Die Fragen des Königs Milinda

Teil 4

Kapitel 8

6.3.4. Hat das Totenopfer einen Zweck?

„Wenn, ehrwürdiger Nāgasena, die Geber Gaben gespendet haben, weisen sie diese den Geistern der zuvor Verstorbenen zu, mit den Worten: ‚Möge diese Gabe ihnen zugute kommen.‘ Erlangen nun diese dadurch irgend welchen Vorteil?“

„Einige wohl, o König, andere nicht.“

„Welche aber, o Ehrwürdiger, erlangen einen Vorteil, und welche nicht?“

Keinen Vorteil erlangen:

  • Die in der Hölle Wiedergeborenen,
  • die im Himmel Auferstandenen und
  • die zum Tierschoße Gelangten:

Und von den vier Arten der Geister (petā) erfahren drei keinen Vorteil:

  • die ‚Auswurfverzehrer‘,
  • die ‚Hunger und Durst Leidenden‘ und
  • die ‚Gierverzehrten‘.

Nur die ‚von den Gaben anderer lebenden Geister‘ erlangen einen Vorteil, und auch diese nur dann, wenn sie sich (an die Geber) erinnern.

„So ist doch, ehrwürdiger Nāgasena, die Gabe der Spender zunichte geworden und fruchtlos, wenn diejenigen, für welche sie bestimmt ist, die Gabe nicht erhalten.“

„Nein, o König, diese Gabe bleibt auch dann nicht ohne Frucht und Wirkung, sondern der Geber selber genießt deren Früchte.“

„So überzeuge mich, ehrwürdiger Nāgasena, hiervon durch einen Beweis!“

„Nimm an, o König, es begeben sich da Leute mit Fisch, Fleisch, Wein, Reis, Kauwaren usw. versehen, zu einer ihnen verwandten Familie. Wenn nun jene Verwandten das Geschenk nicht annehmen, wird dann etwa jenes Geschenk zunichte und kommt um?“

„Nein, o Ehrwürdiger, es fällt dann dem Eigentümer selber zu.“

„So also, o König, genießen eben die Eigentümer die Früchte davon. Oder: nehmen wir an, ein Mann sei in ein Zimmer getreten. Wenn sich nun vor ihm kein Ausgang befindet, wo wird er dann hinausgehen?“

„Da, o Ehrwürdiger, wo er hineingekommen ist.“

„Ebenso auch, o König, genießen die Spender selber die Frucht für ihre Gabe.“

„Genug damit, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und ich nehme an, daß die Geber selber jener Gabe Lohn genießen. Ich will diese Sache nicht abstreiten.“

„Wenn, ehrwürdiger Nāgasena, die von diesen Gebern gespendete Gabe den Geistern der zuvor Verstorbenen zugute kommt und diesen die Früchte davon zuteil werden, so kann ja ein Mörder, ein Bluthändiger, ein ruchlos Gesinnter ruhig Menschen umbringen und seine von ihm verübte Schreckenstat den Geistern der zuvor Verstorbenen zuweisen, mit den Worten: ‚Möge die Wirkung dieser meiner Tat den zuvor Verstorbenen zufallen!‘ Würde wohl da die Wirkung jener Tat auf die Geister der zuvor Verstorbenen übergehen?“

„Nein, o König.“

„Was ist da nun, ehrwürdiger Nāgasena, die Ursache, was der Grund, daß zwar das Heilsame auf diese übergehen mag, nicht aber das Unheilsame?“

„Nicht hat man, o König, solche Frage zu stellen. Und nicht darfst du etwas Unfragbares fragen in der Hoffnung, einen zu finden, der dir antwortet. Du wirst mich vielleicht gar noch fragen wollen, warum der Himmelsraum ohne Stütze sei, warum der Ganges nicht stromaufwärts fließe, und warum Menschen und Vögel Zweifüßer seien, die wilden Tiere aber Vierfüßer!“

„Nicht frage ich dich ja, ehrwürdiger Nāgasena, in der Absicht, dich zu belästigen, sondern bloß um meinen Zweifeln ein Ende zu machen. Denn viele Menschen in der Welt sind blind und klammern sich an das Verkehrte. Sag', sollen diese keine Gelegenheit zur Besserung bekommen? Mit solchen Gedanken frage ich dich.“

„Nicht kann man, o König, seine böse Tat mit jemandem teilen, der sie nicht getan und gebilligt hat. Es können zum Beispiel die Menschen durch Tragen Wasser gar weit fortschaffen. Könnten sie wohl aber einen festen, gewaltigen Felsenberg nach Wunsch durch Tragen fortschaffen?“

„Gewiß nicht, o Ehrwürdiger.“

„Ebenso auch, o König, kann man sich zwar in das Heilsame teilen, nicht aber in das Unheilsame. Wohl kann man mit Öl eine Lampe brennen. Könnte man dies aber auch mit Wasser tun?“

„Gewiß nicht, o Ehrwürdiger.“

„Oder: die Landleute entnehmen wohl einem Teiche Wasser und bringen vermittelst dieses Wassers das Getreide zur Reife. Könnten sie dies aber auch dadurch erreichen, daß sie dem Meere Wasser entnehmen?“

„Nein, o Ehrwürdiger.“

„Ebenso auch, o König, kann man sich zwar in das Heilsame teilen, nicht aber in das Unheilsame.“

„Aus welchem Grunde, ehrwürdiger Nāgasena, kann man sich in Heilsames teilen, nicht aber in Unheilsames? Belehre mich hierüber in gründlicher Weise! Ich bin nicht blind und ohne Einsicht und werde das Vernommene wohl verstehen.“

„An Unheilsamem, o König, gibt es wenig, das Heilsame aber ist im Überfluß vorhanden. Weil das Unheilsame aber so winzig ist, haftet es bloß am Täter; das Heilsame dagegen verbreitet sich infolge seines Überflusses über die Welt mitsamt ihren Göttern.“

„Gib mir ein Gleichnis!“

„Wenn da, o König, ein Wassertropfen zur Erde fällt, kann der sich wohl zehn oder zwölf Meilen weit ausbreiten?“

„Nein, o Ehrwürdiger. An derselben Stelle, wo er hinfällt, bleibt er haften.“

„Aus welchem Grunde, o König?“

„Weil der Wassertropfen so winzig ist, o Ehrwürdiger.“

„Ebenso auch, o König, bleibt das bißchen Unheilsame infolge seiner Winzigkeit bloß am Täter haften und kann nicht verteilt werden. Wenn da aber ein gewaltig großer Regen niedergießt und die Erdoberfläche erfrischt, wird sich dieses Regenwasser wohl nach allen Seiten hin ausbreiten?“

„Gewiß, o Ehrwürdiger. Es wird die Vertiefungen, Seen, Flüsse, Schluchten, Klüfte, Erdspalten, Kanäle, Pfützen, Brunnen und Teiche füllen und sich zehn bis zwölf Meilen weit ausbreiten.“

„Und warum, o König?“

„Weil der Regen so stark ist, o Ehrwürdiger.“

„Ebenso auch, o König, ist das Heilsame im Überfluß vorhanden und kann infolge seines Überflusses sich auf Himmelswesen und Menschen verteilen.“

„Aus welchem Grunde aber, ehrwürdiger Nāgasena, gibt es vom Unheilsamen so wenig und vom Heilsamen viel mehr?“

„Während, o König, einer Gaben spendet, die Sittenregeln befolgt und die Feiertaghandlungen ausübt, ist er ganz und gar froh gestimmt, beglückt, vertrauensvollen Herzens und von Freude erfüllt. Und immer wieder steigt in ihm Verzückung auf. Verzückten Geistes aber nimmt das Heilsame immer weiter zu. Wenn zum Beispiel in einem hoch mit Wasser angefüllten Brunnen an einer Stelle das Wasser zufließt und an einer anderen Stelle abfließt, so tritt eben für das abgeflossene Wasser immer wieder neues zu, und das Wasser kann somit nie versiegen. Ebenso auch, o König, wächst das Heilsame immer weiter an. Und sollte ein Mann hundert Jahre lang Heilsames vollbringen, so würde das Heilsame immer weiter anwachsen, und dieses sein Verdienst könnte er teilen, mit wem er wollte. Das, o König, ist der Grund, daß das Heilsame ausgebreiteter ist. Wer dagegen etwas Unheilsames verübt, der empfindet in der Folge Reue. Bei Reue aber schrumpft der Geist zusammen, rollt sich ein, geht zurück, verkommt, entfaltet sich nicht und verzehrt sich dabei. Wenn da, o König, in ein ausgetrocknetes Flußbett mit seinen großen auf- und abwogenden Sandbänken und Krümmungen und Windungen sich eine kleine Wassermenge von oben ergießt, so wird dieselbe immer kleiner und kleiner und wächst nicht an, sondern versiegt an derselben Stelle. Ebenso auch, o König, schrumpft bei dem, der etwas Unheilsames verübt, der Geist zusammen, rollt sich ein, breitet sich nicht aus; und der Mensch klagt, quält sich, geht zurück, verkommt, entfaltet sich nicht und verzehrt sich dabei. Das, o König, ist der Grund, daß es nur wenig an Unheilsamem gibt.“

„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena. So ist es, und so nehme ich es an.“