Die Fragen des Königs Milinda
Teil 2: Fragen über charakteristische Merkmale
Kapitel 1
3.1.4. Keine Seele
Da dachte der König Milinda: „Wahrlich, dieser Mönch ist weise und ist imstande, mit mir zu diskutieren. Und über gar viele Punkte habe ich ihn zu befragen. Doch die Sonne möchte untergehen, bevor ich ihm all diese Fragen gestellt hätte. Wie, wenn ich morgen im Palaste meine Diskussion mit ihm fortsetzte?“? Und der König sprach zu Devamantiya: „Devamantiya, teile dem Ehrwürdigen mit, daß die Diskussion mit dem Könige morgen im Palaste fortgesetzt werden solle!“
Mit diesen Worten erhob sich der König von seinem Sitze und verabschiedete sich vom Ordensälteren Nāgasena. Darauf bestieg er sein Pferd und ritt davon, indem er beständig das Wort „Nāgasena, Nāgasena“ vor sich hin murmelte.
Und Devamantiya teilte dem ehrwürdigen Nāgasena den Auftrag des Königs mit. „Gut!“? versetzte der Ordensältere, indem er seine Einwilligung gab.
Und nach Ablauf jener Nacht begaben sich Devamantiya, Anantakāya, Mankura und Sabbadinna zum Könige Milinda und sprachen: „Soll nun der verehrte Nāgasena kommen, o König?“
„Ja, laßt ihn kommen!“
„Mit wie vielen Mönchen aber soll er kommen?“
„Mit so vielen, wie er will.“
Sabbadinna aber sprach: „Laß ihn mit zehn Mönchen kommen, o König!“
Doch der König blieb bei seinem Wort. Als ihn indessen Sabbadinna zum zweitenmale und drittenmale mit seinem Vorschlage anging, sprach der König: „Jede Art Fürsorge ist getroffen. Also, ich sage, er mag mit so vielen Mönchen kommen, wie er will, wenn auch Sabbadinna etwas anderes sagt. Sollten wir denn wirklich nicht imstande sein, so viele Mönche zu speisen?“
Durch diese Worte aber wurde Sabbadinna ganz eingeschüchtert.
Darauf begaben sich Devamantiya, Anantakaya und Mankura zum ehrwürdigen Nāgasena und teilten ihm mit, was ihnen der König aufgetragen hatte. Und es kleidete sich der ehrwürdige Nāgasena am frühen Morgen an und begab sich, mit Gewand und Schale versehen, in Begleitung zahlreicher Mönche nach Sāgalā.
Und Anantakāya, der ihm zur Seite ging, sprach zu ihm: „Wenn ich da das Wort ‚Nāgasena‘ gebrauche, o Ehrwürdiger, was ist denn da unter ‚Nāgasena‘ zu verstehen?“
„Was meinst du denn wohl, was da ‚Nāgasena‘ sei?“
„Ich denke mir, o Herr, daß diese Seele (jīva, Lebensgeist, Lebenskraft), die da als innerliche (Atem-) Luft ein- und ausströmt, der Nāgasena ist.“
„Wenn nun aber dieser Atem ausströmt, ohne zurückzukehren, oder einströmt ohne wieder auszuströmen, wird wohl da der Mensch noch leben können?“
„Gewiß nicht, Ehrwürdiger.“
„Wenn nun aber ein Muschel-Trompeter oder ein Pfeifer oder Hornbläser in ihre Instrumente blasen, kehrt da etwa deren Wind wieder zu ihnen zurück?“
„Gewiß nicht, Ehrwürdiger.“
„Und warum sterben sie dann nicht?“
„Ich bin nicht imstande mit einem solchen Gegner, wie dir, zu diskutieren. So erkläre mir denn, bitte, die Sache, Ehrwürdiger!“
„Das ist keine Seele. Ein- und Ausatmung sind körperliche Funktionen.“? Damit gab er ihm einen Ausspruch aus dem Abhidhamma.
Und Anantakāya erklärte sich alsbald als einen Anhänger (upāsaka).