Die Fragen des Königs Milinda

Teil 4

Kapitel 1

5.1.10. Die Macht der Magie

„Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat folgendes gesagt: ‚Der Vollendete, Ananda, hat die Vier Machtfährten (iddhi-pādā) erweckt, großgezogen, entwickelt, verwirklicht, ausgeübt, entfaltet und zur vollen Vollendung gebracht. Wünscht es der Vollendete, Ananda, so kann er noch ein volles Zeitalter am Leben bleiben oder die Spanne, die an einem vollen Zeitalter fehlt.‘ Andererseits aber hat er gesagt: ‚Heute in drei Monaten wird der Vollendete völlig erlöschen.‘ Wenn also die erste Aussage richtig ist, dann muß die zweite falsch sein. Ist aber die zweite richtig, so ist eben die erste falsch. Auch brüsten sich die Vollendeten nicht mit Unmöglichem. Die Erleuchteten reden keine leeren Worte. Nur die unzweideutige Wahrheit sprechen sie, die Erhabenen. Dies ist wieder einmal ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle, ein tiefsinniges, verstecktes, schwer ausdenkbares. Zerreiße denn das Netz der Ansichten, werfe es beiseite, und zerschmettere die Behauptungen der Gegner!“

„Beide Aussprüche, o König, hat wohl der Erhabene getan. Doch hat man hier unter einem Zeitalter (kappa) ein Lebenszeitalter zu verstehen. Und nicht etwa seine eigene Macht wollte der Erhabene mit diesen Worten rühmen, sondern eben bloß die Macht der Magie (abhiññā). Nimm an, o König, ein Fürst besitze ein edles, flinkes Roß, das mit Windesgeschwindigkeit laufen kann. Und vor seinen Räten, vor Städtern, Landvolk, Söldnern, Kriegern, Brahmanen und Bürgern preise er die Macht seiner Geschwindigkeit, indem er spreche: ‚Dies mein edles Roß könnte, wenn es wollte, die von dem Meere umgrenzte, weite Erde durcheilen und in einem Augenblicke wieder hier zurück sein.‘ Wenn nun auch der König jener Menschenmenge das Geschwindigkeitsvermögen seines Rosses nicht zeigt, so besitzt es dennoch diese Geschwindigkeit und ist imstande, in einem Augenblicke die weite, von dem Meere umgrenzte Erde zu durcheilen (Im D.17. werden diese Eigenschaften dem Rosse des sagenhaften Königs Mahāsudassana beigelegt).

Ebenso auch, o König, pries der Erhabene die Macht der Magie, als er inmitten der dreiwissensmächtigen und sechsfach geistesmächtigen Heiligen, der Unbefleckten, Wahnerlösten, sowie der Götter und Menschen dasaß und die Worte sprach: ‚Der Vollendete, Ananda, hat die Vier Machtfährten erweckt, großgezogen, entwickelt, verwirklicht, ausgeübt, entfaltet und zur vollen Vollendung gebracht. Wünscht es der Vollendete, Ananda, so kann der Vollendete noch ein volles Zeitalter am Leben bleiben oder die Spanne, die an einem vollen Zeitalter fehlt.‘ Der Erhabene besaß jene magische Kraft, o König, und war zufolge derselben imstande, noch ein volles Lebenszeitalter am Leben zu bleiben oder die Spanne, die an einem vollen Lebenszeitalter fehlt, auszuleben. Aber dennoch hat der Erhabene diese Fähigkeit den Menschen nicht gezeigt. Denn der Erhabene, o König, hatte keinerlei Begehren nach irgendwelchen Daseinsformen. Jegliche Daseinsform hat er verschmäht. Übrigens hat der Erhabene ja doch selber gesagt: ‚Gleichwie, ihr Mönche, selbst schon ein wenig Kot gar übel riecht, so finde ich am Dasein nicht den geringsten Gefallen, und wäre es für einen bloßen Augenblick.‘ Möchte da wohl der Erhabene, o König, der doch jegliche Arten und Formen des Daseins als Kot achtet, dieser magischen Kraft zuliebe nach Dasein begehren?“

„Gewiß nicht, o Herr.“

„So war es also bloß, o König, um die Macht der Magie zu zeigen, daß er solchen Löwenruf erschallen ließ.“

„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an.“