Die Fragen des Königs Milinda

Teil 4

Kapitel 8

6.3.3. Was ist stärker: das Gute oder das Schlechte?

„Was, ehrwürdiger Nāgasena, ist gewichtiger und stärker: das (karmisch) Heilsame oder Unheilsame?“

„Das Heilsame, o König.“

„Nicht stimme ich dem bei, ehrwürdiger Nāgasena. Man trifft doch Mörder, Diebe, sich geschlechtlich Vergehende, Lügner, Dorfräuber, Wegelagerer, Fälscher und Betrüger; und alle diese haben für solche böse Taten zu leiden. Mancher, der des Nachts eine böse Tat begangen hat, erleidet seine Strafe bisweilen schon in derselben Nacht oder am folgenden Tage. Mancher wiederum, der am Tage etwas begangen hat, erleidet seine Strafe bisweilen schon an demselben Tage oder in der darauf folgenden Nacht. Andere wieder ereilt die Strafe nach Verlauf von zwei bis drei Tagen. Alle aber haben sie die Strafe schon hier bei Lebzeiten zu erleiden. Gibt es nun wohl aber, ehrwürdiger Nāgasena, irgend einen, der, nachdem er einer Person oder zwei, drei, vier oder fünf Personen oder zehn, hundert, tausend oder hunderttausend Personen Gaben mit allem Zubehör gespendet hat, zufolge seiner Sittlichkeit oder seiner Befolgung des Feiertages (uposatha) schon bei Lebzeiten Reichtum oder Ruhm oder Glück genießt?“

„Vier Menschen gibt es, o König, die dadurch, daß sie Gaben gespendet, die Sittenregeln auf sich genommen und die Feiertagshandlungen befolgt haben, schon bei Lebzeiten, mit eben dieser Körperhülle zur Götterstadt der Dreiunddreißig hingelangt sind.“

„Welche denn, o Ehrwürdiger? Welche denn?“

„Der König Mandhātā, der König Nimi, der König Sādhīno und Guttila, der Sänger.“

„Das, ehrwürdiger Nāgasena, ist etwas, von dem wir durch viele tausend Daseinsformen getrennt sind, und das für uns beide unerkennbar ist. Wenn du aber imstande bist, so nenne mir einen in der naheliegenden Zeit, in der der Erhabene lebte!“

  • „In der neueren Zeit, o König, hat der Sklave Punnaka, nachdem er dem Ordensälteren Sāriputta Speise dargereicht hatte, noch an demselben Tage die Stelle eines Schatzmeisters erlangt und ist nun als der Schatzmeister Punnaka bekannt.
  • Die Fürstin Gopāla-mātā aber wurde, nachdem sie ihre eigenen Haare verkauft und für die dafür eingenommenen acht Geldstücke dem Ordensälteren Mahā-Kaccāyana mit seinen sieben Begleitern ein Mahl gespendet hatte, noch an demselben Tage die Hauptkönigin des Königs Udena.
  • Bei Suppiyā, der Anhängerin aber, welche die aus ihrem eigenen Schenkelfleisch hergerichtete Brühe einem kranken Mönch dargereicht hatte, war schon am zweiten Tage die Wunde wieder zugewachsen, mit Haut bedeckt und geheilt (Vinaya Mahāvagga VI.23).
  • Und die Fürstin Mallikā (damals ein Blumenmädchen), die dem Erhabenen ihre eigene Abendgrütze als Almosengabe dargereicht hatte, wurde noch am selben Tage des Kosalerkönigs Hauptkönigin (Vinaya Pārājika I.5).
  • Sumana, der Gärtner, aber, der mit acht Händen voll Jasminblüten den Erhabenen beschenkt hatte, erlangte noch an demselben Tage großen Reichtum.
  • Und der Brahmane Ekasātaka, der den Erhabenen mit seinem Obergewande beschenkt hatte, erlangte noch an demselben Tage den Rang des ersten Ministers.

Diese alle, o König, erlangten schon bei Lebzeiten Reichtum und Ehre.“

„Nach so langem Forschen und Suchen, ehrwürdiger Nāgasena, hast du dennoch bloß sechs Menschen gefunden?“

„Ja, o König.“

„Somit ist aber, ehrwürdiger Nāgasena, das Unheilsame gewichtiger und stärker als das Heilsame. Denn schon an einem einzigen Tage sehe ich, wie zur Strafe für ihre bösen Taten zehn oder zwanzig oder dreißig oder vierzig oder fünfzig oder hundert, ja gar tausend Menschen aufgespießt werden. In der Nanda Dynastie, ehrwürdiger Nāgasena, gab es einen Feldherrn namens Bhaddasāla. Zwischen diesem und Candagutta hatte sich ein Kampf entsponnen. In jenem Kampfe aber gab es in beiden Heeren achtzig kopflose Rumpfgestalten. Und jedesmal, wenn ein Haufen Köpfe voll war, erhob sich eine Gestalt in Form eines kopflosen Rumpfes (und tanzte über das Schlachtfeld hinweg). Und alle diese Wesen gerieten so als Folge ihrer bösen Taten in Not und Elend. Auch darum, ehrwürdiger Nāgasena, sage ich, ist das Unheilsame gewichtiger und stärker als das Heilsame. Hat man denn, ehrwürdiger Nāgasena, nicht in diesem Orden des Erleuchteten davon gehört, daß der Kosalerkönig eine unvergleichliche Gabe gespendet habe?“

„Ja, o König, davon habe ich gehört.“

„Hat nun wohl, ehrwürdiger Nāgasena, der Kosalerkönig, nachdem er jene Gabe gespendet hatte, dafür schon bei Lebzeiten Reichtum oder Ruhm oder Glück geerntet?“

„Nein, o König.“

„Somit also, ehrwürdiger Nāgasena, ist das Unheilsame stärker als das Heilsame.“

„Weil eben das Unheilsame, o König, so gering ist, darum gelangt es so schnell zur Reife, während das Heilsame infolge seiner Größe lange Zeit zur Reife braucht. Auch aus einem Vergleich läßt sich dies ersehen. Es gibt da zum Beispiel in einem Lande im fernen Westen eine Getreideart namens Kumuda-Bhandikā, die monatlich geerntet und ins Haus gebracht wird. Der Reis dagegen braucht fünf bis sechs Monate zum Reifen. Worin, o König, besteht da wohl der Unterschied, die Verschiedenheit dieser beiden Getreidearten?“

„Kumuda-Bhandikā, o Ehrwürdiger, ist klein, Reis aber groß. Und der Reis, ehrwürdiger Nāgasena, ist der Könige würdig, dient selbst den Königen als Speise. Kumuda-Bhandikā aber ist die Speise der Knechte und Arbeiter.“

„Ebenso auch, o König, gelangt das Unheilsame, eben weil es so gering ist, schnell zur Reife, während das Heilsame infolge seiner Fülle lange Zeit zur Reife braucht.“

„Gerade das, ehrwürdiger Nāgasena, was schnell reift, gilt doch in der Welt als das Bedeutendere und Stärkere. So ist also auch das Unheilsame gewichtiger und stärker als das Verdienstvolle. Ein Kämpfer zum Beispiel, der in eine große Schlacht gezogen ist und der seinen Gegner unter der Achsel packt, ihn mit sich schleift und nach kurzer Zeit seinem Herrn übergibt, solch ein Kämpfer gilt in der Welt als tüchtiger Held. Und derjenige Wundarzt, der imstande ist, in kurzer Zeit einen Pfeil zu entfernen und die Krankheit zu heilen, ein solcher gilt als tüchtiger Arzt. Und derjenige Rechner, der ganz schnell seine Rechnung ausführt und schnell das Ergebnis angibt, ein solcher gilt als tüchtiger Rechner. Und derjenige Ringkämpfer, der ganz schnell seinen Gegner in die Höhe wirft und dann flach zu Boden fallen läßt, ein solcher gilt als tüchtiger Ringkämpfer. Ebenso auch, ehrwürdiger Nāgasena, gilt, was ganz schnell zur Reife gelangt—ob gut oder schlecht—in aller Welt als das Gewichtigere und Stärkere.“

„Beide Wirkensarten, o König, zeitigen auf alle Fälle ein künftiges Ergebnis, doch das Unheilsame bringt infolge seiner Tadelhaftigkeit außerdem auch schon bei Lebzeiten seine Früchte. Von den ehemaligen Adeligen, o König, wurde das Gesetz festgelegt, daß ein jeder strafbar sei, der ein Wesen tötet, Nicht-Gegebenes nimmt, wer sich an seines Nächsten Weib vergreift, falsche Angaben macht, ein Dorf überfällt, Straßenraub treibt, Fälschung und Betrug verübt; und ein solcher mußte geschlagen, verstümmelt oder getötet werden. Und hierauf sich berufend, teilt man nach gründlicher Untersuchung die Strafe aus. Hat nun aber wohl irgend jemand ein Gesetz festgelegt, daß demjenigen, der Gaben spendet, die Sittenregeln beobachtet oder die Feiertaghandlungen verrichtet, Reichtum und Ehre zuteil werden sollen? Und untersucht man wohl so etwas und gewährt einem solchen Schätze und Ehre, so wie man den Räuber für seine verübte Tat mit Tod oder Kerker bestraft?“

„Nein, o Ehrwürdiger.“

„Würde man, o König, dem Almosenspender nach reiflicher Prüfung Schätze und Ehre zuteil werden lassen, so brächte eben auch das Heilsame schon bei Lebzeiten seine Früchte. Da dies aber nicht so ist, so bringt eben das Heilsame keine gegenwärtigen Früchte. Auch aus diesem Grunde, o König, bringt das Unheilsame bereits bei Lebzeiten Früchte, wohingegen der Geber im nächsten Leben um so höheres und erhabeneres Glück genießt.“

„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! Ohne solch einen Einsichtigen und Weisen wie dich, hätte das Problem nicht so leicht gelöst werden können. Etwas Alltägliches, ehrwürdiger Nāgasena, hast du durch überweltliche Erklärungen verständlich gemacht.“