Die Fragen des Königs Milinda
Teil 4
Kapitel 4
5.4.6. Feit Liebe wirklich gegen Gefahren?
„Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat einst den Ausspruch getan: ‚Hat man, ihr Mönche, die Liebe (Mettā), die gemütserlösende, geübt, entfaltet, häufig gepflegt und zur Richtschnur und Grundlage genommen, gefestigt, großgezogen, und zur richtigen Vollendung gebracht, so hat man elf Vorteile zu erwarten. Welche elf?:
- Friedlich schläft man ein.
- Friedlich erwacht man.
- Keine bösen Träume hat man.
- Man ist den Menschen lieb.
- Ist den Unholden lieb.
- Die Gottheiten schützen einen.
- Feuer, Gift und Waffen haben einem nichts an.
- Schnell sammelt sich der Geist.
- Der Gesichtsausdruck ist heiter.
- Ungetrübten Geistes stirbt man.
- Und falls man nicht noch Höheres erreicht, wird man in einer Brahmawelt wiedergeboren.‘
Andererseits aber sagt ihr, daß der in Liebe weilende Prinz Sāma, der, von einem Hirschrudel gefolgt, den Wald durchstreifte, durch den König Piliyakkha von einem giftbestrichenen Pfeile getroffen wurde, so daß er auf der Stelle erschöpft niedersank. Wenn also, ehrwürdiger Nāgasena, die erste Aussage richtig ist, so ist die letzte falsch. Ist aber die letzte Aussage richtig, so muß die erste falsch sein. Auch dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle, und das so scharfsinnig, so äußerst versteckt, subtil und tiefsinnig ist, daß dabei selbst scharfsinnigen Männern der Schweiß am ganzen Körper ausbrechen mag. So entwirre denn dieses gewaltige, dichte Gestrüpp und öffne den künftigen Söhnen des Siegers die Augen, um sie davor zu retten!“
„Mit beiden Aussagen, o König, hat es seine Richtigkeit. Daß aber der junge Sāma von einem Pfeile getroffen zu Boden sank, dafür gibt es einen Grund. Der Grund nämlich ist der, o König, daß diese Eigentümlichkeiten (des Unverwundbarmachens usw.) nicht etwa der Person angehören, sondern eben Eigentümlichkeiten der Liebesentfaltung (Mettā-bhāvanā) sind. In dem Augenblick nun, als der junge Sāma den Wasserkrug (auf seine Schulter) hob, war er nachlässig in der Entfaltung des Liebesgefühls. In dem Augenblick nämlich, o König, wo der Mensch von Liebe erfüllt ist, kann weder Feuer, noch Gift, noch Waffe ihm etwas anhaben. Und diejenigen, die herankommen, um ihm Leiden zuzufügen, können ihn nicht erblicken und finden keinen Zugang zu ihm. Diese Eigentümlichkeiten gehören also nicht der Person an, sondern sind Eigentümlichkeiten der Liebesentfaltung.
Nimm an, o König, ein Mann, ein Kampfesheld lege sich ein undurchdringliches Panzerhemd an und zöge in die Schlacht hinaus. Wenn nun die abgeschossenen Pfeile, die auf ihn zufliegen, vor ihm niederfallen, abseits fallen und keinen Zugang zu ihm finden, so geschieht dies, o König, nicht etwa infolge der Eigenschaften des Kämpfers, sondern eben nur zufolge des undurchdringlichen Panzerhemdes. Ebenso auch, o König, gehören diese Eigentümlichkeiten nicht der Person an, sondern sind durch die Liebesentfaltung bedingte Eigentümlichkeiten.
Oder wenn da, o König, ein Mann eine unsichtbar machende Zauberwurzel in die Hand nimmt und ihn, solange er jene Wurzel in der Hand hält, kein anderer gewöhnlicher Mensch zu sehen bekommt, so ist das doch, o König, nicht ein Verdienst des Mannes, sondern geschieht eben bloß kraft der Wurzel.
Oder wenn da, o König, einen Mann, der sich in einer wohlgebauten großen Schutzhalle befindet, ein mächtiger Regenschauer nicht durchnässen kann, so ist das doch nicht etwa durch die Fähigkeit des Mannes bedingt, sondern geschieht eben bloß zufolge der Schutzhalle. Ebenso auch, o König, gehören diese Eigentümlichkeiten nicht etwa der Person an, sondern sind durch die Liebesentfaltung bedingte Eigentümlichkeiten“
„Wunderbar ist es doch, o Ehrwürdiger, erstaunlich ist es, wie da die Entfaltung der Liebe allem Übel Einhalt tut.“
„Die Entfaltung der Liebe, o König, führt alle heilsamen Dinge herbei, ob bei Freund oder Feind. Auf alle mit Bewußtsein begabten Wesen sollte sich daher diese segenbringende Entfaltung der Liebe erstrecken.“