Die Fragen des Königs Milinda
Teil 4
Kapitel 1
4.5. Die Schülertugenden
„Diese Stätte nun, ehrwürdiger Nāgasena, ist frei von den acht für eine Diskussion störenden Umständen. Ich aber bin in aller Welt der beste Diskussionspartner. Ich kann ferner Geheimnisse für mich behalten, und ich werde auch solche zeitlebens hüten. Auch hat infolge der acht erwähnten Umstände meine Einsicht die nötige Reife erlangt. Schwerlich könnte man daher einen anderen Schüler finden, der mir gleich käme.“
„Gegen einen Schüler aber, der sich richtig benimmt, hat der Meister sich in vollkommener Übereinstimmung mit den fünfundzwanzig Lehrertugenden zu benehmen. Und welche sind diese fünfundzwanzig Tugenden?
Der Meister, o Herr, soll den Schüler beständig und unablässig überwachen.
- Er soll wissen, was er zu tun und zu meiden hat, ob er träge oder fleißig ist, wann er zu schlafen hat, wann er krank ist, ob er Speise erhalten hat oder nicht, soll seine Eigenart kennen, soll das in der Almosenschale Erhaltene mit ihm teilen.
- Er soll ihn ermutigen und ihm sagen, daß er nichts zu befürchten habe und daß der Erfolg nicht ausbleiben werde.
- Er soll seinen Umgang kennen und wissen, mit wem er verkehrt, soll wissen, wie er sich in Dorf und Kloster zu benehmen hat, er soll sich auch mit ihm in keinerlei Scherze und Geplauder einlassen.
- Wenn er einen Fehler an ihm bemerkt, soll er Nachsicht üben.
- Er soll ihn gewissenhaft belehren, nichts übergehen, ihm nichts vorenthalten, alles vollständig mitteilen.
- Er soll gegen ihn eine väterliche Gesinnung hegen und denken, daß er ihn im Wissen gezeugt habe.
- Er soll die Absicht haben, ihn zu fördern und darüber nachdenken, was er zu tun habe, damit er nicht mehr zurückfalle.
- Er soll daran denken, ihn in der Schulung zu stärken, soll liebevolle Gesinnung gegen ihn hegen, ihn in der Not nicht im Stich lassen, seine Pflichten gegen ihn nicht vernachlässigen, und, wenn er fällt, soll er ihn durch die Lehre wieder aufrichten.
Dies, o Herr, sind die fünfundzwanzig Tugenden eines Lehrers. Und in Übereinstimmung mit eben diesen Tugenden mögest du mich recht behandeln. Zweifel sind mir da aufgestiegen, o Herr. In den Lehren des Siegreichen gibt es nämlich zweischneidige Probleme. Darüber möchte sich in späteren Zeiten Streit entspinnen, und Einsichtige deinesgleichen möchten dann wohl schwerlich zu finden sein. So verschaffe mir denn in diesen Fragen Klarheit, damit ich die Behauptungen der Gegner widerlegen kann.“