Die Fragen des Königs Milinda
Teil 4
Kapitel 3
5.3.4. Buddhas harte Worte
„Der Ordensältere Sāriputta, o Herr, der Heerführer der Lehre, hat einstmals folgenden Ausspruch getan: ‚Ein lauteres Benehmen in Worten eignet dem Vollendeten, ihr Brüder. Und nicht gibt es für den Vollendeten ein schlechtes Benehmen in Worten, so daß er sich etwa in Acht zu nehmen brauchte, damit dies kein anderer erfahre.‘ Damals jedoch, als der Vollendete hinsichtlich des Vergehens des Ordensälteren Sudinna, des Kalanders, das erste ‚mit Ausstoßung verbundene Vergehen‘ (pārājikā) bekannt machte, gebrauchte er harte Worte und den Ausdruck ‚nichtiger Mensch‘. Wegen jener Worte aber geriet der Ordensältere vor seinem Lehrer in Furcht und wurde von Gewissensbissen verzehrt, so daß er nicht imstande war, den heiligen Pfad zu verwirklichen.
Wenn nun der Vollendete wirklich ein lauteres Benehmen in Worten hatte, so muß diese letztere Behauptung falsch sein. Ist diese aber richtig, dann ist eben die erstere falsch. Auch dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle und das du mir nun lösen magst.“
„Beide Aussagen sind richtig, o König. Daß jedoch der Vollendete harte Worte gebrauchte, geschah nicht etwa erbosten Herzens oder aus Wut, sondern bloß um eine Tatsache festzustellen. Denn wer da, o König, in diesem Leben, die vier Wahrheiten nicht durchdringt, dessen Menschsein gilt eben als nichtig. Und was ein solcher auch immer unternimmt, das fällt stets anders aus. Deshalb heißt man ihn eben einen nichtigen Menschen. Somit hat also, o König, der Erhabene den Ehrwürdigen Sudinna, den Kalander, mit einem zutreffenden Wort angeredet, nicht mit einem unwahren.“
„Wenn aber, o Herr, jemand Tatsachen mit Schimpfworten vorbringt, so belegen wir ihn dennoch mit einem Groschen Strafe. Denn er macht sich schuldig, wenn er aus irgendeinem Anlaß die normale Sprechweise verläßt und ins Schimpfen gerät.“
„Hast du wohl schon jemals gehört, o König, daß man einen Verbrecher ehrfurchtsvoll begrüßt, sich vor ihm erhebt, ihm Achtung erweist und Geschenke darbringt?“
„Gewiß nicht, o Herr. Wie und wo auch immer ein Mensch ein Verbrechen begangen hat, da verdient er Tadel und Vorwurf. Und man enthauptet, foltert, bindet oder tötet ihn oder zieht ihm seine Güter ein.“
„Somit hat also der Erhabene, o König, etwas Rechtes getan und nichts Unrechtes.“
„Auch wenn jemand, ehrwürdiger Nāgasena, etwas Rechtes tut, hat er es auf eine rechte und angemessene Weise zu tun. Daher, o Herr, werden die Menschen samt den Göttern, selbst wenn sie nur von einem ‚solcherart beschaffenen Wesen‘ (Tathāgata) hören, von sittlicher Scheu und Scham ergriffen, mehr aber noch bei dessen Anblick, und bei weitem mehr, wenn er sich ihnen nähert oder in ihrer Gesellschaft weilt.“
„Möchte wohl, o König, wenn bei einem Kranken der ganze Organismus angegriffen ist und alle Säfte erregt sind, ein Arzt milde Arzneien verschreiben?“
„Nein, o Herr. Da der Arzt auf seine Gesundheit bedacht ist, verschreibt er dem Kranken scharfe, einschneidende Arzneien.“
„Ebenso auch, o König, gibt der Vollendete seine Unterweisung zur Stillung aller Übel der Leidenschaften. Auch selbst die scharfen Worte des Vollendeten, o König, machen die Wesen sanft und mild. Gleichwie etwa, o König, selbst das kochende Wasser einen zu erweichenden Gegenstand biegsam und weich macht: ebenso auch, o König, waren selbst die harten Worte des Vollendeten segensreich und voll von Mitleid. Oder gleichwie, o König, die Worte eines Vaters zu seinen Kindern segensreich und voll von Mitleid sind: ebenso auch, o König, waren selbst die harten Worte des Vollendeten segensreich und voll von Mitleid. Ja, auch die harten Worte des Vollendeten, o König, führen die Wesen zur Überwindung ihrer Leidenschaften. Gleichwie nämlich, o König, selbst durch das Trinken des übelriechenden Rinderurins oder das Einnehmen widerlich schmeckender Arzneien der Wesen Leiden geheilt werden mögen: ebenso auch, o König, waren selbst die harten Worte des Vollendeten segensreich und voll von Mitleid. Oder gleichwie, o König, selbst ein großer Knäuel Baumwolle, der jemandem auf den Körper fällt, keine Schmerzen hervorruft: ebenso auch, o König, gereichen selbst die harten Worte des Vollendeten keinem zum Leiden.“
„Gut gelöst, o Herr, hast du das Problem mit Hilfe vielartiger Beweisgründe. Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena. So ist es, und so nehme ich es an.“