Die Fragen des Königs Milinda

Teil 3: Lösungen der Zweifel

Kapitel 8

3.8. Abschied

Der Ordensältere sprach: „Weißt du vielleicht, o König, welche Zeit wir eben haben?“

„Ja, o Herr, das weiß ich. Die erste Nachtwache ist nämlich gerade vorüber, und die mittlere Nachtwache hat begonnen. Denn die Fackeln werden eben angezündet, und der Befehl ist gegeben, die vier Fahnen zu hissen, und die Geschenke des Königs werden sogleich aus der Schatzkammer eintreffen.“

Und die Griechen sprachen: „Ja, schlagfertig bist du, o König, und gar weise ist dieser Mönch!“

„Ja, weise ist der Ordensältere! Wo da ein solcher Lehrer ist und ein solcher Schüler wie ich, da mag ein Verständiger in gar kurzer Zeit die Wahrheit erfassen.“

Und voll Freude über die Antworten die er von dem Ordensälteren Nāgasena auf seine Fragen erhalten hatte, beschenkte ihn der König mit einer wollenen Überdecke im Werte von hunderttausend Kahāpana-Münzen, indem er sprach: „Von heute ab, ehrwürdiger Nāgasena, will ich dich für achthundert Tage mit Almosenspeise versehen. Was es hier im Palaste an Gegenständen gibt, die dir als Mönch gestattet sind, davon lade ich dich ein auszuwählen“

„Lasse es bewenden, o König! Ich habe meinen Lebensunterhalt“,

„Das weiß ich wohl, ehrwürdiger Nāgasena, daß du genug hast zum Leben. Doch solltest du sowohl dich als auch mich vor Unannehmlichkeiten bewahren, und zwar dich vor dem öffentlichen Gerüchte, daß du, obwohl du den König Milinda bekehrt hast, keinerlei Dankbezeugung erhalten hattest, mich aber vor dem öffentlichen Gerüchte, daß ich, obzwar ich bekehrt wurde, mich nicht erkenntlich gezeigt habe.“

„Nun gut, o König, lasse es so geschehen.“

„Gleich wie da etwa, o Herr, der Löwe, der König der Tiere, selbst wenn er in einem goldenen Käfig eingesperrt ist, stets seinen Blick (vorsichtig) nach außen gerichtet hält: ebenso auch, ehrwürdiger Nāgasena, trotzdem ich im Hause lebe, muß ich doch stets meinen Blick (vorsichtig) nach außen richten. Sollte ich aber, o Herr, von Hause fort in die Hauslosigkeit ziehen, so würde ich nicht mehr lange am Leben bleiben, denn meiner Feinde sind gar viele.“

Darauf erhob sich der ehrwürdige Nāgasena, nachdem er die sämtlichen Fragen des Königs Milinda beantwortet hatte, von seinem Sitze und kehrte zum Kloster zurück. Nicht lange aber, nachdem der ehrwürdige Nāgasena gegangen war, dachte der König Milinda bei sich nach über die Fragen, die er gestellt, und die Antworten, die er von dem ehrwürdigen Nāgasena erhalten hatte. Und er kam alsbald zu dem Schluss, daß er sämtliche Fragen richtig gestellt, und daß der ehrwürdige Nāgasena sie alle richtig beantwortet hatte. Und auch der ehrwürdige Nāgasena machte, nachdem er ins Kloster zurückgekehrt war, dieselbe Erwägung. Und auch er kam zu demselben Schluss.

Nach Verlauf jener Nacht nun, in der Frühe, kleidete sich der ehrwürdige Nāgasena an und begab sich, mit Gewand und Almosenschale versehen, zum Palast des Königs Milinda. Dort angelangt setzte er sich auf dem angewiesenen Sitze nieder. Und der König Milinda begrüßte ehrfurchtsvoll den ehrwürdigen Nāgasena und setzte sich zur Seite nieder. Darauf sprach er zum ehrwürdigen Nāgasena:

„Möge der Ehrwürdige nicht denken, daß, wenn ich den Rest der Nacht nicht geschlafen habe, es etwa aus Freude darüber war, daß ich dem ehrwürdigen Nāgasena meine Fragen gestellt habe. Das sollst du nicht denken. Ich habe vielmehr den Rest der Nacht darüber nachgesonnen, welche Fragen von mir gestellt und welche Antworten von dem Ehrwürdigen gegeben wurden. Und ich bin zu dem Schluss gekommen, daß ich sämtliche Fragen richtig gestellt und der Ehrwürdige sie alle richtig beantwortet hatte.“

Und auch der Ordensältere sprach: „Mögest auch du nicht von mir denken, daß ich den Rest der Nacht in Freude darüber verbracht habe, daß ich deine sämtlichen Fragen beantwortet hatte. Das sollst du nicht denken, denn ich habe während des Restes der Nacht darüber nachgesonnen, welche Fragen du mir gestellt und welche Antworten ich gegeben hatte. Und ich bin zu dem Schluss gekommen, daß du sämtliche Fragen richtig gestellt und ich sie alle richtig beantwortet hatte.“

So freuten sich denn jene beiden großen Männer gegenseitig über ihre wohlgesprochenen Worte.