Die Fragen des Königs Milinda
Teil 4
Kapitel 3
5.3.7. Reliquienverehrung
„Der Vollendete, o Herr, hat einst gesagt ‚Kümmert euch nicht, Ananda, um Verehrung der Körperreste des Vollendeten.‘ Andererseits jedoch hat er wieder den Ausspruch getan:
Verehrt die Körperreste dessen,
Dem ihr Verehrung schuldet,
Denn solche Tat führt euch
Von hier hinauf zur Himmelswelt.
Wenn also die erste Behauptung richtig ist, dann muß die zweite falsch sein. Ist aber die zweite Behauptung richtig, so ist eben die erste falsch. Dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle und das du nun zu lösen hast.“
„Beide Aussprüche, o König, hat wohl der Erhabene getan. Doch nicht für alle, sondern nur mit Bezug auf die Jünger des Siegreichen—die Mönche—hat der Erhabene den Ausspruch getan: ‚Kümmert euch nicht, Ananda, um Verehrung der Körperreste des Vollendeten.‘ Denn das Darbringen von (kultischer) Verehrung ist keine Beschäftigung für die Jünger des Siegreichen. Das Erfassen der Daseinsgebilde, weise Erwägung, Betrachtung der ‚Grundlagen der Achtsamkeit‘, das Aufnehmen der Essenz beim (Meditations-) Objekt, gegen die geistigen Trübungen ankämpfen und um das eigene Heil ringen: das ist die Aufgabe für Mönche. Alle übrigen, Götter wie Menschen, mögen (kultische) Verehrung darbringen.
Die königlichen Prinzen in aller Welt haben sich abzugeben mit Elefanten, Pferden, Wagen, Bogen und Schwertern, müssen das Schreiben und die Zeichensprache erlernen, sich bekannt machen mit der Staatsverwaltung, sowie den Traditionen und Konventionen der Adligen, sie haben auch zu kämpfen und Kriege zu führen; während Ackerbau, Handel und Viehzucht die Aufgabe ist für die übrige große Masse aus der Bürger- und Dienerkaste. Ebenso wenig wie dies ist (kultische) Verehrung eine Tätigkeit für Mönche.
Die Brahmanenjünglinge wiederum haben die Pflicht, sich bekannt zu machen mit dem Rigveda, Yajurveda, Sāmaveda und Atharvaveda, mit den Körpermerkmalen, den Volkssagen, den Purānas, dem Wörterverzeichnis, der Dichtkunst, Wortzergliederungslehre, Lautlehre, Grammatik, Etymologie, der Deutung von Omen, Träumen und Zeichen, mit den sechs Hilfsbüchern der Veden, der Sonnen- und Mondfinsternis, mit dem Fluge der Kometen, der Opposition von Mond und Planeten, dem Donnern der Götter, den Konjunktionen, dem Fallen von Sternschnuppen, dem Erdbeben, dem Wetterleuchten, mit irdischen und himmlischen (Vorzeichen), Astronomie, Naturphilosophie, der (astrologischen) Hund-Runde, Wild-Runde und Zwischen-Runde, (sā-cakka miga-cakka antara-cakka,der letztgenannte Begriff stammt aus der indischen Astrologie und dies dürfte daher auch für die beiden vorhergehenden zutreffen, die Wiedergabe voncakkamit „Runde“ ist unsicher) mit gemischten Omen und mit dem Zwitschern und Schreien der Vögel. Die übrige große Masse aus der Bürger- und Dienerkaste aber hat sich mit Ackerbau, Handel und Viehzucht zu beschäftigen.
In derselben Weise nun aber auch, o König, ist das Darbringen von (kultischer) Verehrung keine Beschäftigung für Mönche. Das Erfassen aller Daseinsgebilde, weise Erwägung, Betrachtung der ‚Grundlagen der Achtsamkeit‘, das Aufnehmen der Essenz beim (Meditations-) Objekt, gegen die geistigen Trübungen ankämpfen und ums eigene Heil ringen: das ist die Aufgabe für die Jünger des Siegreichen. Alle übrigen aber, Götter wie Menschen, mögen (kultische) Verehrung darbringen. Und eben damit sich seine Jünger keiner verkehrten Beschäftigung hingeben, sondern ihre Pflicht erfüllen, darum hat der Vollendete den Ausspruch getan: ‚Kümmert euch nicht, Ananda, um Verehrung der Körperreste des Vollendeten!‘ Wenn dies nämlich, o König, der Vollendete nicht gesagt hätte, so möchten die Mönche gar ihre eigene Almosenschale und ihr Gewand hergeben, um sich bloß noch mit der Verehrung des Buddha zu beschäftigen.“
„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena. So ist es, und so nehme ich es an.“