Die Fragen des Königs Milinda
Teil 2: Fragen über charakteristische Merkmale
Kapitel 3
3.3.7. Sehbewußtsein und geistiges Bewußtsein
Der König sprach: „Wo immer Sehbewußtsein aufsteigt, o Herr, steigt da auch stets geistiges Bewußtsein auf?“
(Mit Seh-, Hör-, Riech-, Schmeck- und Tastbewußtsein sind gemeint die durch die gleichzeitig bestehende äußere Sinnestätigkeit bedingten Sinnesempfindungen, unter dem geistigen Bewußtsein (mano-viññāna) dagegen die von der Anwesenheit der äußeren Sinnestätigkeit unabhängigen, rein inneren Vorstellungen. So ist z.B. das „Sehbewußtsein“ (cakkhu-viññāna) nur möglich, so lange die Augen geöffnet sind und die physische Lichtquelle gegeben ist. Die bei geschlossenen Augen oder im Dunkeln auftauchenden Bilder, also auch die Träume und Gesichtshalluzinationen, werden bloß mit dem „Geistigen Bewußtsein“ (mano-viññāna) wahrgenommen.)
„Ja, o König. Wo immer Sehbewußtsein ist, da ist auch geistiges Bewußtsein.“
„Wie nun aber, o Herr? Steigt da zuerst das Sehbewußtsein auf und dann das geistige Bewußtsein, oder aber zuerst das geistige Bewußtsein und dann das Sehbewußtsein?“
„Zuerst, o König, steigt das Sehbewußtsein auf und dann das geistige Bewußtsein.“
„Wie? Da befiehlt wohl gewissermaßen, o Herr, das Sehbewußtsein dem geistigen Bewußtsein, stets dort aufzusteigen, wo es selber aufsteigen wird? Oder benachrichtigt etwa das geistige Bewußtsein das Sehbewußtsein, daß es stets dort aufsteigen will, wo immer das Sehbewußtsein aufsteigt?“
„Nein, o König. Keinerlei gegenseitige Verständigung findet zwischen beiden statt.“
„Wie aber kommt es, o Herr, daß das geistige Bewußtsein stets dort aufsteigt, wo immer das Sehbewußtsein aufsteigt?“
„Weil da eine Neigung besteht, o König, ein Tor, eine Gewohnheit, eine Übung.“
„Wie aber kommt es, o Herr, daß infolge einer bestehenden Neigung das geistige Bewußtsein stets dort aufsteigt, wo immer das Sehbewußtsein aufsteigt? Erläutere mir dies!“
„Was meinst du, o König, wo das Wasser hinfließt, wenn es regnet?“
„Wo immer eine Neigung des Bodens besteht, dort fließt es hin.“
„Wenn es nun aber späterhin wieder regnet, wo fließt das Wasser dann hin?“
„Genau dorthin, wo das frühere Wasser hingeflossen ist.“
„Wie? Da befiehlt wohl, o König, das frühere Wasser dem späteren Wasser stets dort hinzufließen, wo es selber hinfließt? Oder benachrichtigt etwa das spätere Wasser das frühere Wasser, daß es stets dort hinfließen will, wo das frühere hinfließt?“
„Nein, o Herr. Keinerlei gegenseitige Verständigung findet zwischen beiden statt. Sie fließen eben dorthin, weil da eine Neigung des Bodens besteht.“
„Ebenso auch, o König, steigt infolge einer Neigung das geistige Bewußtsein stets dort auf, wo das Sehbewußtsein aufsteigt.“
„Wie aber kommt es, o Herr, daß, weil da ein Tor besteht, das geistige Bewußtsein stets dort aufsteigt, wo immer das Sehbewußtsein aufsteigt? Erläutere mir dies!“
„Was meinst du, o König: gesetzt, die Grenzstadt eines Königs sei mit starken Wällen und Bollwerken umgeben, und sie besäße nur ein einziges Tor. Wenn nun da ein Mann aus der Stadt hinausgehen wollte, wo würde der wohl hinausgehen?“
„Eben durch jenes Tor, o Herr.“
„Wenn nun aber darauf noch ein anderer Mann aus der Stadt hinausgehen wollte, wo würde der hinausgehen?“
„Durch dasselbe Tor, o Herr, durch das der Erste hinausgegangen ist.“
„Wie? Da befiehlt wohl der Erste dem Späteren dort hinauszugehen, wo er selber hinausgeht? Oder benachrichtigt etwa der Spätere den Ersten, daß er dort hinausgehen will, wo der Erste hinausgeht?“
„Nein, o Herr. Keinerlei gegenseitige Verständigung findet zwischen beiden statt. Sie gehen eben dort hinaus, weil sich da ein Tor befindet.“
„Ebenso auch, o König, steigt, weil da ein Tor besteht, das geistige Bewußtsein stets dort auf, wo immer das Sehbewußtsein aufsteigt.“
„Wie aber kommt es, o Herr, daß aus Gewohnheit das geistige Bewußtsein stets dort aufsteigt, wo immer das Sehbewußtsein aufsteigt? Erläutere mir dies!“
„Was meinst du, o König? Wenn da ein Wagen voraus führe, an welcher Stelle würde da wohl der nächste Wagen fahren?“
„Genau an derselben Stelle, wo der vordere Wagen gefahren ist, o Herr.“
„Wie? Da befiehlt wohl, o König, der vordere Wagen dem hinteren Wagen, stets da zu fahren wo er selber fährt? Oder benachrichtigt etwa der hintere Wagen den vorderen Wagen, daß er stets dort fahren will, wo der vordere fährt?“
„Nein, o Herr. Keinerlei Verständigung findet zwischen beiden statt. Sie fahren eben aus Gewohnheit so.“
„Ebenso auch, o König, steigt aus Gewohnheit das geistige Bewußtsein stets dort auf, wo immer das Sehbewußtsein aufsteigt.“
„Wie aber kommt es, o Herr, daß infolge der Übung das geistige Bewußtsein stets dort aufsteigt, wo immer das Sehbewußtsein aufsteigt? Erläutere mir dies!“
„Gleichwie, o König, in den verschiedenen Künsten, wie der Zeichensprache, dem Addieren, Rechnen und Schreiben, beim Anfänger die Ausführung nur langsam voranschreitet, nach und nach aber infolge von Aufmerksamkeit und Übung schneller von statten geht: auf dieselbe Weise, o König, steigt das geistige Bewußtsein stets dort auf, wo immer das Sehbewußtsein aufsteigt. Nicht aber befiehlt das Sehbewußtsein dem geistigen Bewußtsein, stets dort aufzusteigen, wo es selber aufsteigt. Auch benachrichtigt nicht etwa das geistige Bewußtsein das Sehbewußtsein, daß es stets dort aufsteigen will, wo das Sehbewußtsein aufsteigt. Keinerlei gegenseitige Verständigung findet zwischen beiden statt. Sie steigen eben auf infolge der Übung. Und was nun beim Sehbewußtsein zutrifft, das trifft auch zu beim Hörbewußtsein, Riechbewußtsein, Schmeckbewußtsein und Tastbewußtsein.“
„Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!“