Die Fragen des Königs Milinda

Teil 4

Kapitel 3

5.3.6. Buddhas letztes Mahl

„Von den Ordensälteren, o Herr, die die Rezitation der Lehre vornahmen , wurde folgendes vorgetragen:

Als Cundas Mahl beendet war,
Des Kupferschmieds—so hörte ich
Da wurd' der Buddha plötzlich krank,
Und heftig litt er tödliche Schmerzen.

Andererseits aber sagte der Erhabene: ‚Zwei Almosenspenden, Ananda, zeitigen genau die gleichen Früchte, die gleiche Wirkung und sind bei weitem verdienstvoller als alle die anderen Almosenspenden. Und welche sind diese beiden? Diejenige Almosenspende, nach deren Genuß der Vollendete die unvergleichliche, vollkommene Erleuchtung errang, und diejenige Almosenspende, nach deren Genuß der Vollendete in dem von jedem Daseinsrest freien Element der Erlösung (Nibbāna) gänzlich erlosch: diese beiden Almosenspenden sind es.‘ (Beide Texte stammen aus D.16, dem Mahā-Parinibbāna-Sutta, wo über das letzte Mahl des Buddha berichtet wird.)

Wenn nun, ehrwürdiger Nāgasena, nach dem Mahle des Cunda im Erhabenen wirklich eine heftige Krankheit ausbrach und starke tödliche Schmerzen sich einstellten, dann muß doch diese letzte Behauptung falsch sein. Sollte vielleicht gar, ehrwürdiger Nāgasena, jene letzte Almosenspende deshalb verdienstvoller sein, weil sie Giftiges enthielt, Krankheit erzeugte, lebensvernichtend wirkte und den Erhabenen das Leben kostete? Begründe mir denn diese Sache zur Überführung der Gegner. Denn die Leute denken törichterweise, daß diese Ruhr durch Überessen, also durch Gier, verursacht wurde. Dieses zweischneidige Problem sei dir gestellt. So löse es denn.“

„Die Ordensälteren haben tatsächlich jene erste Aussage gemacht. Und dennoch hat der Erhabene beide Almosenspenden gleichgestellt: diejenige vor seiner Erleuchtung und sein letztes Mahl. Diese letzte Almosenspende nämlich besaß viele Vorzüge und brachte mancherlei Segen. Erfreut und frohen Geistes, o König, flößten die Gottheiten himmlischen Saft in das Gericht Eberpilze, da sie wußten, daß dies des Erhabenen letztes Mahl war. Und jenes Gericht war völlig gar gekocht, lecker, äußerst schmackhaft und leicht verdaulich für den Magen. Nicht etwa wegen dieser Speise, o König, ist im Erhabenen die zuvor noch nicht bestehende Krankheit ausgebrochen, sondern nur, weil der Körper des Erhabenen schon an und für sich schwach und seine Lebenskraft gewichen war, konnte die ausgebrochene Krankheit sich stärker entwickeln. Gerade wie etwa ein gewöhnliches Feuer stärker brennt, sobald man frischen Brennstoff auflegt—oder wie ein gewöhnlicher Strom bei starkem Regen mächtig anschwillt und überfließt—oder auch wie einem der Leib von normalem Körperumfang bei neuer Nahrungszufuhr noch dicker anschwillt. So auch, o König, konnte sich die Krankheit des Erhabenen nur deshalb stärker entwickeln, weil sie in einem schon an und für sich schwachen Körper entstand, in dem die Lebenskraft bereits erschöpft war. Die Schuld liegt also nicht an jener Almosenspende, o König. Ihr kann man keinerlei Schuld zuschreiben.“

„Aus welchem Grunde, ehrwürdiger Nāgasena, zeitigen nun aber jene beiden Almosenspenden genau die gleichen Früchte, die gleiche Wirkung und sind bei weitem verdienstvoller als alle die anderen Almosenspeisen?“

„Wegen der damit verbundenen Erreichung des Eintritts in geistige Zustände.“

„Welcher geistigen Zustände, o Herr?“

„Wegen des fortschreitenden und rückschreitenden Eintretens in die Folge der neun meditativen Erreichungszustände.“

(anupubba-vihāra-samāpatti,die Folge dieser neun Erreichungszustände besteht aus den vier feinkörperlichen und den vier unkörperlichen Vertiefungen,jhāna, sowie dem Zustand der Erlöschung von Gefühl und Wahrnehmung, s.nirodha-samāpatti)

„Geschah denn solches, o Herr, bloß an diesen beiden Tagen in einem erhöhten Maße?“

„Ja, o König.“

„Wunderbar ist es, ehrwürdiger Nāgasena, unglaublich ist es, daß selbst die unvergleichlich erhabenste Gabe an den Buddha mit diesen beiden Almosenspenden sich nicht vergleichen läßt. Wunderbar ist es, o Herr, unglaublich ist es, wie gewaltig die Erreichungen der neun meditativen Folgezustände sind, insofern nämlich dadurch einer Gabe um so höhere Frucht und höherer Segen beschieden ist. Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena. So ist es, und so nehme ich es an.“