Die Fragen des Königs Milinda

Teil 4

Kapitel 2

5.2.1. Abschaffung der kleinen Ordensregeln

„Der Erhabene, o Herr sagt: ‚Nachdem ich die Lehre völlig erkannt habe, o Mönche, lege ich sie dar, nicht ohne sie völlig erkannt zu haben. Andererseits aber sagt er mit Beziehung auf die Vorschriften der Ordensdisziplin: ‚Wünscht es die Jüngerschaft, Ananda, so mag sie nach meinem Dahinscheiden alle kleinen und nebensächlichen Ordensregeln abschaffen.‘ Waren denn etwa die kleinen und nebensächlichen Ordensregeln schlecht verkündet oder ohne eine wirkliche Kenntnis der Sache, daß der Erhabene erlaubte, sie nach seinem Tode wieder abzuschaffen? Wenn somit die erste Aussage richtig ist, dann muß die zweite falsch sein, ist aber die zweite richtig, so ist eben die erste falsch. Dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle, ein dunkles, verborgenes, ganz verstecktes, tiefsinniges, schwer zu ergründendes, schwer zu erklärendes. Beweise hier nun wieder einmal die Größe deiner Geisteskraft!“

„Beides, o König, hat der Erhabene gesagt. Das letztere aber hat der Vollendete gesagt, um seine Mönche auf die Probe zu stellen, ob sie, wenn er es erlaubte, nach seinem Dahinscheiden die kleinen und nebensächlichen Ordensregeln wirklich fahren lassen, oder daran festhalten möchten. Es ist hiermit gerade so, o König, wie wenn ein Weltherrscher zu seinen Söhnen sprechen möchte: ‚Dieses mächtige Reich, meine lieben Söhne, erstreckt sich nach allen Seiten hin bis zum Meere. Schwer ist es, meine Söhne, mit solch kleiner Heeresmacht das Reich zu behaupten. Geht, lasset nach meinem Dahinscheiden nur ruhig alle Grenzgebiete fahren!‘ Würden da wohl, o König, die Prinzen nach ihres Vaters Tode von den in ihren Besitz gelangten Ländern alle jene Grenzgebiete allmählich aufgeben?“

„Gewiß nicht, o Herr. Herrscher sind gar habgierig. Die Prinzen möchten in ihrer Herrschgier am liebsten noch zwei- oder dreimal soviele Länder an sich reißen. Wie sollten sie da die bereits in ihren Besitz gelangten Gebiete preisgeben?“

„Ebenso auch, o König, hat der Erhabene bloß deshalb diese Worte gesprochen, weil er seine Mönche auf die Probe stellen wollte. Zum Zwecke der Leidenserlösung aber, o König, und aus Liebe zur Lehre (wörtl.: Lust an der Lehre,dhamma-lobhena; im Vergleich entsprechend der obigen „Herrschgier„ rajja-lobhena) würden die Jünger des Erleuchteten am liebsten noch weitere einhundertundfünfzig Ordensregeln halten. Wie sollten sie da die ursprünglich festgesetzten Ordensregeln aufgeben?“

„Hinsichtlich dessen aber, ehrwürdiger Nāgasena, was der Erhabene als die kleinen und nebensächlichen Ordensregeln bezeichnet, da sind sich die Menschen im Unklaren, hegen Zweifel, sind uneinig und in Ungewißheit darüber verfallen, welches wohl die kleinen und nebensächlichen Ordensregeln sein mögen.“

„Die kleinen Ordensregeln, o König, beziehen sich auf ‚schlechtes Verhalten‘, die nebensächlichen Ordensregeln auf ‚schlechte Worte‘ (dukkataund dubbhāsita; beides sind Gruppen von Ordensvergehen). Auch die Ordensälteren in früheren Zeiten, o König, waren in dieser Sache in Zweifel, und über dieses Problem, das schon der Erhabene voraussah, waren sie bei Festlegung der Lehre sich nicht einig.“

„Das also, was lange Zeit verborgen geblieben ist, ehrwürdiger Nāgasena, dieses Geheimnis des Siegers hast du nun heute der Welt enthüllt und klar gemacht.“