Die Fragen des Königs Milinda

Teil 4

Kapitel 1

5.1.5. Der Wahrheitsakt

„Ihr sagt da, ehrwürdiger Nāgasena, daß der König Sivi einem Bettler seine eigenen Augen hingab und daß dem der Augen Beraubten alsbald himmlische Augen entstanden. Dies ist eine fade, tadelnswerte, verwerfliche Behauptung. In der Sammlung der Lehrreden heißt es doch, daß nach Aufhebung der Ursache, also ohne Ursache und eine Grundlage, das himmlische Auge nicht entstehen kann (der König nimmt offenbar an, daß die fleischlichen Augen die Grundlagen der himmlische seien). Wenn also, ehrwürdiger Nāgasena, der König Sivi dem Bettler wirklich seine Augen hingegeben hat, so ist die Behauptung, daß ihm darauf neue entstanden seien, eben falsch. Ist es aber dennoch wahr, daß ihm himmlische Augen entstanden sind, so muß eben die Behauptung, daß er seine Augen weggegeben hatte, falsch sein. Dies ist ein zweischneidiges Problem, das dir da gestellt ist, verknüpfter denn ein Knoten, spitzer denn eine Pfeilspitze, dichter denn ein Dickicht. So nimm dir also vor, die Sache zum Abschluß zu bringen, um die Gegner zu überführen.“

„Daß der König Sivi, o König, dem Bettler seine Augen hingegeben hat, darüber brauchst du keine Bedenken zu hegen. Und daß ihm danach himmlische Augen entstanden sind, auch daran brauchst du nicht zu zweifeln.“

„Kann denn, ehrwürdiger Nāgasena, wenn die Ursache einmal zerstört ist, also ohne die nötige Bedingung und Ursache, das himmlische Auge zum Entstehen kommen?“

„Gewiß nicht, o König.“

„Was war denn nun aber in diesem Falle die Ursache, o Herr? Mache mich doch mit jener Ursache bekannt!“

„Nun gut, o König. Gibt es wohl in der Welt so ein Ding wie die Wahrheit, vermöge welcher diejenigen, die sie aussprechen, einen Wahrheitsakt auszuüben imstande sind?“

„Gewiß, o Herr. Es hat damit seine Richtigkeit. Die einen Wahrheitsakt ausführen, können Wolken herabregnen lassen, Feuer löschen, Gift unwirksam machen und mannigfache andere Leistungen vollbringen.“

„So hat es also damit seine Richtigkeit, o König, und trifft zu, daß dem König Sivi durch die Kraft der Wahrheit das himmlische Auge entstanden ist. Ja, durch die Kraft der Wahrheit, ohne irgend welche weitere Grundlage, ist ihm das himmlische Auge entstanden. Die Wahrheit bildete eben die Grundlage zur Entstehung des himmlischen Auges.

Wenn da irgend ein Magier, o König, eine Beschwörungsformel hersagt, wie zum Beispiel ‚Möge ein gewaltiger Regen niederkommen!‘ und infolgedessen ein gewaltiger Regen entsteht, ist da wohl in diesem Falle die Ursache hierfür in den Lüften aufgespeichert?“

„Nein, o Herr. Die Beschwörungsformel selber ist da die Ursache.“

„Ebenso auch, o König, war es bei König Sivi keine gewöhnliche Ursache. Die Wahrheit selber war eben die Ursache, der zufolge ihm das himmlische Auge entstand.

Oder nimm an, o König, irgend ein Magier sage (bei einer Feuersbrunst) die Beschwörungsformel her: ‚Möge die brennende, flackernde, mächtige Feuermasse zurückweichen!‘—und dieselbe weiche infolgedessen in demselben Augenblicke zurück. War dann wohl in diesem Falle in der großen Feuermasse die Ursache aufgespeichert, derzufolge das Feuer augenblicklich zurückwich?“

„Nein, o Herr. Die Beschwörungsformel selber bildete da die Ursache.“

„Ebenso auch, o König, war es bei König Sivi keine gewöhnliche Ursache. Die Wahrheit selber war eben die Ursache, der zufolge ihm das himmlische Auge entstand.

Oder nimm an, o König, irgend ein Magier sage die Beschwörungsformel her: ‚Möge das Halāhalagift unwirksam werden!‘—und in demselben Augenblicke verlöre es seine Wirkung. Ist da wohl in diesem Falle, o König, in dem Gifte irgend welche Ursache aufgespeichert, der zufolge es in einem Augenblicke unwirksam wird?“

„Nein, o Herr. Die Beschwörungsformel bildet da die einzige Ursache.“

„Ebenso auch, o König, war es bei König Sivi keine gewöhnliche Ursache, sondern die Wahrheit war die einzige Ursache dafür, daß ihm die Augen entstanden. Auch zur Durchschauung der Vier Edlen Wahrheiten, o König, bedarf es keiner anderen Grundlage, denn wer eben die Wahrheit zur Grundlage nimmt, vermag die Vier Edlen Wahrheiten zu schauen.

Es lebt da ein König im Chinalande. Wenn derselbe dem Meer ein Opfer darzubringen wünscht, führt er alle vier Monate einen Wahrheitsakt aus und fährt dann mit seinem Wagen eine Meile weit in das Meer hinaus. Und vor dem Vorderteile seines Wagens weicht die mächtige Wassermasse zurück, und beim Zurückfahren flutet sie wieder heran. Könnte wohl jemals in der Welt von Göttern oder Menschen vermittelst der natürlichen Körperkraft das gewaltige Meer zum Zurückweichen gebracht werden?“

„Nein, o Herr. Nicht einmal bei einem ganz winzigen Teich wäre dies möglich, geschweige denn bei dem gewaltigen Meer.“

„Auf solche Weise, o König, hat man die Wirkungskraft der Wahrheit aufzufassen. Und es gibt nichts, was nicht durch die Wirkungskraft der Wahrheit zu erreichen wäre.

Einst, o König, da befand sich der tugendhafte König Asoka in seiner Stadt Pātaliputta von Stadt- und Landvolk, Räten, Söldnertruppen und Großen umgeben. Und da gerade sein Blick auf den fünfhundert indische Meilen langen und eine Meile breiten Gangesstrom fiel, wie er, randvoll mit frischem Wasser, vorbeifloss, fragte er: ‚Könnte wohl jemals irgend einer diesen gewaltigen Ganges zwingen, stromaufwärts zu fließen?‘

‚Schwerlich, o Herr‘—war die Antwort seiner Räte.

Es erfuhr aber eine gewisse Kurtisane, namens Bindumatī, die ebenfalls am Ufer stand, von dieser Frage des Königs. Und sie sprach: ‚Ich lebe zwar nur als eine Kurtisane in Pātaliputta, die ihren Körper verkauft und auf die niedrigste Weise ihren Lebensunterhalt verdient. Trotzdem aber soll mich der König einen Wahrheitsakt ausüben sehen.‘ Und sie führte ihren Wahrheitsakt aus, so daß in demselben Augenblicke vor den Augen der großen Menge der ständig strömende, mächtige Ganges aufwärts zu fließen begann. Sobald aber der König das durch die Strudel, die Wellen und Wogen des mächtigen Ganges erzeugte Getöse vernahm, geriet er außer sich vor Staunen. Und voll Verwunderung und Staunen fragte er seine Räte, was wohl der Grund sein möge, daß der mächtige Ganges stromaufwärts fließe.—‚Eine Kurtisane namens Bindumatī, o König, hat nach dem Vernehmen deiner Worte einen Wahrheitsakt ausgeführt, und zufolge eben jenes Wahrheitsaktes fließt nun der mächtige Ganges stromaufwärts.‘ Und erregten Herzens und in aller Hast eilte der König selber zu jener Kurtisane und fragte sie: ‚Ist es wirklich wahr, daß du durch einen Wahrheitsakt den Ganges dazu gebracht hast, stromaufwärts zu fließen?‘

‚Ja, o Herr.‘

‚Wie kannst du denn über so etwas Macht besitzen?‘ fragte der König. ‚Wie wird wohl einer, der nicht gerade von Sinnen ist, jemals auf deine Worte hören? Zufolge welcher Kraft konntest du diesen mächtigen Ganges zwingen, stromaufwärts zu fließen?‘

‚Durch die Macht der Wahrheit, o König.‘

‚Wie kann dir wohl Wahrheitskraft eignen, einer diebischen, betrügerischen Hure, die ausschweifend ist, sittenlos und schamlos, und verblendete Männer ihres Geldes beraubt?‘

‚Es ist wohl wahr, o König, daß ich das bin. Nichtsdestoweniger aber wohnt mir eine Wahrheitskraft inne, durch die ich, wenn ich wollte, selbst die Welt mit allen ihren Göttern umstürzen könnte.‘

‚Worin besteht denn dieser Wahrheitsakt? Lasse mich das doch wissen!‘

‚Wer mir auch immer Geld gibt, sei's ein Adeliger, Brahmane, Kaufmann oder Diener, alle bediene ich ganz gleich. Weder ziehe ich den Adeligen vor, noch verachte ich den Diener. Ohne Zuneigung oder Abneigung bediene ich den, der zahlt. Dies, o Herr, ist mein Wahrheitsakt, durch den ich diesen mächtigen Ganges gezwungen habe, stromaufwärts zu fließen.‘

Somit also, o König, gibt es nichts, was die in der Wahrheit Gefestigten nicht imstande wären zu erreichen. Und wenn der König Sivi einem Bettler seine eigenen Augen hingab und ihm darauf himmlische Augen entstanden, so geschah das eben bloß zufolge des Wahrheitsaktes. Wenn es in den Lehrreden heißt, daß nach Aufhebung der Ursache, also ohne Grund und Ursache, das himmlische Auge nicht zur Entstehung gelangen kann, so ist dies eben bloß mit Hinsicht auf das durch geistige Übung gezeugte Auge gesagt (die Grundlage zur Entstehung des himmlischen Auges ist demnach nicht das fleischliche Auge, sondern die „geistige Übung“ (bhāvanā—wörtl. Entfaltung). So hast du dies zu verstehen, o König.“

„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! Gut hast du das Problem gelöst, meinen Einwand beantwortet und die Ansichten der anderen gänzlich zunichte gemacht. So ist es. Das gebe ich zu.“