Die Fragen des Königs Milinda
Teil 2: Fragen über charakteristische Merkmale
Kapitel 2
3.2.6. Wiedergeburt
Der König sprach: „Wer ist (es), ehrwürdiger Nāgasena, der wiedergeboren wird?“
„Eine geistig-körperliche Verbindung (nāma-rūpa).“
„Wie? Ist es eben diese (gegenwärtige)?“
„Nein, o König. Sondern durch diese gegenwärtige geistig-körperliche Verbindung wird ein gutes oder böses Wirken (kamma) betätigt, und zufolge dieses Wirkens wird wiederum eine neue geistig-körperliche Verbindung geboren.“
„Wenn es aber, o Herr, nicht diese gegenwärtige Geist-Körperlichkeit ist, die wiedergeboren wird, wird man dann nicht von der Folge böser Taten frei sein?“
(Der König meint dies offenbar, weil die nach dem Tode bestehende körperlich-geistige Verbindung eine ganz andere ist als diejenige, durch welche die bösen Taten gezeugt wurden. Er faßt beide irrtümlicherweise als Wesenheiten auf)
„Ja, wenn man nicht wiedergeboren wird, dann wohl; wird man aber wiedergeboren, o König, so entgeht man nicht der Folge böser Taten.“
„Gib mir eine Erläuterung hierfür!“
„Nimm an den Fall, ein Mann habe von einem anderen Mangofrüchte gestohlen und der Eigentümer der Mangofrüchte ergreife ihn und bringe ihn vor den König mit der Anklage, seine Mangofrüchte gestohlen zu haben. Jener aber sage: ‚Ich habe nicht dessen Mangofrüchte gestohlen, o Herr. Denn jene Mangofrüchte die von diesem gepflanzt wurden, sind nicht dieselben, die ich genommen habe. Ich habe keine Strafe verdient.‘—Würde da nicht jener Mann, doch der Strafe schuldig sein?“
„Gewiß, o Herr!“
„Und aus welchem Grunde?“
„Was jener auch immer vorbringen mag, so verdient er eben Strafe wegen der letzten Mangofrüchte, denn diese konnten ohne die früheren Mangofrüchte nicht da sein.“
„Genau in derselben Weise nun, o König, wird durch diese gegenwärtige geistig-körperliche Verbindung ein gutes oder böses Wirken betätigt, und zufolge jenes Wirkens wird wiederum eine neue geistigkörperliche Verbindung geboren.“
(Das gleiche Argument wird hier noch mit Reis und Zuckerrohr wiederholt.)
„Gib mir noch ein weiteres Gleichnis!“
„Gesetzt, o König, ein Mann zünde sich zur Zeit des Frostes ein Feuer an. Und nachdem er sich gewärmt habe, gehe er weg, ohne das Feuer auszulöschen. Jenes Feuer aber ergreife das Feld eines anderen. Und der Eigentümer jenes Feldes nehme ihn fest und bringe ihn vor den König mit der Anklage, ihm sein Feld eingeäschert zu haben. Jener aber sage: ‚Ich habe nicht dessen Feld angezündet, o Herr. Denn das Feuer, das ich versäumt habe auszulöschen, war nicht dasselbe, wodurch dessen Feld eingeäschert wurde. Ich habe keine Strafe verdient.‘—Würde da nicht jener Mann doch der Strafe schuldig sein?“
„Gewiß, o Herr!“
„Und aus welchem Grunde?“
„Was jener auch immer vorbringen mag, so verdient er eben Strafe wegen des letzten Feuers, denn dieses konnte ohne das frühere Feuer nicht entstehen.“
„Genau in derselben Weise nun, o König, wird durch diese gegenwärtige körperlich-geistige Verbindung ein gutes oder böses Wirken betätigt, und zufolge jenes Wirkens wird wiederum eine neue körperlichgeistige Verbindung geboren.“
„Gib mir noch ein weiteres Gleichnis!“
„Sagen wir, o König, ein Mann begebe sich mit einer Lampe hinauf in eine Dachkammer, um dort sein Mahl einzunehmen. Die brennende Lampe aber setze das Strohdach in Flammen, das Strohdach aber das Haus und das Haus das Dorf. Und gesetzt, die Dorfbewohner nehmen jenen Menschen fest und fragen ihn, warum er denn ihr Dorf in Brand gesetzt habe, worauf er ihnen erwidere: ‚Ich habe das Dorf nicht in Brand gesetzt. Das Licht der Lampe, bei dessen Licht ich gegessen habe, war nicht dasselbe Feuer, wodurch das Dorf eingeäschert wurde!‘—Falls nun jene, in Streit geraten, zu dir kommen möchten, o König, für wessen Sache würdest du dich da entscheiden?“
„Für die Dorfbewohner, o Herr!“
„Und warum?“
„Was jener Mann auch immer vorbringen mag, so nahm doch auf alle Fälle das Feuer seinen Ursprung in jener brennenden Lampe.“
„Ebenso auch ist, obgleich die mit dem Tode endende körperlich-geistige Verbindung eine andere ist als die im Momente der Wiedergeburt bestehende, dennoch diese aus der früheren entstanden. Und darum entgeht man nicht der Folge böser Taten.“
„Gib mir ein weiteres Gleichnis!“
„Gesetzt, o König, ein Mann wähle sich ein junges Mädchen zum Weibe und ginge dann hinweg, indem er das Brautgeld hinterlegte. Jenes Mädchen aber wachse im Laufe der Zeit heran und werde volljährig. Und ein anderer Mann gebe ihr darauf das Brautgeld und heirate sie. Der erstere aber komme zurück und frage ihn, warum er ihm denn sein Weib entführt habe. Jener aber spreche: ‚Ich habe ja gar nicht dein Weib entführt. Denn jenes junge Mädchen, das du zum Weibe erwählt und für das du dein Brautgeld hinterlegt hast, ist ein ganz anderes als dieses erwachsene, volljährige Mädchen, das ich mir erwählt und für das ich mein Brautgeld hinterlegt habe!‘—Gesetzt nun, o König, beide möchten in Streit geraten und zu dir kommen, für wessen Sache würdest du dich da entscheiden?“
„Für die Sache des ersteren, o Herr.“
„Und warum?“
„Was der andere auch immer vorbringen mag, so ist doch auf alle Fälle das erwachsene, volljährige Mädchen die Fortsetzung des früheren.“
„Ebenso auch ist, obgleich die mit dem Tode endende körperlich-geistige Verbindung eine andere ist als die im Momente der Wiedergeburt bestehende, dennoch diese aus der früheren entstanden. Und darum entgeht man nicht der Folge böser Taten.“
„Gib mir noch ein anderes Gleichnis!“
„Nimm an, o König, ein Mann kaufe von einem Kuhhirten einen Topf süße Milch. Beim Weggehen aber übergebe er diesem den Topf Milch zum Aufbewahren mit der Bemerkung, daß er morgen die Milch abholen wolle. Nehmen wir nun an, die Milch werde am nächsten Tage zu Dickmilch. Und der Mann komme zurück und verlange nach seinem Topfe Milch. Der andere aber zeige ihm die Dickmilch, worauf der erstere ihm entgegne: ‚Ich habe ja von dir gar keine Dickmilch gekauft. Gib mir meinen Topf frische Milch her!, Der andere aber spreche: ‚Ohne mein Zutun (wörtlich: ohne (mein) Wissen) ist deine Milch zu Dickmilch geworden.‘—Gesetzt nun den Fall, o König, beide möchten in Streit geraten und zu dir kommen, für wessen Sache würdest du dich da entscheiden?“
„Für die des Kuhhirten, o Herr.“
„Und warum?“
„Was jener andere auch immer vorbringen mag, so ist doch auf alle Fälle die Dickmilch aus der anderen Milch entstanden.“
„Ebenso auch ist, obgleich die mit dem Tode endende körperlich-geistige Verbindung eine andere ist als die im Momente der Wiedergeburt bestehende, dennoch diese aus der früheren entstanden. Und darum entgeht man nicht der Folge böser Taten.“
„Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!“