Die Fragen des Königs Milinda

Teil 4

Kapitel 7

6.2.5. Inwiefern gibt es keine Entstehungsursache des Nibbāna, aber dennoch einen Weg zu seiner Verwirklichung?

„Man findet in der Welt, ehrwürdiger Nāgasena, durch (vorgeburtliches) Wirken (kamma) entstandene Dinge, man findet durch Ursachen entstandene Dinge, man findet durch Temperatur entstandene Dinge. Was aber in der Welt weder durch Wirken, noch durch Ursachen, noch durch Temperatur entstanden ist, das mögest du mir erklären.“

„In der Welt, o König, gibt es zwei Dinge, die weder durch vorgeburtliches Wirken, noch durch Ursachen, noch durch Temperatur entstanden sind, nämlich der Raum und das Nibbāna.“

(Die Behauptung, daß der Raum nicht durch Ursachen (hetu) entstanden ist, steht im Widerspruch mit dem Pāli-Kanon und auch der späteren Theravada-Überlieferung. Es war in einer späteren Schule, den Sarvastivādins (Vaibhāsikas), daß der Raum als eines der „ungewordenen (asankhata) Dinge“ bezeichnet wird. Im nächsten Kapitel beschränkt freilich Nāgasena den Begriff „Ursache“ (hetu) auf das Feuer und die Pflanzenwelt, was eine merkwürdige Einengung dieses Begriffes ist.)

„Mögest du, ehrwürdiger Nāgasena, nicht die Worte des Siegers entstellen! Mögest du nicht das Problem erklären, ohne es zu verstehen!“

„Was habe ich denn gesagt, o König, daß du so zu mir sprichst?“

„Ist es denn wirklich recht, ehrwürdiger Nāgasena, zu behaupten, daß das Nibbāna und der Raum weder durch (vorgeburtliches) Wirken, noch durch Ursachen, noch durch Temperatur entstanden seien? Auf vielhundertfache Weise hat doch der Erhabene seinen Jüngern den Pfad zur Verwirklichung des Nibbāna gewiesen. Und da sagst du, daß das Nibbāna nicht aus Ursachen entstanden sei.“

„Wahr ist es, o König, daß der Erhabene auf vielhundertfache Weise seinen Jüngern den Pfad zur Verwirklichung des Nibbāna gewiesen hat. Nicht aber hat er eine Entstehungsursache des Nibbāna dargelegt.“

„Wir geraten da, ehrwürdiger Nāgasena, von einem Dunkel in ein noch größeres Dunkel, von einem Gestrüpp in ein noch dichteres Gestrüpp, von einem Dickicht in das andere, wenn du behauptest, es gäbe zwar ein Mittel zur Verwirklichung des Nibbāna, aber keine Entstehungsursache dieses Zustandes (dhamma). Wenn es, ehrwürdiger Nāgasena, ein Mittel zur Verwirklichung des Nibbāna gibt, so muß man doch erwarten, daß es auch eine Entstehungsursache des Nibbāna gibt. Gleichwie, ehrwürdiger Nāgasena, der Sohn einen Vater hat und man aus diesem Grunde auch einen Vater des Vaters zu erwarten hat—oder wie der Schüler einen Lehrer hat und man aus diesem Grunde auch einen Lehrer des Lehrers zu erwarten hat,—oder wie der Keim aus dem Samenkorn entsteht und man aus diesem Grunde auch einen Samen des Samens erwarten darf: ebenso auch, o König, hat man, wenn es ein Mittel zur Verwirklichung des Nibbāna gibt, aus diesem Grunde anzunehmen, daß es auch eine Entstehungsursache des Nibbāna gibt. Gleichwie der Baum oder die Schlingpflanze, weil sie eine Spitze haben, auch eine Mitte und eine Wurzel haben müssen: ebenso auch, ehrwürdiger Nāgasena, muß man, da es ein Mittel zur Verwirklichung des Nibbāna gibt, annehmen, daß es auch eine Entstehungsursache desselben gibt.“

„Nicht erzeugbar, o König, ist das Nibbāna; daher wurde keine Entstehungsursache desselben angegeben.“

„Komm', ehrwürdiger Nāgasena, gib mir einen Beweis und überzeuge mich durch Vernunftgründe, damit ich einsehen lerne, daß es zwar ein Mittel zur Verwirklichung des Nibbāna gibt, aber keine Entstehungsursache desselben!“

„So leihe mir denn aufmerksam Gehör! Höre gut zu! Ich will dir die Sache erklären. Kann wohl, o König, ein Mann vermittelst seiner natürlichen Kräfte von hier aus zum Himālaja, dem Könige der Berge, gelangen?“

„Gewiß, o Ehrwürdiger.“

„Könnte er aber, o König, den Himālaja hierher holen?“

„Das freilich nicht, o Ehrwürdiger.“

„Oder kann wohl, o König, ein Mann vermittelst seiner natürlichen Kräfte das Weltmeer mit einem Schiffe durchkreuzend, das jenseitige Ufer erreichen?“ „Gewiß, o Ehrwürdiger.“

„Könnte er aber, o König, das jenseitige Ufer des Meeres hierher holen?“ „Das freilich nicht, o Ehrwürdiger.“

„Ebenso auch, o König, kann man zwar den Weg zur Verwirklichung des Nibbāna aufweisen, aber keine Entstehungsursache desselben. Und warum nicht? Weil eben dieser Zustand (nämlich das Nibbāna) unerschaffen ist.“ (asankhatattā-dhammassa; asankhata= ungeworden, ungestaltet, nicht bedingt entstanden)

„Ist denn, ehrwürdiger Nāgasena, das Nibbāna unerschaffen?“

„Ja, o König. Unerschaffen ist das Nibbāna; durch niemanden ist es erschaffen worden. Vom Nibbāna, o König, kann man nicht sagen es sei entstanden oder nicht entstanden oder erzeugbar, oder vergangen, gegenwärtig oder zukünftig, oder erkennbar für Auge, Ohr, Nase, Zunge oder Körper.“

„In diesem Falle, ehrwürdiger Nāgasena, erklärt ihr doch das Nibbāna als etwas Nichtseiendes und zeigt, daß das Nibbāna gar nicht existiert.“

„Es existiert, o König, das Nibbāna. Dem Geiste erkennbar (mano-viññeyyam) ist das Nibbāna. Mit dem geklärten, erhabenen, geraden, ungehemmten, überweltlichen Geiste erkennt der mit vollkommenem Wandel ausgestattete edle Jünger das Nibbāna.“

„Welcherart aber, o Ehrwürdiger, ist wohl dieses Nibbāna? Überzeuge mich, insofern es sich durch Gleichnisse erklären läßt. Belehre mich darüber durch Beweisgründe, insoweit seine Existenz durch Vergleiche klargemacht werden kann!“

„Existiert wohl der Wind, o König?“

„Gewiß, o Ehrwürdiger.“

„So zeige mir denn, o König, den Wind und erkläre mir seine Farbe und Gestalt, und ob er fein oder grob, lang oder kurz ist!“

„Nicht läßt sich, ehrwürdiger Nāgasena, der Wind aufzeigen und mit der Hand festhalten und drücken. Aber dennoch existiert der Wind.“

„Wenn man aber, o König, den Wind nicht aufzeigen kann, so existiert doch gar kein Wind.“

„Ich weiß aber, ehrwürdiger Nāgasena, daß der Wind existiert. Ich bin davon überzeugt. Aufzeigen aber kann ich den Wind nicht.“

„Ebenso auch, o König, existiert das Nibbāna, doch nicht läßt es sich aufzeigen und nach Farbe und Gestalt erklären.“

„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! Einen guten Vergleich hast du gewiesen und die Sache gut erklärt. So ist es, und ich nehme daher an, daß das Nibbāna existiert.“