Die Fragen des Königs Milinda
Teil 4
Kapitel 1
5.1.4. Vessantaras Freigebigkeit
„Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat gesagt, daß es acht Gründe und Ursachen zur Entstehung eines großen Erdbebens gebe. Dies ist eine, alle weiteren Möglichkeiten ausschließende, entscheidende, ausschlaggebende Behauptung. Einen weiteren neunten Grund kann es also nicht geben, denn sonst hätte ihn der Erhabene erwähnt. Weil es eben einen solchen nicht gibt, so hat der Erhabene auch nicht davon gesprochen. Nun wird aber dennoch (in den Schriften) noch eine weitere, eine neunte Ursache erwähnt. Als nämlich König Vessantara seine große Gabe spendete, soll siebenmal die Erde gebebt haben. Wenn also, ehrwürdiger Nāgasena, es bloß acht Ursachen gibt, so ist die letztere Behauptung falsch. Denn trifft letzteres zu, dann müßte die Behauptung, daß es bloß acht Gründe gebe, falsch sein. Dies, ehrwürdiger Nāgasena, ist ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle, versteckt, schwer zu enthüllen, dunkel und tiefsinnig. Und kein anderer mit geringem Wissen vermag es zu lösen, sondern nur ein solcher Weiser wie du.“
„Hast du nun aber auch gehört, o König, daß in der Vergangenheit oder in der Gegenwart wegen dieser oder jener Gabenspende ein- oder zwei- oder dreimal die Erde erbebte?“
„Nein, o Herr.“
„Auch ich, o König, der ich die Botschaft (āgama, wörtl. Ankunft, Advent, Evangelium. „Buddh'āgama“ ist die auch heute in Ceylon übliche Bezeichnung für die buddhistische Lehre) kenne, Wissen besitze, viel auswendig weiß, viel gehört habe, Fähigkeit im Lernen und Aufmerksamkeit besitze, viel erforscht, vielen Meistern gedient habe—auch ich habe noch nicht gehört, daß wegen dieser oder jener Gabenspende ein- oder zwei- oder dreimal die Erde erbebte, abgesehen von der erhabenen Gabe des mächtigen Königs Vessantara. Und innerhalb der Zeit, die zwischen diesen beiden Erleuchteten liegt—dem erhabenen Kassapa und dem erhabenen Weisen aus dem Sakyerstamme—in der unzählbare Reihen von Jahre dahingeflossen sind, auch da ist mir nichts derartiges bekannt. Nicht erbebt die Erde infolge bloßer Anstrengung und bloßer Kraft.
Nur dann, o König, wenn die Erde nicht mehr tragen kann, weil sie beschwert ist vom Gewichte der Tugenden, beschwert vom Tugendgewichte der Taten völliger Reinheit, nur dann erzittert, erbebt, erdröhnt die Erde. Es ist damit geradeso, o König, wie wenn bei einem Wagen, der mit zu schweren Lasten beladen ist, die Naben und Felgen der Räder zerspringen und die Achse bricht. Oder auch, o König, gleichwie der Himmel, von Sturm und Wolken überzogen und vom Gewichte der aufgetürmten Regenwolken beschwert, infolge des Geladenseins mit zu viel Wind erdröhnt, erkracht und Regen nieder strömen läßt: ebenso auch, o König, kam es, daß die Erde, von dem großen, aufgehäuften Gewichte der Macht der Gabe des Königs Vessantara überladen und ohnmächtig, dasselbe zu tragen, anfing zu erzittern, zu erbeben und zu erdröhnen.
Denn nicht wurde, o König, diese Gesinnung des Königs Vessantara hervorgerufen durch Gier, Haß, Verblendung, Dünkel, Ansichten oder Verderbtheiten, nicht durch Grübeln, noch durch Unzufriedenheit. Sondern es war Freigebigkeit, mit der sich sein Geist künftig befasste. Sein Geist war stets und ständig auf das Geben gerichtet, und er dachte: ‚So sollen denn alle die Bedürftigen, die noch nicht herbeigekommen sind, zu mir kommen und diejenigen, die bereits zu mir gekommen sind, nach Wunsch Gaben erhalten und frohen Herzens werden.‘ Der König Vessantara, o König, hatte seinen Geist stets und ständig auf zehn Dinge geheftet: auf Zügelung, Gemütsruhe, Geduld, Zurückhaltung, Selbstkontrolle und Beherrschung, auf Freisein von Zorn und Gewalttat, auf Wahrhaftigkeit und Reinheit. König Vessantara hatte alles sinnliche Verlangen verleugnet, das Verlangen nach Dasein war in ihm gestillt, und bloß dem Verlangen nach dem Reinheitswandel war er eifrig hingegeben. Er hatte es aufgegeben, für seine eigene Person zu sorgen, und voll Eifer war er für die anderen besorgt. Der Gedanke kam ihm häufig: ‚Ach, möchten doch alle die Wesen in Eintracht leben, und ihnen Gesundheit, Vermögen und langes Leben beschieden sein!‘ Wenn er Gaben spendete, so tat er es nicht etwa, um als Lohn dafür eine günstige Wiedergeburt oder Reichtum zu erlangen, oder eines Gegengeschenkes wegen, oder um sich damit brüsten zu können, oder um sich langes Leben, Schönheit, Glück, Stärke und Ruhm zu sichern, oder damit ihm Kinder geboren würden. Sondern es war, um die Allwissenheit zu erlangen, das Kleinod der Allwissenserkenntnis, daß er solche unvergleichliche, reiche, unübertroffene, erhabene Gabe spendete. Und als er die Allwissenheit erlangt hatte, da äußerte er folgenden Vers:
Jali, meinen Sohn, die Tochter und den Hirsch,
Und mein treues Weib, die Fürstin Maddī,
Schenkt' ich weg ohn' irgend ein Bedenken,
Bloß um die Erleuchtung zu erlangen.
Durch Milde, o König, gewann der König Vessantara den Erzürnten, durch Güte gewann er den Bösen, durch Freigebigkeit den Geizigen, durch Wahrhaftigkeit den Lügner, und all das Schlechte überwand er mit seinen guten Eigenschaften.
Als er solches weggab, der Wahrheitslehre nachstrebend, die Wahrheitslehre zum Ziele habend, gerieten—durch die weite Ausstrahlung seiner aus dem Geben entstandenen Kraft—die mächtigen Winde unter der Erde in Erregung. Nach und nach, einer nach dem anderen, wehten sie immer wilder durcheinander nach unten, oben und den Seiten wirbelnd. Blätterlos stürzten die Bäume hernieder. In Massen fegten die Wolken am Himmel dahin. Fürchterlich bliesen die staubgeschwängerten Winde. Der Himmel verfinsterte sich. Mit Ungestüm bliesen und brausten nun die Stürme, und ein ungeheures, schreckliches Tosen begann. Und während da jene Stürme tobten wurden allmählich die Gewässer aufgestört. Und durch die aufgestörten Gewässer gerieten die Fische und Schildkröten in Erregung. Paarweise stiegen die Wellen empor, und alle die Wassertiere wurden von Grauen ergriffen. Die Wasserwogen wälzten sich in dichter Folge vorwärts. Ein Wogengetöse entstand, und schrecklich hob sich der Gischt, Schaumkränze bildend, und immer höher stieg das gewaltige Meer, so daß sich die Wasser nach allen Richtungen hin ergossen und ganze Wasserfluten stromaufwärts strömten. Von Angst ergriffen wurden die Titanen, Drachen, Schlangengeister und Dämonen und voll Grauen dachten sie: ‚Was ist geschienen? Wie ist es möglich? Das Meer dreht sich ja zuletzt noch selber um!‘ Und von Angst erfaßt, suchten sie nach einem Ausweg, um zu entkommen. Und als das die Erde tragende Wasser in Aufruhr und Erregung war, erzitterte die gewaltige Erde mitsamt den Gebirgen und Meeren. Und das Merugebirge (ein sagenhaftes Gebirge im Mittelpunkte eines jeden Weltsystems) begann sich im Kreise zu drehen, so daß die Felsenspitze auf seinem höchsten Gipfel zur Seite sich senkte. Ganz von Sinnen waren die Schlangen, die Mungos, Katzen, Schakale, Eber, Hirsche und Vögel. Die Schwachen unter den Dämonen begannen zu heulen, währenddessen die Starken lustig zu lachen begannen, als die gewaltige Erde erdröhnte.
Gleichwie, o König, wenn man da einen großen Topf Wasser mit Reis anfüllt und auf den Ofen stellt, das darunter brennende Feuer zuerst den Topf erhitzt, der heiße Topf darauf das Wasser zum Sieden bringt, das siedende Wasser den Reis zum Kochen bringt und der kochende Reis auf und nieder steigt und Blasen und Schaumringe bildet; ebenso auch, o König, hat der König Vessantara etwas weggegeben, auf das man schwer in der Welt verzichten kann. Und unter dem Einflusse der Beschaffenheit solchen Weggebens gerieten die unterirdischen, gewaltigen Winde, die nicht länger widerstehen konnten, in Erregung. Dadurch aber wurde das Wasser erregt, und dadurch die gewaltige Erde, so daß unter dem Einflusse der durch die gewaltige Gabe erzeugten großen Kraft alle drei—Wind, Wasser und Erde—gleichsam bloß noch einen einzigen Willen hatten. Keines anderen Menschen Gabe, o König, hat einen solchen Einfluß, wie die gewaltige Gabe des Königs Vessantara.
Gleichwie, o König, in der Erde vielerlei Edelsteine sich finden—Saphir, Großer Saphir, Lichttau, Katzenauge, Flachsblüte, Akazienblüte, Herzenlust, Sonnenlieb, Mondlieb, Kristall, Kajjopakkamaka, Topas, Rubin, Smaragd—und das Kleinod eines Universalkönigs diese alle übertrifft und als das alleredelste gilt—denn dieses leuchtet ja eine Meile im Umkreis—: ebenso auch, o König, übertrifft die hehre Gabe des Königs Vessantara alle, selbst die unvergleichlichsten und höchsten Gaben auch der ganzen Erde und gilt daher als die edelste Gabe. Und als der König Vessantara diese hehre Gabe spendete, da erbebte siebenmal die gewaltige Erde.“
„Wunderbar ist es doch mit dem Erleuchteten, ehrwürdiger Nāgasena, unfaßbar, daß der Vollendete selbst während er noch nach der Erleuchtung strebt, in aller Welt ohne seinesgleichen ist, von solcher Geduld, solcher Gesinnung, solchem Entschlusse und solchen Absichten. Die Tatkraft des Anwärters auf Buddhaschaft (Bodhisatta) (Vessantara war nämlich der Überlieferung nach eine der früheren Wiedergeburten des Buddha. Siehe 8.4.) hast du mir klar gemacht, ehrwürdiger Nāgasena, die Vollkommenheiten des Siegers von allen Seiten beleuchtet. Du hast gezeigt, wieso der Zustand eines Vollendeten, infolge seines Wandels, in aller Welt der beste ist. Mit Recht, o Herr, hast du des Siegers Lehre gepriesen und seine Vollkommenheiten beleuchtet, durchschnitten die Glaubensfessel der Irrgläubigen, zerbrochen die Gefäße der Andersgläubigen, das tiefsinnige Problem gelöst, das Dickicht gelichtet, und die Jünger des Siegers haben ihren rechten Zweck erreicht. So ist es, o bester unter den besten der Meister. Und so nehme ich es an.