Die Fragen des Königs Milinda
Teil 2: Fragen über charakteristische Merkmale
Kapitel 1
3.1.13. Achtsamkeit
Der König sprach: „Welche charakteristische Eigenschaft, o Herr, hat die Achtsamkeit?“
„Die Eigenschaft, nichts aus dem Gedächtnis entfahren zu lassen, o König, und die Eigenschaft des Festhaltens.“
„Inwiefern aber, Ehrwürdiger, hat die Achtsamkeit die Eigenschaft, nichts aus dem Gedächtnis entfahren zu lassen?“
„Solange die Achtsamkeit gegenwärtig ist, o König, läßt sie nichts von allen den Dingen aus dem Gedächtnisse entfahren, weder gute noch schlechte, tadelige noch untadelige, gemeine noch edle, noch die Gegensätze von Gut und Böse, und man erkennt:
- Dies sind die Vier Grundlagen der Achtsamkeit, (satipatthana)
- dies die Vier Großen Anstrengungen, (padhāna)
- dies die Vier Machtfährten, (iddhi-pāda)
- dies die Fünf Geistigen Fähigkeiten und Kräfte, (bala)
- dies die Sieben Glieder der Erleuchtung, (bojjhanga)
- dies ist der heilige Achtfache Pfad, (magga)
- dies die Gemütsruhe, (samatha)
- dies der Klarblick, (vipassana)
- dies das Wissen, (pañña)
- dies die Erlösung. (nibbana)
—Auf diese Weise hegt der in Sammlung sich Übende die zu hegenden Eigenschaften, und die nicht zu hegenden hegt er nicht, pflegt die zu pflegenden Eigenschaften, und die nicht zu pflegenden pflegt er nicht. Insofern, o König, hat die Achtsamkeit die Eigenschaft, nichts aus dem Gedächtnisse entfahren zu lassen.“
„Erläutere mir dies!“
„Es ist gerade so, o König, wie wenn der Schatzmeister eines Weltherrschers seinen Fürsten früh und spät an seine Macht erinnern möchte, indem er spräche: ‚So viele Elefanten, Pferde, Wagen und Soldaten hast du; so viel beträgt dein Geld, Gold und Reichtum. Möge sich das der Herr vergegenwärtigen!‘ Und auf solche Weise ließe er dem Könige die Erinnerung an seinen Reichtum nicht aus seinem Gedächtnisse entfahren. Genau so, o König, hat die Achtsamkeit die charakteristische Eigenschaft, nichts aus dem Gedächtnisse entfahren zu lassen.“
„Inwiefern aber, o Ehrwürdiger, hat die Achtsamkeit die Eigenschaft des Festhaltens?“
„Wenn die Achtsamkeit gegenwärtig ist, o König, erforscht man den Ausgang der heilsamen und schädlichen Dinge—ob diese oder jene Dinge heilsam oder unheilsam, nützlich oder schädlich sind. Darauf läßt der in der Sammlung sich Übende die unheilsamen und schädlichen Dinge fahren, und die heilsamen und nützlichen hält er fest. Insofern, o König, hat die Achtsamkeit die charakteristische Eigenschaft des Festhaltens.“
„Gib mir eine Erläuterung!“
„Es ist gerade so, o König, wie wenn der höchste Ratgeber (wörtlich: „Ratgeber-Juwel“. das ist eines der sieben Juwelen oder kostbaren Besitztümer eines Weltherrschers) eines Weltherrschers genau weiß, wer seinem Fürsten wohlgesinnt und wer ihm übelgesinnt ist: ‚Diese Leute sind wohlgesinnt, jene sind übelgesinnt; diese sind nützlich, jene aber schädlich.‘ So hält er dann die Übelgesinnten und Schädlichen fern, und an den Wohlgesinnten und Nützlichen hält er fest. Ebenso, o König, hat die Achtsamkeit die Eigenschaft des Festhaltens. Auch der Erhabene, o König, sagt:
‚Die Achtsamkeit, o Mönche, ist überall von Nutzen‘.“
„Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!“