Die Fragen des Königs Milinda
Teil 4
Kapitel 4
5.4.7. Haben das Gute und Böse gleichen oder ungleichen Ausgang?
„Trifft wohl, ehrwürdiger Nāgasena, bei dem, der Gutes tut, dasselbe Ereignis ein, wie bei dem, der Böses tut, oder besteht da irgend ein Unterschied?“
„Ja, o König, es besteht ein Unterschied: das Gute nämlich, o König bringt gute Früchte und führt zum Himmel, das Böse aber bringt schlechte Früchte und führt zur Hölle.“
„Ihr behauptet aber doch, ehrwürdiger Nāgasena, daß Devadatta ein ganz übler Mensch war, und ganz üble Eigenschaften besaß; daß der Bodhisatta dagegen völlig lauter war und völlig lautere Eigenschaften besaß. Und dennoch sagt ihr, daß Devadatta in manchen Daseinsformen an Ansehen und Anhängern dem Bodhisatta ganz gleich war, ja ihn bisweilen gar übertraf.
Damals als Devadatta in der Stadt Benares der Sohn des Hofpriesters des Königs Brahmadatta war, damals war der Bodhisatta ein elender Ausgestoßener (Candāla), ein Zauberkünstler, der durch Hersagen einer Zauberformel außer der Zeit Mangofrüchte hervorbrachte. Damals wahrlich war der Bodhisatta der Abstammung und dem Ansehen nach geringer als Devadatta.
Als ferner Devadatta ein König war, ein mächtiger Weltherrscher, im Besitze aller Genüsse, damals war der Bodhisatta sein mit allen vorzüglichen Merkmalen ausgestatteter Lieblingselefant. Und als der König seinen anmutigen Gang und seine Manieren nicht mehr leiden konnte und seinen Tod wünschte, sprach er zum Elefantenbändiger: ‚Dein Elefant, o Meister, ist nicht richtig gezogen. Laß ihn das Kunststück des Luftdurchschreitens ausführen!‘ Auch damals wahrlich war der Bodhisatta der Abstammung nach niedriger als Devadatta, war ein bloßes Tier.
Als ferner Devadatta einst, als Mensch wiedergeboren, vom Ackerbau lebte, da war der Bodhisatta ein Affe mit Namen Mahāpāthavi. Auch damals wahrlich ist dieser Unterschied von Mensch und Tier zu bemerken. Also auch in jener Geburt war der Bodhisatta der Abstammung nach niedriger als Devadatta.
Als ferner Devadatta, als Mensch wiedergeboren, ein Jäger namens Sonuttara war,—stark, gewaltig, gleichsam mit Elefantenkraft begabt,—da war der Bodhisatta der König der Elefanten mit Namen Sechserzahn. Und damals tötete jener Jäger den Elefanten. Auch in jener Geburt war Devadatta der Überlegene.
Als ferner Devadatta, als Mensch wiedergeboren, hauslos im Walde umherschweifte, da war der Bodhisatta ein Vogel, und zwar ein Rebhuhn, das Zaubersprüche vortrug. Und jener Waldmensch erschlug den Vogel. Auch in jener Geburt wahrlich war Devadatta der Abstammung nach der Höhere.
Als ferner Devadatta, der König Kalābu von Benares war, da war der Bodhisatta ein Büßer, der die Duldung lehrte. Und damals ließ jener König im Zorn dem Büßer Hände und Füße abhauen, gerade als wären es Bambusschößlinge. Auch in jener Geburt wahrlich war Devadatta sowohl der Abstammung als auch dem Ansehen nach der Höhere.
Als ferner Devadatta, als Mensch wiedergeboren, im Walde umherschweifte, da war der Bodhisatta ein Affenkönig mit Namen Nandiya. Und jener Waldmensch erschlug den Affenkönig samt seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder. Auch in jener Geburt wahrlich war Devadatta der Abstammung nach der Höhere.
Als ferner Devadatta, als Mensch wiedergeboren, ein Nacktbüßer mit Namen Kārambhiya war, da war der Bodhisatta ein Schlangenkönig mit Namen Pandaraka. Auch damals wahrlich war Devadatta der Abstammung nach der Höhere.
Als ferner Devadatta, als Mensch wiedergeboren, als Asket mit struppigem Haar im Walde lebte, da war der Bodhisatta ein großes Wildschwein mit Namen Tacchaka. Auch damals wahrlich war Devadatta der Abstammung nach der Höhere.
Als ferner Devadatta der König der Cetiyer mit Namen Sura-Paricara war und über den Köpfen der Menschen hinweg durch die Lüfte schwebte, da war der Bodhisatta ein Brahmane namens Kapila. Auch damals wahrlich war Devadatta der Abstammung und dem Ansehen nach der Höhere.
Als ferner Devadatta als ein Mensch mit Namen Sāma wiedergeboren wurde, da war der Bodhisatta der König der Hirsche mit Namen Ruru. Auch damals wahrlich war Devadatta der Abstammung nach der Höhere.
Als ferner Devadatta unter Menschen wiedergeboren, als Jäger im Walde umherstreifte, da war der Bodhisatta ein Elefant. Und jener Jäger brach dem Elefanten siebenmal die Zähne und nahm sie mit sich. Auch damals wahrlich war Devadatta dem Schoße der Geburt nach der Höhere.
Als ferner Devadatta ein Schakal von kriegerischer Natur war, der sämtliche Landesfürsten Indiens zu seinen Untergebenen machte, da war der Bodhisatta ein Gelehrter mit Namen Vidhura. Auch damals wahrlich war Devadatta dem Ansehen nach der Höhere.
Damals aber, als Devadatta als Elefant die Jungen einer Wachtel umbrachte, da war ebenfalls der Bodhisatta ein Elefant und der Führer der Herde. Damals also waren jene beiden ganz gleich.
Und als ferner Devadatta ein Dämon war mit Namen ‚der Ungerechte‘, da war ebenfalls der Bodhisatta ein Dämon mit Namen ‚der Gerechte‘. Auch damals waren jene beiden ganz gleich.
Als ferner Devadatta ein Schiffer und Herr über fünfzig Familien war, da war ebenfalls der Bodhisatta ein Schiffer und Herr über fünfzig Familien. Auch damals waren jene beiden ganz gleich.
Als ferner Devadatta ein Karawanenführer und Herr über fünfzig Wagen war, da war ebenfalls der Bodhisatta ein Karawanenführer und Herr über fünfzig Wagen. Auch damals waren beide ganz gleich.
Als ferner Devadatta König der Hirsche war, mit Namen Sākha, da war auch der Bodhisatta ein König der Hirsche, mit Namen Nigrodha. Auch damals waren beide ganz gleich.
Als ferner Devadatta ein Feldherr mit Namen Sākha war, da war der Bodhisatta ein Fürst mit Namen Nigrodha. Auch damals waren jene beiden ganz gleich.
Damals aber, als Devadatta ein Brahmane mit Namen Khandahāla war, da war der Bodhisatta ein königlicher Prinz mit Namen Canda. Damals also war dieser Canda der Überlegene.
Als ferner Devadatta ein König war mit Namen Brahmadatta, da war der Bodhisatta sein Sohn namens Prinz Mahā-Paduma. Und damals ließ jener König seinen eigenen Sohn den Räuber-Abhang hinabwerfen. Insofern aber ein Vater seinem Sohn überlegen und höher ist als er, so war eben damals Devadatta der Überlegene.
Als ferner Devadatta ein König war namens Mahā-Patāpa, da war der Bodhisatta sein Sohn namens Prinz Dhammapāla. Damals aber ließ jener König seinem eigenen Sohn Hände und Füße mitsamt seinem Haupte abschlagen. Auch damals wahrlich war Devadatta der Höhere, der Überlegene.
Auch in dem gegenwärtigen Zeitalter wurden beide im Sakyerstamme wiedergeboren. Der Bodhisatta wurde der Erleuchtete, Allerkenner und Führer der Welt, während Devadatta in dem Orden dieses über allen Göttern Erhabenen Aufnahme findend, sich die magischen Kräfte erwarb und den Ehrgeiz hatte, ein Erleuchteter zu sein.
Sag, ehrwürdiger Nāgasena: Was ich da gesagt habe, verhält sich das wohl alles so, oder nicht?“
„Diese verschiedenen Dinge, o König, die du da vorgebracht hast, verhalten sich alle so, nicht anders.“
„Wenn nun aber, ehrwürdiger Nāgasena, dem Reinen und dem Unreinen genau derselbe Ausgang beschieden ist, so muß doch auch das Gute und das Böse genau dieselben Früchte zeitigen.“
„Nein, o König, das Gute und das Böse zeitigen nicht dieselben Früchte. Nicht war aber, o König, Devadatta gegen alle Menschen feindselig gesinnt, sondern nur gegen den Bodhisatta. Und seine Feindschaft gegen ihn kam jedesmal schon in demselben Dasein zur Reife und brachte da seine Früchte. Auch als Devadatta einst ein Herrscher war, gewährte er seinen Untertanen Schutz, ließ Brücken, Gerichtshöfe und Ruhehallen erbauen und spendete nach Herzenslust Gaben an Asketen, Priester, arme Reisende und Bettler, an Mächtige wie an Hilflose. Und zum Lohne dafür erlangte er in den verschiedenen Wiedergeburten solch große Macht. Von wem könnte man auch wohl behaupten, o König, daß er ohne Almosengaben, ohne Bezähmung, Selbstbeherrschung und Einhaltung des Feiertages im nächsten Leben Wohlstand erlangen werde? Wenn du ferner sagst, o König, daß Devadatta und der Bodhisatta zusammen die Daseinsrunde durchkreisten, so trafen sie nicht jedesmal etwa nach hundert oder tausend oder zehntausend Geburten zusammen, sondern nur dann und wann, nach Verlauf langer Zeiträume. Wie der Erhabene, o König, in dem Gleichnis von der blinden Schildkröte die Menschwerdung erklärte, in diesem Sinne hast du das zusammentreffen beider zu betrachten. Und nicht bloß mit Devadatta, o König, ist der Bodhisatta zusammengetroffen, auch der Ordensältere Sāriputta war in vielen tausenden von Geburten des Bodhisatta Vater, Großvater, Onkel, Bruder, Sohn, Neffe und Freund. Und auch der Bodhisatta, o König, war in vielen tausenden von Geburten des Ordensälteren Sāriputta Vater, Großvater, Onkel, Bruder, Sohn, Neffe und Freund. Ja, alle Wesen, o König, die in den sieben Welten einbegriffen sind und den Daseinsstrom durchlaufen, vom Strom des Daseins mitgerissen werden, treffen mit erwünschten und unerwünschten Dingen zusammen, gleichwie das von der Flut fortgeführte Wasser mit reinen und unreinen, edlen und gemeinen Dingen zusammentrifft. Dafür, o König, daß Devadatta als Dämon selber ungerecht war und andere zum Unrecht anspornte, dafür hatte er siebenundfünfzig Koti und sechs Millionen Jahre lang in der Erzhölle zu leiden. Und dafür, daß der Bodhisatta als Dämon selber gerecht war und andere zum Rechten anspornte, dafür sollten ihm für lange Zeiten himmlische Wonnen und der Besitz aller Genüsse beschieden sein. Und in diesem letzten Dasein, o König, wurde Devadatta von der Erde verschlungen, nachdem er den Buddha, den man wahrlich nicht angreifen sollte, angegriffen und die einträchtige Jüngergemeinde entzweit hatte. Der Vollendete aber, der alle Dinge erkannt hatte, wurde durch Vernichtung der Daseinssubstrate völlig erlöst.“
„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an.“