Die Fragen des Königs Milinda
Teil 4
Kapitel 2
5.2.2. Die Fragen des Mālunkyaputta
„Der Erhabene, o Herr, hat einst von sich gesagt: ‚Nicht hält, Ananda, der Vollendete hinsichtlich seiner Lehren die Hand verschlossen wie so mancher Meister.‘ (D.10) Andererseits aber wieder hat er die Frage des Ordensälteren Mālunkyaputta unbeantwortet gelassen. Dieses Problem seines Nichtantwortens läßt zweierlei Annahme zu, und nur auf einer der beiden kann dasselbe beruhen, entweder auf Unwissenheit oder auf Geheimhaltung. Denn hat, o Herr, der Erhabene wirklich den Ausspruch getan, dann hat er eben aus Unwissenheit dem Mālunkyaputta nicht geantwortet. Hat er aber trotz seines Wissens nicht geantwortet, so hält er eben hinsichtlich seiner Lehren die Hand verschlossen wie so mancher Meister. Dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle, und das du mir zu lösen hast.“
„Es ist wahr, o König, daß der Erhabene jenen Ausspruch getan hat. Daß er aber die Frage des Ordensälteren Mālunkyaputta unbeantwortet ließ, beruht weder auf Unwissenheit noch auf der Absicht, etwas zu verheimlichen. Es gibt nämlich, o König, viererlei Weisen, wie man Fragen zu beantworten hat.
- Es gibt da Fragen, die eine direkte Antwort zulassen;
- es gibt Fragen, die eine aufklärende Antwort verlangen,
- es gibt ferner Fragen, die durch Gegenfragen zu beantworten sind;
- und schließlich gibt es solche Fragen, die zu verwerfen sind.
- Auf die Frage zum Beispiel, ob Körper, Gefühl, Wahrnehmung, Geistesformationen und Bewußtsein vergänglich sind, da läßt sich bloß eine direkte Antwort geben.
- Auf die Frage aber, ob das, was vergänglich ist, wohl Körperlichkeit sei, oder ob es Gefühl sei, oder Wahrnehmung oder Geistesformation oder Bewußtsein, da läßt sich bloß eine aufklärende Antwort geben.
- Die Frage aber, ob es das Auge sei, mit dem man sich aller Dinge bewußt ist, das ist eine Frage, die sich durch Gegenfrage beantworten läßt.
- Die Fragen aber, ob die Welt ewig sei oder nicht ewig, endlich oder unendlich, oder teilweise endlich, teilweise unendlich oder weder endlich noch unendlich, ob Leben und Körper identisch seien oder etwas voneinander Verschiedenes, ob der Vollendete nach dem Tode fortbestehe oder nicht fortbestehe, oder teilweise fortbestehe, teilweise nicht fortbestehe, oder weder fortbestehe noch nicht fortbestehe: alles dies sind Fragen, die man zu verwerfen hat.
Weil aber die Frage des Ordensälteren Mālunkyaputta eine solche zu verwerfende Frage war, deshalb hat sie der Erhabene unbeantwortet gelassen. Und warum ist eine solche Frage zu verwerfen? Weil es keinen Grund, keine Ursache, geben kann, eine solche zu beantworten, deshalb ist sie zu verwerfen. Denn nicht ohne Grund und Ursache tun die Erleuchteten, die Erhabenen, irgend eine Äußerung.“
„Richtig, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es. Das gebe ich zu.“