Die Fragen des Königs Milinda
Teil 4
Kapitel 4
5.4.9. Empfinden die Heiligen noch Furcht?
„Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat gesagt, daß die Heiligen (Arahats) frei seien von Furcht und Zittern. Als aber die fünfhundert triebversiegten Heiligen in der Stadt Rājagaha bemerkten, daß der Elefant Dhanapālaka (der wütende Elefant Dhanapālaka, anderen Orts Nālagiri genannt, wurde auf Anstiftung Devadattas betrunken gemacht und auf den Buddha losgelassen, um ihn zu töten. Doch der Buddha besänftigte ihn durch die Kraft seiner Güte,mettā) auf den Erhabenen losstürzte, ließen sie—mit der einzigen Ausnahme des Ordensälteren Ananda—den hehren Siegreichen im Stich und rannten nach allen Seiten auseinander.
Sind nun wohl, ehrwürdiger Nāgasena, jene Heiligen aus Furcht geflohen, und sind sie weggeeilt um den Zehnfach-Mächtigen umkommen zu lassen, in dem Gedanken: ‚Es wird eben alles gemäß dem (in diesem oder einem früheren Leben ausgeübten) eigenen Wirken geschehen‘? Oder sollten sie etwa weggeeilt sein in der Hoffnung, ein unübertroffenes, gewaltiges, unvergleichliches Wunder des Vollendeten sich ansehen zu können? Wenn, ehrwürdiger Nāgasena, die Behauptung wahr ist, daß die Heiligen frei sind von Furcht und Zittern, dann ist die Erzählung von dem Elefanten nicht wahr. Ist sie aber wahr, dann muß die Behauptung, daß die Heiligen von Furcht und Beben frei seien, falsch sein. Auch dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle und das du nun zu lösen hast.“
„Beide Aussagen, o König, haben ihre Richtigkeit. Daß die Heiligen aber wegeilten geschah nicht aus Furcht, auch nicht mit der Absicht, den Erhabenen umkommen zu lassen. Ein Grund, daß die Heiligen etwa sich noch fürchten oder erbeben könnten, ein solcher Grund besteht für die Heiligen nicht mehr. Darum sind sie frei von Furcht und Zittern.
Fürchtet sich wohl, o König, die große Erde, wenn sie aufgegraben und gespalten wird, oder weil sie das Meer samt den Gebirgen und Felsengipfeln zu tragen hat?“
„Gewiß nicht, o Ehrwürdiger.“
„Und warum nicht?“
„Weil es für die Erde keinen Grund gibt, daß sie sich fürchten oder zittern sollte.“
„Ebenso auch, o König, gibt es für die Heiligen keinen Grund mehr, daß sie sich fürchten oder zittern sollten. Und möchte wohl, o König, ein Felsengipfel sich fürchten, wenn er zerstört oder zerbrochen wird, oder wenn er einstürzt oder in Flammen aufgeht?“
„Gewiß nicht, o Ehrwürdiger.“
„Und warum nicht?“
„Weil es, o Ehrwürdiger, für den Felsengipfel keinen Grund gibt, daß er sich fürchten oder zittern sollte.“
„Ebenso auch, o König, gibt es für die Heiligen keinen Grund mehr, daß sie sich noch fürchten oder zittern sollten. Und möchten selbst, o König, die in dem hunderttausendfachen Weltsysteme in den sieben Gattungen eingeschlossenen Wesen alle mit Speeren in den Händen auf einen einzigen Heiligen losstürzen, um ihm Furcht einzujagen, so würde sein Herz doch nicht aus der Fassung geraten. Und warum nicht? Weil eben kein Grund und keine Möglichkeit dafür da ist. Übrigens, o König, hatten alle jene Leidenschaftsbefreiten dabei den Gedanken: ‚Wenn heute der Beste unter den Besten, der Erste unter den Ersten, der Sieger in die mächtige Stadt eintritt, wird der Elefant Dhanapālaka auf der Straße herangelaufen kommen. Und ohne Zweifel wird ihn, den über allen Göttern Stehenden, sein Aufwärter (Ananda) nicht verlassen. Wenn wir alle anderen also nicht den Erhabenen verlassen, werden Anandas Vorzüge nicht offenbar werden, noch wird der Elefant auf den Vollendeten zugehen. Laßt uns also weggehen! Auf diese Weise wird eine große Menschenmenge die Befreiung von den Fesseln der Leidenschaft erlangen, und die Tugenden Anandas werden offenbar werden.‘ Weil also jene Heiligen diese Vorteile bemerkten, rannten sie nach allen Seiten auseinander.“
„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena, hast du das Problem auseinandergesetzt. Es ist wahr: Heilige kennen weder Furcht noch zittern. Und nur angesichts dieser Vorteile rannten jene Heiligen nach allen Seiten auseinander.“