Die Fragen des Königs Milinda

Teil 4

Kapitel 3

5.3.8. Buddhas Verletzung

„Ihr behauptet da, ehrwürdiger Nāgasena: Wenn der Vollendete über diese bewußtlose Erde dahin schreitet, so bewirkt dieselbe, daß die Versenkungen sich heben und die Erhebungen sich senken. Andererseits aber behauptet ihr, daß der Erhabene von einem Steinsplitter am Fuße verletzt wurde. Warum konnte denn jener Steinsplitter, der den Erhabenen auf den Fuß traf, nicht ebenso gut von seinem Fuß abgeleitet werden? Wenn also die erste Behauptung richtig ist, so muß diese zweite Behauptung falsch sein. Ist diese aber richtig, so ist die erstere falsch. Dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle und das du nun zu lösen hast.“

„Beide Behauptungen treffen zu, o König. Doch ist jener Steinsplitter nicht etwa aus eigenem Antrieb herabgefallen, sondern durch den Eingriff Devadattas. Devadatta nämlich hegte durch viele hunderttausende von Geburten hindurch Haß gegen den Vollendeten. Und von jenem Haß erfüllt, nahm er einen mächtigen, schweren Steinblock in der Größe eines Giebelhauses und ließ ihn (den Berg) hinabrollen, damit er auf das Haupt des Vollendeten falle. Aber zwei andere Felsen erhoben sich aus der Erde und fingen jenen Steinblock auf, und infolge ihres Zusammenpralles sprang von dem Steinblock ein Splitter ab, und indem dieser hier und dorthin flog, traf er auch auf den Fuß des Erhabenen.“

„Gerade aber, ehrwürdiger Nāgasena, wie die beiden Felsen den Steinblock auffangen konnten, ebensogut hätte doch auch wohl der Steinsplitter aufgefangen werden können.“

„Auch aufgefangen mag etwas immerhin noch durchschlüpfen, entgleiten und entgehen. So mögen zum Beispiel Milch, Buttermilch, Honig, ausgelassene Butter, Fisch- oder Fleischbrühe, wenn man sie mit der Hand schöpft, wieder zwischen den Fingern durchsickern. Oder wenn man feinen, staubartigen Sand in der geschlossenen Hand hält, mag er zwischen den Fingern wieder durchrinnen. Oder von einer Handvoll Reis, die man in den Mund gesteckt hat, mag etwas wieder herausfallen. Genau so, o König, sprang infolge des Zusammenpralles des Steinblockes mit den beiden Felsen—die, um ihn aufzufangen, zusammengetroffen waren—ein Steinsplitter ab, und indem dieser hier und dorthin flog, traf er auf den Fuß des Erhabenen.“

„Gut, ehrwürdiger Nāgasena, es sei zugegeben, daß der Steinblock von den beiden Felsen aufgefangen wurde. Doch hätte der Steinsplitter dem Erhabenen nicht ebensogut Achtung erweisen können wie die Erde?“

„Folgende zwölf, o König, kennen keine Ehrfurcht, und zwar:

  • der Begierige in seiner Gier,
  • der Gehässige in seinem Hasse,
  • der Betörte in seiner Torheit,
  • der Aufgeblasene in seinem Dünkel,
  • der Tugendlose in seiner Unedelkeit,
  • der Hartnäckige in seiner Unbeugsamkeit,
  • der Niedrige in seiner Niedrigkeit,
  • ein Diener weil er nicht Meister ist,
  • der Selbstsüchtige in seinem Geize,
  • der Bedrückte in seiner Rachsucht,
  • der Habsüchtige beherrscht von seiner Habsucht,
  • der Besitz Anhäufende weil er auf seinen Vorteil bedacht ist.

Diese Zwölf, o König, kennen keine Ehrfurcht.

Jener Steinsplitter aber, der infolge des Zusammenpralles absprang, flog ganz unbestimmt in irgend eine Richtung und traf dabei den Erhabenen auf den Fuß, gleichwie etwa auch ganz feiner, dünner Staub, vom Winde fortgeweht, ganz unbestimmt in irgend einer Richtung zerstiebt. Wenn jener Steinsplitter, o König, sich nicht von dem Steinblock losgelöst hätte, so hätten auch ihn jene beiden emporragenden Felsen aufgefangen. Doch jener, Steinsplitter, o König, hatte weder am Boden noch in der Luft einen Halt und fiel, nachdem er durch die Gewalt des Anpralles abgesprungen war, ganz unbestimmt in irgend eine Richtung, wobei er den Erhabenen auf den Fuß traf, gleichwie etwa ein durch einen Wirbelwind aufgewehtes Blatt ganz unbestimmt in irgend eine Richtung fliegt. Ja, o König, nur zum Leiden gereichte es dem undankbaren, unedlen Devadatta, daß jener Steinsplitter den Erhabenen auf den Fuß traf.“

„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena. So ist es, und so nehme ich es an.“