Die Fragen des Königs Milinda

Teil 4

Kapitel 1

5.1.3. Devadattas Mönchsweihe

„Von wem, ehrwürdiger Nāgasena, wurde Devadatta in den Orden aufgenommen?“

Die sechs adeligen Söhne: Bhaddiya, Anuruddha, Ananda, Bhagu, Kimbila, Devadatta und als siebenter Upāli, der Barbier, sie alle entsagten, als der Meister die völlige Erleuchtung erreicht hatte, dem Geschlechte der Sakyer, um dem Erhabenen, der ihre Begeisterung erweckte, nachzufolgen in die Hauslosigkeit. Und sie alle wurden von dem Erhabenen in den Orden aufgenommen.“

„Hat denn nicht aber Devadatta, o Herr, nachdem er in den Orden aufgenommen war, in der Jüngerschaft Zwiespalt gestiftet?“

„Ja, o König, das hat er getan, und zwar nachdem er im Orden aufgenommen war. Denn weder Laienanhänger noch Nonnen, noch Lernende, noch männliche oder weibliche Novizen sind imstande, in der Jüngergemeinde Zwiespalt zu stiften. Das kann nur ein Mönch tun, der selber noch im Besitze seiner Mönchswürde ist und mit seinesgleichen zusammenlebt, mit den anderen in ein und demselben Bezirke wohnt.“

„Und was für ein Los (kamma, „was für ein Wirken hat es betätigt ...“), o Herr, trifft denjenigen, der in der Jüngergemeinde Zwiespalt stiftet?“

„Ein Los, das für eine Weltperiode andauert.“

„So wußte wohl der Erleuchtete, daß Devadatta, nach Aufnahme im Orden, in der Jüngergemeinde Zwiespalt stiften und dafür eine Weltperiode in der Hölle schmachten würde?“

„Ja, o König. Der Vollendete wußte das.“

„Wenn dies der Erleuchtete wirklich wußte, o Herr, so ist es doch falsch zu behaupten, daß er voll Mitleid, Güte und Wohlwollen war, und daß er von allen Wesen das Übel abhielt und sie mit dem Heilsamen versah. Wenn dagegen der Erleuchtete dies nicht wußte, war er eben nicht allwissend. Dies ist ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle. Entwirre es denn, dieses gewaltige Dickicht! Zerbrich der anderen Behauptungen in Stücke! Denn in künftiger Zeit werden solche einsichtsvollen Mönche, wie du, schwerlich zu finden sein. So zeige denn hier deine Fähigkeit!“

„Der Erhabene, o König, war sowohl voll Mitleid als auch allwissend. Als nämlich der Erhabene in seinem Mitleid und seiner allwissenden Erkenntnis über den Ausgang Devadattas nachsann, erkannte er, daß Devadatta, durch Anhäufung höllischer Taten, während vieler hunderttausend Weltperioden von Hölle zu Hölle, von Abgrund zu Abgrund, würde zu eilen haben. Und in seiner allwissenden Erkenntnis wußte er: ‚Wenn dieser Mensch in meinem Orden Aufnahme findet, so wird sein grenzenloses Schicksal (kamma) ein begrenztes sein, und das durch sein früheres Wirken bedingte Leiden gleichfalls begrenzt sein. Wenn er aber nicht in den Orden aufgenommen wird, so wird dieser Tor böse Werke anhäufen, deren Folgen für Weltperioden anhalten werden.‘ Aus diesem Grunde nahm er Devadatta voll Mitleid in den Orden auf.“

„Somit, ehrwürdiger Nāgasena, schlägt der Buddha dem Menschen erst eine Wunde, und dann reibt er diese Wunde mit Öl ein; erst stürzt er ihn in den Abgrund, und dann reicht er ihm wieder die Hand; erst tötet er ihn, und dann versucht er ihn wieder zu beleben; erst bereitet er ihm Schmerz, und später verschafft er ihm wieder Freude.“

(Dies sind natürlich bildhafte und absichtlich schroffe Ausdrücke des Königs dafür, daß der Buddha die leidvollen Folgen schweren unheilsamen Wirkens wohl voraussah, sie aber nicht verhinderte. Er konnte sie jedoch nicht verhindern, d.h. er konnte nicht die Gesetzmäßigkeit von Ursache und Wirkung aufheben. Er konnte die Folgen nur insoweit begrenzen und abschwächen, daß nach deren Auswirkung wieder ein Weg der Höherentwicklung für Devadatta offen stand.)

„Der Vollendete, o König, verwundet, wirft nieder und tötet die Wesen um ihres Heiles willen. Und wenn er dies tut, so erweist er ihnen dadurch eine große Wohltat. Obwohl nämlich, o König, die Eltern ihren Kindern, dadurch, daß sie dieselben schlagen oder gar zu Boden werfen, eine Wohltat erweisen mögen, so auch, o König, schlägt der Vollendete die Wesen, wirft sie nieder und tötet sie um ihres Heiles willen, und dadurch erweist er ihnen eine große Wohltat. Durch welche Mittel auch immer die Wesen in der Tugend vorwärts schreiten, durch eben diese erweist er ihnen allen eine große Wohltat. Wäre nämlich, o König, Devadatta nicht Mönch geworden, sondern im Hausleben verblieben, so hätte er durch Ausübung vieler böser, zur Hölle führender Werke manche hunderttausend Weltperioden Leiden zu ertragen und von Hölle zu Hölle, von Abgrund zu Abgrund zu eilen. Da nun dies der Erhabene erkannte, nahm er Devadatta aus Mitleid in den Orden auf. Da er also wußte, daß durch seine Aufnahme in den Orden seine Leiden begrenzt sein würden, so linderte er, von Mitleid erfüllt, sein heftiges Leiden.

Gleichwie, o König, eine durch Reichtum, Ansehen, Ruhm und Verwandtschaft mächtige Persönlichkeit für einen Verwandten oder Freund, den der Fürst mit schwerer Strafe belegt hat, kraft des ihm entgegengebrachten großen Vertrauens die schwere Strafe lindern läßt: ebenso auch, o König, nahm der Erhabene den Devadatta, der sonst viele hunderttausend von Weltperioden Leiden zu erfahren hätte, in den Orden auf und ließ ihn kraft seiner Tüchtigkeit in Sittlichkeit, Sammlung, Weisheit und Befreiung seine schweren Leiden lindern. Oder gleichwie, o König, ein geschickter Arzt eine schwere Krankheit durch ein wirksames Heilkraut lindern mag, ebenso auch nahm der Erhabene, in Kenntnis der Krankheit, den Devadatta, der sonst viele hunderttausend Weltperioden Leiden zu erfahren hätte, in den Orden auf, und vermittelst der durch die Macht seines Mitleids wirksamen Arznei der Wahrheitslehre linderte er seine schweren Leiden. Hat also etwa, o König, der Erhabene etwas Böscs begangen, wenn er dem Devadatta, der andernfalls schwer zu leiden hätte, seine Leiden linderte?“

„Nein, o Herr, auch nicht für einen Augenblick.“

„Nimm also, o König, dies verständiger weise als Grund dafür an, daß der Erhabene den Devadatta in den Orden aufnahm.

Aber noch eine weitere Begründung, o König, sollst du hierfür hören. Gesetzt nämlich, o König, Leute nähmen einen Dieb fest und brächten ihn vor den König mit den Worten: ‚Dieser da, o Herr, ist ein Dieb, ein Verbrecher. Möge ihn der Herr nach Belieben mit Strafe belegen!‘ Und der Fürst spräche zu ihnen: ‚So mögt ihr denn diesen Räuber hinaus vor die Stadt bringen und auf der Richtstätte enthaupten!‘ Und jene, dem König gehorchend, brächten den Räuber hinaus vor die Stadt zur Richtstätte. Und es sähe ihn dort ein Mann, der beim König in Gunst steht und im Besitze ist von Ansehen, Reichtum und Vermögen, dessen Worte etwas gelten, ein Mann von Einfluss. Der empfände mit jenem Mitleid und spräche zu den Leuten: ‚Haltet ein, ihr Leute! Was habt ihr davon, wenn ihr diesen enthauptet? Haut ihm Hand oder Fuß ab und schenkt ihm das Leben. Ich werde seinethalben beim König Berufung einlegen.‘ Und auf das Wort dieses einflussreichen Mannes hin hauten sie dem Verbrecher bloß Hand oder Fuß ab und schenkten ihm das Leben. Hätte da jener Mann durch eine solche Handlung dem Räuber nicht wohl einen großen Dienst geleistet?“

„Er hätte ihm ja dadurch sein Leben geschenkt, o Herr. Hat er ihm aber erst einmal das Leben geschenkt, was kann er da noch Besseres für ihn tun?“

„Und hat wohl jener Mann wegen der beim Abhauen der Hand oder des Fußes entstandenen Schmerzen irgend welche Schuld?“

„Nein, o Herr, infolge seiner eigenen Tat empfindet ja jener Räuber Schmerzen. Und der Mann, der ihm das Leben schenkte, hat nichts Böses begangen.“

„Ebenso auch, o König, nahm der Erhabene den Devadatta aus Mitleid in den Orden auf. Denn er wußte, daß die Leiden des Devadatta durch seine Aufnahme in den Orden begrenzt sein würden. Und Devadattas Leiden wurden wirklich gelindert, o König. Denn Devadatta, o König, nahm in der Sterbestunde zeitlebens Zuflucht zum Erleuchteten, indem er sprach:

Mit diesen Knochen hier ehr' ich den höchsten Menschen,
Den Gott der Götter, der die Unbezähmten zähmt,
Den Seher, dem hundert Tugendzeichen eignen,
Zum Buddha nehm' ich meine Zuflucht lebenslang.

Wenn man, o König, das Weltzeitalter in sechs Zeitabschnitte einteilt, so war es nach Ablauf des ersten Zeitabschnittes, daß Devadatta die Jüngergemeinde entzweite. Die übrigen fünf Zeitabschnitte hat er in der Hölle zu schmachten. Danach wird er aus ihr befreit und erreicht den Zustand eines Einzelerleuchteten mit Namen Atthisara. Hat also, o König, der Erhabene durch eine solche Handlung Devadatta nicht wohl einen großen Dienst geleistet?“

„Alles, o Herr, hat ja der Vollendete dem Devadatta gegeben, wenn er ihn den Zustand eines künftigen Einzelerleuchteten hat erreichen lassen. Was könnte er wohl für ihn noch Besseres tun?“

„Daß nun aber, o König, Devadatta die Jüngergemeinde entzweite und in der Hölle Leiden zu erfahren hat, trifft dafür den Erhabenen wohl irgend welche Schuld?“

„Nein, o Herr. Für seine eigene Tat hat Devadatta ein Weltzeitalter in der Hölle zu schmachten, und der Meister, der sein Leiden begrenzte, hat dadurch keinerlei Schuld begangen.“

„Nimm auch dies, o König, verständigerweise als Grund dafür an, daß der Erhabene den Devadatta in den Orden aufnahm.

Aber noch eine weitere Begründung sollst du hören, o König, warum der Erhabene den Devadatta in den Orden aufnahm. Nimm an, o König, ein geschickter Arzt wolle eine eiterige, blutige Wunde heilen, in deren Loch noch der Pfeil steckt und die unter dem gemeinsamen Einflusse der Körpergase, der Galle und des Schleimes und durch Temperaturwechsel und infolge ungeregelter Lebensweise und äußeren Verletzungen einen faulen, modrigen, durchdringenden Gestank angenommen hat. Und er bestriche die Öffnung der Wunde mit einer scharfen, beißenden, brennenden, stechenden Arznei, um sie zur Reife zu bringen. Später schneide er dann die reife und weich gewordene Wunde mit einer Lanzette auf und brenne sie mit einem Ätzstifte aus. Darauf wasche er sie mit Kalilauge und bestreiche sie von neuem mit Salbe, damit die Wunde ausheile und der Kranke genese. War es da wohl in übelwollender Gesinnung, o König, daß der Wundarzt die Arznei auf die Wunde strich oder sie mit einer Lanzette aufschnitt oder mit einen Ätzstifte ausbrannte oder mit Lauge auswusch?“

„Nein, o Herr. In wohlwollender Gesinnung und auf seine Heilung bedacht, hat ja der Arzt jene Behandlung bei dem Kranken vorgenommen.“

„Und hat wohl, o König, jener Arzt wegen der bei der Anwendung von Arzneien entstandenen Schmerzen irgend welche Schuld begangen?“

„In wohlwollender Gesinnung und auf seine Heilung bedacht, hat er ja jene Behandlung vorgenommen. Wie sollte er dadurch wohl eine Schuld begangen haben? In den Himmel, o Herr, sollte jener Arzt gelangen!“

„Ebenso auch, o König, nahm der Erhabene voll Mitleid Devadatta in den Orden auf, damit er vom Leiden befreit würde.

Aber noch einen weiteren Grund sollst du hören. Gesetzt, o König, ein Mann sei von einem Dorn gestochen und ein anderer, der auf seine Heilung bedacht ist und sein Wohl wünscht, lege vermittelst eines scharfen Stachels oder einer Lanzette ringsherum die Haut bloß und ziehe unter Blutvergießen jenen Dorn heraus. Hätte da wohl, o König, jener Mann in übelwollender Gesinnung jenen Dorn entfernt?“

„Nein, o Herr. Weil er dem anderen wohl will und ihn zu heilen wünscht, darum tut er solches. Denn würde er es nicht tun, so würde jenen der Tod oder tödliche Schmerzen ereilen.“

„Ebenso auch, o König, nahm der Vollendete voll Mitleid Devadatta in den Orden auf, damit er vom Leiden befreit würde. Denn hätte er ihn nicht in den Orden aufgenommen, so hätte Devadatta hunderttausend Weltzeitalter hindurch von Dasein zu Dasein in der Hölle zu schmachten.“

„Wahrlich, ehrwürdiger Nāgasena, der Vollendete hat Devadatta, der mit dem Strome der Leidenschaften entlang trieb, zu der dem Strome entgegen gehenden Lehre geführt. Und als Devadatta auf dem Irrwege wanderte, hat er ihn auf den rechten Pfad gebracht. Als er in den Abgrund geraten war, hat er ihm eine Stütze dargeboten. Als er auf rauhe Fährte geraten war, hat er ihn auf den ebenen Weg gebracht. Und kein anderer, ehrwürdiger Nāgasena, kann diese Gründe und Ursachen darlegen, sei er denn selber so weise wie du.“