuggala) teilhaftig.

Als der ehrwürdige Assagutta aber, der gerade in diesem Augenblicke in der Vorhalle saß, erkannte, daß beiden das Auge der Wahrheit aufgegangen war, spendete er seinen Beifall, indem er ausrief: „Recht so, recht so, Nāgasena! Mit einem Schlage hast du zwei mächtige Körper gesprengt!“ Und viele Tausende Gottheiten spendeten gleichfalls ihren Beifall.

Der ehrwürdige Nāgasena erhob sich sodann von seinem Sitze und begab sich zum ehrwürdigen Assagutta. Dort angelangt, begrüßte er ihn ehrfurchtsvoll und setzte sich zur Seite nieder. Und der ehrwürdige Assagutta sprach zu ihm: „Begib dich nach Pātaliputta, Nāgasena, denn dort bei der Stadt Pātaliputta, im Asoka-Kloster, wohnt der ehrwürdige Dhammarakkhita, unter dem du nun das Wort des Buddha lernen sollst.“

„Wie weit, o Herr, ist es wohl von hier bis Pātaliputta?“

„Hundert Meilen, Nāgasena.“

„Das ist ein gar weiter Weg, o Herr; und unterwegs kann man wohl schwerlich Almosen erhalten. Wie werde ich dahin gehen können?“

„Gehe nur, Nāgasena! Unterwegs wirst du schon Almosen erhalten, ja sogar gesichteten Reis nebst mancherlei Suppen und Gemüsen.“

„Nun gut, o Herr!“ versetzte der ehrwürdige Nāgasena, verbeugte sich vor dem ehrwürdigen Assagutta und entfernte sich, indem er ihm die rechte Seite zugekehrt hielt (ein Zeichen der Ehrerbietung). Dann nahm er Gewand und Almosenschale und machte sich auf den Weg nach Pātaliputta.

Damals nun zog ebenfalls ein Großkaufmann aus Pātaliputta mit seinen fünfhundert Wagen die Straße entlang nach Pātaliputta. Und schon von Ferne sah derselbe den ehrwürdigen Nāgasena herankommen. Sobald er ihn aber erblickt hatte, ließ er die fünfhundert Wagen anhalten, ging dem ehrwürdigen Nāgasena entgegen, und begrüßte ihn ehrfurchtsvoll, indem er ihn fragte, wo er hin wolle.

„Nach Pātaliputta, Hausvater“, lautete die Antwort.

„Gut, gut Verehrter. Auch wir wollen nach Pātaliputta. In unserer Begleitung kannst du bequem reisen.“

Und der Großkaufmann, dem die Manieren des ehrwürdigen Nāgasena gefielen, bediente ihn und wartete ihm eigenhändig mit auserlesener harter und weicher Speise auf. Als der ehrwürdige Nāgasena mit dem Mahle fertig war und seine Hände von der Almosenschale zurückgezogen hatte, nahm der Großkaufmann einen niedrigen Stuhl und setzte sich zur Seite hin, indem er sich zum ehrwürdigen Nāgasena wandte mit den Worten: „Wie heißt du, Verehrter?“

„Nāgasena ist mein Name, Hausvater.“

„Kennst du wohl, Verehrter, was man das Buddha-Wort nennt?“

„Ich kenne, Hausvater, die Texte des Abhidhamma.“

„Gesegnet sind wir, Verehrter! Wohl getroffen haben wir's, Verehrter! Denn ich, Verehrter, bin ebenso wie du, ein Kenner des Abhidhamma. Trage mir also einige Lehren aus dieser Sammlung vor!“

Und der ehrwürdige Nāgasena legte dem Großkaufmann aus Pātaliputta den Abhidhamma dar, und noch während des Vortrages ging dem Großkaufmann das ungetrübte, unbefleckte Auge der Wahrheit auf, und er erkannte: „Was irgend auch entstanden ist, muß alles wieder untergehen.“

Darauf schickte der Großkaufmann die fünfhundert Wagen voraus, und er selber folgte hinterher. An einer Zweigstraße unweit von Pātaliputta hielt er an und sprach zum ehrwürdigen Nāgasena: „Dies, Verehrter, dies ist der Weg zum Asoka-Kloster. Ich habe da, Verehrter, eine sechzehn Ellen lange und acht Ellen breite wertvolle Wolldecke. Habe Mitleid mit mir und nimm sie bitte an!“

Und von Mitleid bewogen nahm sie der ehrwürdige Nāgasena an. Froh und zufrieden, beglückten Herzens und voller Begeisterung und Freude verbeugte sich darauf der Kaufmann vor dem ehrwürdigen Nāgasena und zog weiter, indem er ihm die Rechte zugekehrt hielt.

Der ehrwürdige Nāgasena aber begab sich zum Asoka-Kloster, zum ehrwürdigen Dhammarakkhita. Bei seiner Ankunft begrüßte er ehrfurchtsvoll den ehrwürdigen Dhammarakkhita und teilte ihm den Grund seines Kommens mit. In drei Monaten eignete sich nun der ehrwürdige Nāgasena unter ihm, schon nach einer einmaligen Rezitation, den Wortlaut der in sämtlichen Drei Sammlungen (Ti-Pitaka) enthaltenen Worte des Erleuchteten an, und in den nächsten drei Monaten versenkte er sich in deren Sinn. Der ehrwürdige Dhammarakkhito aber sprach zu ihm: „Gleichwie da, Nāgasena, ein Kuhhirt seine Kühe hütet, andere aber die Milch der Kühe genießen, ebenso, Nāgasena, trägst du zwar die Drei Sammlungen der Worte des Erleuchteten mit dir im Kopfe herum, ein Anteil an wahrer Asketenschaft (d.h. die Heiligkeit) aber ist dir nicht beschieden.“

„Sei dem, wie es will, o Herr! Genug damit!“ sagte der ehrwürdige Nāgasena. Und noch in der Nacht des selbigen Tages hatte er die Vollkommene Heiligkeit (arahatta) erreicht, samt dem Analytischen Wissen (patisambhidā). In dem Augenblicke aber, wo er die Wahrheit durchdringend schaute, spendeten ihm all die Gottheiten ihren Beifall, die Erde erbebte, die Götter klatschten in die Hände, und himmlischer Sandelstaub und himmlisch leuchtende Korallenblüten regneten hernieder.

Damals hatte sich gerade die zahllose Schar der Heiligen auf der „Geschützten Fläche“ an den Abhängen des Himalaja zusammen gefunden. Und sie schickten einen Boten zum ehrwürdigen Nāgasena, durch den sie ihn einladen ließen zu kommen, da sie ihn zu sehen wünschten. Sobald er daher die Worte des Boten vernommen hatte, verschwand er aus dem Asoka-Kloster und trat vor den Augen der zahllosen Heiligen auf der „Geschützten Fläche“ an den Abhängen des Himalaja wieder in Erscheinung (Nāgasena war nämlich inzwischen in den Besitz der magischen Kräfte gelangt, die ihm gestatteten, wo immer er wollte, zu verschwinden und zu erscheinen). Diese aber sprachen zu ihm: „Der König Milinda, Nāgasena, belästigt die Gemeinde der Mönche mit Rede und Gegenrede und mit seinen Fragen. Gehe, bitte, Nāgasena, und widerlege den König Milinda! “

„Sei es, Verehrte, um diesen einen König Milinda. Wenn selbst die Könige des gesamten indischen Kontinentes kommen und mir Fragen stellen sollten, Verehrte, so würde ich eben alle durch meine Antworten zunichte machen. Geht nur ganz ohne Furcht zur Stadt Sāgalā, Verehrte!“

Und die Ordensälteren begaben sich alsbald nach Sāgalā und ließen die ganze Stadt durch ihre goldgelben Gewänder erglänzen und von dem Tugenddufte der Weisen durchdringen.

Zu jener Zeit nun wohnte der ehrwürdige Ayupāla in der Sankheyya-Klause. Und der König Milinda wandte sich an seine Räte und sprach: „Welchen Asketen oder Priester könnte ich wohl heute aufsuchen, um mit ihm zu diskutieren und ihm meine Fragen vorzulegen?“

Auf diese Worte erwiderten die fünfhundert Griechen dem Könige Milinda: „Es gibt da, o König, einen Ordensälteren mit Namen Ayupāla, der ein Kenner des Dreikorbes ist, ein großes Wissen besitzt und mit der Überlieferung wohl vertraut ist. Jener wohnt gegenwärtig in der Sankheyya-Klause. Geh, König, und stelle jenem ehrwürdigen Ayupāla deine Fragen!“

„Gut, so meldet mich dem Ehrwürdigen!“

Darauf schickte der Astrologe des Königs einen Boten zum ehrwürdigen Ayupāla und ließ ihm mitteilen, daß ihn der König zu sprechen wünsche.

„Gut, möge er kommen!“ versetzte der ehrwürdige Ayupāla.

Und der König Milinda bestieg seinen Staatswagen und begab sich, von den fünfhundert Griechen begleitet, zur Sankheyya-Klause, zum ehrwürdigen Ayupāla. Bei seiner Ankunft begrüßte er sich mit dem ehrwürdigen Ayupāla, und nach Austausch freundlicher und zuvorkommender Worte setzte er sich zur Seite nieder und sprach:

„Welchen Zweck, o Herr, hat eure Weltentsagung? Was ist euer höchstes Ziel?“

„Der Zweck unserer Weltentsagung, o König, ist ein rechter und gerader Wandel.“

„Gibt es wohl auch irgend einen unter den Laien, der einen rechten und geraden Wandel führt?“

„Gewiß, o König, gibt es auch Laien von rechtem und geradem Wandel. Als zum Beispiel der Erhabene an der Sehersteige im Gazellenhaine bei Benares das Reich der Wahrheit aufrichtete, gelangten achtzehn Myriaden Brahma-Götter nebst unzählbaren Gottheiten zur Durchdringung der Wahrheit; alle jene aber waren Laien, hatten keineswegs der Welt entsagt.

Und ebenfalls, als der Erhabene

  • die „Rede an die Große Versammlung“ vortrug,
  • die „Rede vom Höchsten Segen“,
  • die „Darlegung des Gleichmutes“, „Rāhulas Ermahnung“ und
  • die „Rede von der Niedrigkeit“,

da durchdrangen unzählige Gottheiten die Wahrheit (dhammābhi-samaya); alle jene aber waren Laien, hatten keineswegs der Welt entsagt.“

„Demnach, ehrwürdiger Ayupāla, ist ja eure Weltentsagung ganz zwecklos; und es ist wohl bloß infolge der in einem früheren Leben begangenen bösen Tagen, daß die Asketen des Sakyersohnes die Welt verlassen und die strengen „Läuterungsübungen“ (dhutanga) auf sich nehmen. Gewiß waren jene Mönche, ehrwürdiger Ayupāla, die da bloß während einer einzigen Sitzung speisen, in einem früheren Leben Diebe und haben andere ihrer Nahrung beraubt. Dafür nämlich, daß sie damals andere ihrer Nahrungsmittel beraubt haben, nehmen sie jetzt zur Strafe für jene Taten bloß während einer einzigen Sitzung Nahrung zu sich und können nicht etwa dann und wann essen. Das ist also bei ihnen keine Sittlichkeit, keine Askese, kein heiliger Wandel. Diejenigen Mönche nun, ehrwürdiger Ayupāla, die unter freiem Himmel leben, müssen in einem früheren Leben Räuber gewesen sein und ganze Dörfer verwüstet haben. Dafür nämlich, daß sie damals der anderen Häuser zerstört haben, wohnen sie jetzt zur Strafe für jene Taten unter freiem Himmel und bekommen keine Wohnstätte zum Schlafen. Das ist also bei ihnen keine Sittlichkeit, keine Askese, kein heiliger Wandel. Diejenigen Mönche aber, ehrwürdiger Ayupāla, die da sitzend schlafen, waren gewiß in einem früheren Leben Räuber und Wegelagerer. Dafür nämlich, daß sie damals die Wanderer überfallen und, mit gefesselten Händen und Füßen, in sitzender Stellung zurückgelassen haben, müssen sie jetzt zur Strafe für jene Taten sitzend schlafen und bekommen zum Schlafen kein Ruhelager. Das ist also bei ihnen keine Sittlichkeit, keine Askese, kein heiliger Wandel.“

Auf diese Worte blieb der ehrwürdige Ayupāla stumm und konnte nichts mehr entgegnen. Die fünfhundert Griechen aber versicherten nichtsdestoweniger dem Könige Milinda, daß der Ordensältere zwar gelehrt sei, aber infolge seiner Schüchternheit nicht zu widersprechen wage.

Der König Milinda jedoch, der den ehrwürdigen Ayupāla stumm dasitzen sah, klatschte in die Hände und rief aus: „Wahrlich, nichtig ist doch dieses Indien! Einer leeren Hülse gleicht es. Denn nicht einen einzigen gibt es hier unter den Asketen und Priestern, der imstande wäre, mit mir zu diskutieren und meine Zweifel zu lösen!“

Als aber der König die gesamte Schar der Griechen überblickte und bemerkte, wie sie alle so ganz ohne Zagen und Aufregung waren, dachte er: „Zweifellos muß es da noch irgend einen anderen gelehrten Mönch geben, der imstande ist, mit mir zu diskutieren und meine Zweifel zu lösen, denn das dürfte wohl der Grund sein, weshalb diese Griechen gar nicht in Verlegenheit geraten.“ Und er sprach: „Gibt es denn wohl noch irgend einen anderen gelehrten Mönch, der imstande ist, mit mir zu diskutieren und meine Zweifel zu lösen?“

Zu jener Zeit nämlich war gerade der ehrwürdige Nāgasena, nachdem er viele Dörfer, Städte und Residenzen durchwandert hatte, in Sāgalā eingetroffen und wohnte dort, zusammen mit zahlreichen Mönchen, in der Sankheyya-Klause.

Er hatte eine Schar von Asketen um sich versammelt, war das Haupt einer Gemeinde und Jüngerschar, einer Jüngerschar Lehrer, anerkannt, berühmt und von vielen hochgeachtet, gelehrt, klug, weise, scharfsinnig und verständig, ein überzeugender Redner, voll Beherrschung und Selbstvertrauen.

Er war im Besitze umfangreicher Kenntnisse, ein Kenner des Dreikorbes, vollendet im Wissen, von durchdringendem Verstande, mit der Botschaft wohl vertraut und hatte sich das Analytische Wissen zu eigen gemacht.

Die neunfache Satzung (sāsana) des Meisters beherrschte er und hatte in der Lehre des „Siegers“ die Vollkommenheit erreicht. Mit Leichtigkeit verstand er, in den Sinn und Wortlaut der Lehre einzudringen.

Von unversiegbarer, vielseitiger Schlagfertigkeit war er, ein vielseitiger Redner von edler Beredsamkeit, der schwerlich zu erreichen oder gar zu überflügeln, dem schwer zu widersprechen war, dem man nicht widerstehen und ihn nicht widerlegen konnte. Unwandelbar war er wie das Meer und unerschütterlich wie der König der Berge.

Der Lust entfremdet und das Dunkel verscheuchend, ließ er das Licht hell leuchten. Ein mächtiger Redner war er, der die Anhängerschaft der anderen Sektenhäupter über den Haufen warf, die Andersgläubigen zu Schinden machte. Mönche, Nonnen, Anhänger, Anhängerinnen, Fürsten und königliche Beamte verehrten und würdigten ihn, zeigten ihm Ehrfurcht, Achtung und Hochschätzung.

Die Bedarfsgegenstände wie Gewand, Almosenspeise, Lagerstatt, Heilmittel und Arzneien wurden ihm reichlich zuteil. Ja, in der Erlangung von Geschenken und Ansehen hatte er den Gipfelpunkt erreicht. Den Weisen und Verständigen, die auf ihn hörten, wies er das Kleinod der neunfachen Satzung des Siegers, den Wahrheitspfad; und er ließ leuchten das Licht der Wahrheit, richtete auf den heiligen Wahrheitspfeiler und brachte dar die Opfergabe der Wahrheit; er ließ das Wahrheitsbanner schwingen, aufrichten die Flagge der Wahrheit, blasen die Wahrheitstrompete und die große Trommel der Wahrheit erdröhnen, ließ erschallen den Löwenruf und erkrachen den Donner des Indra; und er durchsättigte die ganze Erde mit der in lieblichem Klange erbebenden mächtigen Nektarwolke der Wahrheit, die umzuckt wird von den dichten Blitzen höchster Erkenntnis und durchschwängert ist vom Wasser des Mitleids. Darum heißt es:

Weise war er, voll Beherrschung,
Wissensreich, ein großer Redner,
Kannte alle die Systeme
Und traf stets die rechte Antwort.

Und von denen, die zum Führer
Nāgasena sich erwählten,
Gab es Kenner der Drei Körbe (Ti-Pitaka),
Der Fünf Bände und der vier.

Weise und von tiefer Einsicht,
Gutes sowie Böses kennend,
Hatte höchstes Ziel errungen
Nāgasena, selbstbeherrscht.

Von seinen Mönchen all umgeben,
Von Weisen, Wahrheitskündigern,
Gelangte, Stadt und Dorf durchwandernd,
Er schließlich an in Sāgalā.

Und dort in der Sankheyya-Klause
Nahm Nāgasena seinen Sitz,
Und wenn er mit den Menschen sprach,
Dem Löwen im Gebirge glich.

Die „fünf Bände“ (nikāya) oder Teile des Sutta-Pitaka sind die Lange Sammlung (Digha-Nikāya), die Mittlere Sammlung (Majjhima-Nikāya); die Angereihte Sammlung (Anguttara-Nikāya), die Gruppierte Sammlung (Samyutta-Nikāya) und die Sammlung der kurzen Texte (Khuddaka-Nikāya), welche 15 Bücher enthält.

Die „vier Bände“ beziehen sich wahrscheinlich auf die ersten vier der oben genannten Sammlungen.

Und Devamantiya wandte sich an den König Milinda und sprach: „Nur Geduld, o König! Es gibt da einen Ordensälteren mit Namen Nāgasena, der verständig, aufgeklärt und weise ist, voll Beherrschung und Selbstvertrauen, ein wissensreicher, vielseitiger, mit edler Beredsamkeit begabten Redner, der es zur Vollendung gebracht hat in dem Analytischen Wissen, nämlich des wahren Sinnes, des Wortlautes, der Worterklärungen und der Schlagfertigkeit.

Dieser Mönch aber weilt gegenwärtig hier in dem Sankheyya-Kloster. Gehe, König, und lege dem ehrwürdigen Nāgasena deine Fragen vor, denn er ist imstande, mit dir zu diskutieren und deine Zweifel zu lösen.“ Kaum aber hatte der König den Namen Nāgasena vernommen, als ihn plötzlich Angst und Schrecken befiel und ihm die Haare sich sträubten. Und er sprach zu Devamantiya: „Wie? Der Mönch Nāgasena sollte wirklich imstande sein, mit mir zu diskutieren?“

„Ja, o König!“ versetzte Devamantiya. „Er ist sogar imstande, mit Indra, Yama, Varuna, Kuvera, Pajāpati, Suyāma und Santusita zu diskutieren; ja gar mit dem Urahnherrn, dem Großen Brahma und den Beschirmern der Welt kann er diskutieren, geschweige denn mit einem menschlichen Geschöpfe.“

„So schicke denn, Devamantiya, dem Ehrwürdigen einen Boten!“ sagte der König.

„Ja, o Herr!“ erwiderte Devamantiya, und schickte dem ehrwürdigen Nāgasena die Botschaft, daß ihn der König Milinda zu sehen wünsche. „So möge er denn kommen!“ lautete die Antwort des ehrwürdigen Nāgasena.

Zu jener Stunde gerade saß der ehrwürdige Nāgasena, von einer großen Schar von Mönchen umgeben, in der Versammlungshalle. Und schon von ferne erblickte der König die Versammlung des ehrwürdigen Nāgasena, und bei ihrem Anblicke sprach er: „Zu wem, Devamantiya, gehört diese mächtige Versammlung?“

„Zum ehrwürdigen Nāgasena“, war die Antwort. Und obzwar der König die Versammlung bloß erst aus der Ferne erblickte, befiel ihn Angst und Schrecken, seine Haare sträubten sich, und er kam sich vor wie ein von Nashörnern umzingelter Elefant, oder wie eine von Garulavögeln umschwärmte Kobra oder wie ein Schakal, um den eine Riesenschlange sich gewunden hat, oder wie ein von Büffeln umzingelter Bär. Ja, gleichsam wie ein Frosch fühlte er sich, den eine Schlange verfolgt, oder wie ein Hirsch, der von einem Tiger gehetzt wird, oder wie eine Schlange in den Händen des Schlangenbändigers, oder wie eine Ratte in den Klauen der Katze, oder wie ein Gespenst im Banne des Geisterbeschwörers, oder wie der Mond im Rachen des Rahu, oder wie eine im Korbe gefangen gehaltene Schlange, oder wie ein Vogel im Käfig, oder ein Fisch in den Schlingen des Netzes, oder wie ein Mann, der in einen Wald voll wilder Tiere geraten ist, oder wie ein Gespenst, das sich gegen den Dämonenkönig vergangen hat, oder wie ein Göttersohn an seinem Lebensende. Voll Furcht und Unruhe war er, ängstlich, aufgeregt, verstimmt und bedrückt, zerstreut und geistig zerfahren. Um aber von den Leuten nicht mit Verachtung behandelt zu werden, faßte er Mut und sprach zu Devamantiya: „Du brauchst mir den ehrwürdigen Nāgasena gar nicht zu zeigen, Devamantiya, denn ohne weiteres werde ich ihn herausfinden.“

„Gut, König, finde ihn selber heraus!“

In jener Mönchsversammlung nun hatte der ehrwürdige Nāgasena weniger Ordensjahre als die vor ihm sitzenden Mönche und mehr Ordensjahre als die hinter ihm sitzenden. Aber trotz der Entfernung sah der König, während er seinen Blick über die ganze Mönchsschar, vom, hinten und in der Mitte, schweifen ließ, den ehrwürdigen Nāgasena einem Löwen gleich, inmitten der Mönchsversammlung sitzen, frei von Angst und Beklemmung, ohne jede Aufregung, Furcht oder Scheu. Und kaum waren seine Blicke auf ihn gefallen, so erkannte er auch schon an seinem Äußeren, daß er der Nāgasena war. Und er zeigte ihn dem Devamantiya mit den Worten: „Dieser da, Devamantiya, ist sicherlich der ehrwürdige Nāgasena.“

„Ja, König, das ist er. Richtig hast du ihn erkannt.“

Und der König freute sich in dem Gedanken, daß er ohne irgendwelche Andeutung den ehrwürdigen Nāgasena selber herausgefunden hatte. Doch, sobald er seine Blicke wieder auf ihn richtete, befielen ihn Angst und Schrecken, und seine Haare sträubten sich.

Darum heißt es:

In dem Wandel wohl bewähret
Und in höchster Zucht erzogen
Sah der König Nāgasena,
Und er ließ den Ruf erschallen:

Hab' viele Redner angetroffen,
Gar manche Diskussion geführt,
Doch hatt' ich nimmer solches Bangen,
Nie solchen Schrecken, wie grad' heut.

Zweifellos ist mir beschieden
Heute eine Niederlage;
Sieger sein wird Nāgasena,
Denn gar unstet ist mein Geist!