Die Fragen des Königs Milinda

Teil 2: Fragen über charakteristische Merkmale

Kapitel 2

3.2.5. Moralische Relativität der Gefühle

Der König sprach: „Sind wohl, ehrwürdiger Nāgasena, die angenehmen Gefühle heilsam oder sind sie unheilsam oder moralisch neutral?“

„Sie mögen entweder heilsam sein, o König, oder unheilsam oder moralisch (karmisch) neutral.“

„Wenn nun, o Herr, die heilsamen Gefühle nicht leidvoll sind und die leidvollen Gefühle nicht heilsam, dann kommt es nicht vor, daß Heilsames leidvoll ist.“

„Was meinst du, o König? Wenn da ein Mann in der einen Hand eine heiße Eisenkugel hält und in der anderen einen kalten Schneeball, möchten dem da nicht, o König, beide Hände vor Schmerzen brennen?“

„Gewiß, o Herr.“

„So sind wohl beide heiß, o König?“

„Das nicht, o Herr.“

„Oder beide kalt?“

„Das auch nicht, o Herr.“

„So siehe denn deinen Fehlschluss ein! Wenn es die Hitze ist, die das schmerzliche Brennen verursacht, aber nicht beide Hände heiß sind, so tritt der Schmerz nicht dadurch in Erscheinung. Ist es aber die Kälte, doch nicht beide Hände sind kalt, so ist es auch nicht die Kälte, durch die der Schmerz in Erscheinung tritt. Wo rühren denn nun, o König, die Schmerzen der beiden Hände her? Sie sind doch weder beide kalt, noch beide heiß, sondern die eine ist heiß und die andere kalt?“

„Ich bin nicht imstande, mit einem solchen Gegner wie dir, eine Diskussion zu führen. Erkläre mir also, bitte, die Sache!“

Und der Ordensältere Nāgasena unterwies den König in einer mit der höheren Lehre verbundenen Darstellung, indem er sprach: „Sechs mit der Weltlichkeit verbundene Freudgefühle gibt es, o König, und sechs mit der Weltentfremdung verbundene, sechs mit der Weltlichkeit verbundene Leidgefühle und sechs mit der Weltentfremdung verbundene, sechs mit der Weltlichkeit verbundene Gleichmutsgefühle und sechs mit der Weltentfremdung verbundene. Somit gibt es sechs Gruppen zu je sechs Gefühlen. Das macht sechs und dreißig Arten der vergangenen Gefühle, sechs und dreißig Arten der gegenwärtigen Gefühle und sechs und dreißig Arten der zukünftigen Gefühle. Wenn man nun diese zu einer Summe zusammenzählt, so erhält man hundert und acht Arten der Gefühle.“

„Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!