Die Fragen des Königs Milinda

Teil 4

Kapitel 2

5.2.7. Die Leitung der Mönchsgemeinde

„Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat einst den Ausspruch getan: ‚Nicht denkt, Ananda, der Vollendete, daß er es gerade sein muß, der die Mönchsgemeinde leitet, oder daß die Mönchsgemeinde auf ihn angewiesen ist.‘ Doch bei Beschreibung der Charaktereigenschaften des (künftigen Buddha) Metteyya, des Erhabenen, sagt er: ‚Er wird eine viele Tausende zählende Mönchsgemeinde leiten, gleichwie ich da jetzt eine Gemeinde von einigen Hunderten von Mönchen leite.‘ Wenn also der erste Ausspruch richtig ist, muß der zweite falsch sein; ist aber der zweite richtig, so ist eben der erste falsch. Auch dies ist ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle und das du mir nun zu lösen hast.“

„Beide Aussprüche, o König, hat zwar der Erhabene getan. In diesem Probleme jedoch, o König, hat die eine Aussage einen begrenzten Sinn, die andere aber einen unbegrenzten. Nicht, o König, läuft etwa der Vollendete den Anhängern nach, sondern die Anhänger laufen dem Vollendeten nach. Der Ausdruck ‚ich‘ oder ‚mein‘ ist eine bloße landläufige Bezeichnung (sammuti), aber keine absolute Wahrheit (paramattha). Lust und Neigung, o König, sind beide im Vollendeten erloschen. Auch das Angreifen ans ‚mein‘ besteht nicht mehr für den Vollendeten, doch er ist eine Stütze für die anderen. Gleichwie, o König, die Erde der Träger und die Zuflucht der auf ihr lebenden Wesen ist und diese von ihr abhängig sind, aber dennoch der großen Erde keinerlei Neigung ankommt, etwa in dem Gedanken: ‚Mir gehören diese‘: ebenso auch, o König, ist der Vollendete allen Wesen eine Stütze und Zuflucht, und vom Vollendeten hängen sie ab. Aber dennoch kommt den Vollendeten keinerlei Neigung an, etwa in dem Gedanken: ‚Mir gehören diese.‘ Oder gleichwie die große, gewaltige Wolke, die hernieder regnet, Gräsern, Bäumen, Tieren und Menschen zum Segen gereicht und sie am Leben erhält, aber dennoch der großen Wolke keinerlei Neigung ankommt, als wie: ‚Mir gehören diese‘: ebenso auch, o König, ist der Vollendete der Schöpfer und Erhalter der guten Eigenschaften aller Wesen, und sie alle leben in Abhängigkeit von dem Meister. Aber dennoch kommt den Vollendeten keinerlei Neigung an, etwa in dem Gedanken: ‚Mir gehören diese.‘ Und warum nicht? Weil eben der Ichwahn in ihm erloschen ist.“

„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena. Gut gelöst hast du das Problem durch mancherlei Beispiele. Du hast dieses tiefsinnige Problem offenbar gemacht, den Knoten zerteilt, das Dickicht gelichtet, die Finsternis erhellt. Die Behauptungen der Gegner aber hast du zerschmettert und den Jüngern des Siegers die Augen geöffnet.“