Die Fragen des Königs Milinda

Teil 4

Kapitel 8

6.3.5. Das Problem des Traumes

„Hier in der Welt, ehrwürdiger Nāgasena, mögen Männer und Frauen Träume haben, gute wie schlechte. Man träumt von Dingen, die man entweder schon früher einmal gesehen oder noch nicht gesehen hat, die man schon getan oder noch nicht getan hat. Man träumt von friedlichen und schrecklichen, fernen und nahen Dingen. Und viele tausenderlei Gestalten erscheinen einem. Was hat man wohl unter einem solchen Traum zu verstehen? Und wer ist es, der das Traumbild wahrnimmt?“

„Unter sechs Umständen, o König, hat man Träume: man träumt, wenn man von Winden oder Galle oder Schleim gequält wird, unter der Einwirkung von Gottheiten, infolge von gewohnten Erfahrungen, oder man träumt von einer Vorbedeutung und nur der letztere ist ein wahrer Traum, alle übrigen aber sind unwahre Träume.“

„Wenn, ehrwürdiger Nāgasena, jemand von einer Vorbedeutung träumt, wandert da wohl sein Geist selber fort und holt sich jene Vorstellung, oder aber tritt jene Vorstellung von außen her in das Bewußtseinsfeld ein, oder kommt etwa irgend ein fremdes Wesen heran und übermittelt sie ihm?“

„Nein, o König, nicht wandert sein Geist fort und sucht sich jene Vorstellung, auch kommt kein anderes Wesen heran und übermittelt sie ihm, sondern jene Vorstellung tritt von außen her in das Bewußtseinsfeld ein. Es ist hiermit wie mit einem Spiegelbilde. Der Spiegel nämlich wandert nicht selber fort, um sich das Spiegelbild zu holen, auch bringt kein Fremder das Spiegelbild heran und fügt es dem Spiegel ein, sondern das Spiegelbild tritt, wo auch immer es herkommen mag, in das Spiegelfeld ein.“

„Weiß wohl, ehrwürdiger Nāgasena, das das Traumbild wahrnehmende Bewußtsein, daß dies oder jenes bestimmte Ergebnis eintreten wird, etwas Friedliches oder etwas Schreckliches?“

„Nein, o König, das weiß das Bewußtsein nicht. Sondern wenn die Vorstellung aufgestiegen ist, teilt man sie anderen mit, und diese klären einen über den Sinn auf.“

„Bitte, ehrwürdiger Nāgasena, erkläre mir die Sache!“

„Wenn da, o König, am Körper Flecken, Beulen und Ausschlag entstehen und diese Dinge einem zum Vorteile oder Nachteile gereichen, zur Ehre oder Unehre, zum Lob oder Tadel, zum Glück oder Unglück, wissen da wohl diese Flecken und Beulen bei ihrem Entstehen, daß sie eine solche Wirkung hervorrufen werden?“

„Nein, o Ehrwürdiger. Sondern an der Stelle, an der sich die Beulen zeigen, dort untersuchen die Zeichendeuter diese Beulen und erklären darauf, daß diese oder jene Wirkung eintreten wird.“

„Ebenso auch, o König, weiß das das Traumbild wahrnehmende Bewußtsein nicht, daß dieses oder jenes bestimmte Ergebnis eintreten wird. Sondern wenn die Vorstellung aufgestiegen ist, teilt man sie anderen mit, und diese klären einen über den Sinn auf.“

„Träumt man wohl, ehrwürdiger Nāgasena, während des Schlafens oder während des Wachens?“

„Weder während des Schlafens, o König, noch auch während des Wachens. Sondern sobald (leichter) Schlaf eingetreten, aber noch nicht der unterbewußte Zustand (bhavanga) erreicht ist, dann ist die Zeit, in der man Träume hat. Der Geist des in (Tief-) Schlaf völlig Eingetretenen, o König, hat den unterbewußten Zustand erreicht. Der in den unterbewußten Zustand eingetretene Geist aber ist untätig; und der untätige Geist kennt weder Wohlgefühl noch Schmerzgefühl. Wenn man aber nicht mehr unterscheiden kann, hat man auch keinen Traum. Denn nur so lange der Geist noch tätig ist, hat man Träume.

Gleichwie bei Nacht und Finsternis selbst in einem leuchtenden, vollkommen reinen Spiegel sich kein Spiegelbild zeigt: so auch ist der Geist in Untätigkeit, solange er sich völlig im (Tief-) Schlaf befindet und im unterbewußten Zustand verharrt—trotz des Weiterbestehens des Körpers. Bei untätigem Geiste aber hat man keine Träume. In diesem Gleichnisse nun hat man den Spiegel als den Körper zu betrachten, das Dunkel als den (Tief-) Schlaf und das Licht des Spiegels als das Bewußtsein. Auch bei der vom Nebel verhüllten Sonne ist das Licht nicht sichtbar, und die Sonnenstrahlen sind, trotz ihres Vorhandenseins, dennoch untätig, und da sie untätig sind, kann kein Licht entstehen. In diesem Vergleich nun hat man die Sonne als den Körper zu betrachten, die Nebelhülle als den (Tief-) Schlaf und die Sonnenstrahlen als den Geist.

Bei zweien, o König, ist, trotzdem ihr Körper weiterbesteht, der Geist nicht in Tätigkeit: bei dem völlig in (Tief-) Schlaf Eingetretenen, im unterbewußten Zustande Verharrenden, und bei dem in (den meditativen Zustand zeitweiliger Bewußtseins-) Aufhebung (nirodha-samāpatti) Eingetretenen. Bei dem Wachenden, o König, ist der Geist unruhig, unverhüllt, klar, ungebunden. In das Bewußtseinsfeld eines solchen tritt kein Traumbild ein. Gerade wie diejenigen, die etwas geheim halten wollen, sich fern halten von einem offenherzigen, ungebundenen, unbeschäftigten, in das Geheimnis nicht eingeweihten Manne—oder wie die heilsamen zur Erleuchtung führenden Dinge nicht eintreten in den Bereich eines Mönches mit verdorbener Lebensweise, schlechtem Benehmen, üblem Umgange, in den Bereich eines sittenlosen, trägen, willensschwachen Mönches: ebenso auch, o König, tritt kein himmelsgleicher Sinn (einer Vorbedeutung) in das Bewußtseinsfeld des Wachenden ein. Darum hat der Wachende keine Träume.“

„Hat wohl, ehrwürdiger Nāgasena, der Schlaf einen Anfang, eine Mitte und ein Ende?“

„Ja, o König.“

„Worin aber besteht der Anfang, die Mitte und das Ende des Schlafes?“

„Das Gefühl des körperlichen Gebundenseins und Gehemmtseins, der Schwäche, Schlaffheit und Arbeitsunfähigkeit das ist das erste Stadium des Schlafes. Wenn aber einer, vom ‚Affenschlaf‘ (das ist von unruhigem Schlaf) befallen, zwischendurch öfters aufwacht, so ist das das mittlere Stadium des Schlafes. Das Aufgehen im unterbewußten Zustande ist das letzte Stadium des Schlafes. Und es ist dann, wenn man sich in dem mittleren Stadium befindet und von dem Affenschlaf befallen ist, daß man die Träume hat. Wenn da zum Beispiel ein im Wandel beherrschter, geistig gesammelter, standhafter und mit unerschütterlicher Einsicht begabter Mensch in einen dem Lärm entrückten Wald eintritt und über eine tiefsinnige Sache nachdenkt, so verfällt er dabei nicht in Schlaf. Sondern gesammelt und geeinten Geistes durchdringt er dort die tiefsinnige Sache. Ebenso auch träumt nur der (Halb-) Wache, noch nicht in (Tief-) Schlaf völlig Eingetretene, der sich im Affenschlaf Befindende, vom Affenschlaf Befallene. In dem Gleichnis nun hat man den Lärm als das Wachen zu betrachten, den einsamen Wald als den vom Affenschlaf Befallenen. Und wie der Gleichmütige, der sich zwar dem lärmenden Geräusche entzieht, doch gleichzeitig den Schlaf vermeidet, die tiefsinnige Sache durchdringt, so auch träumt nur der (Halb-) Wache, noch nicht in (Tief-) Schlaf völlig Eingetretene, der sich im Affenschlaf Befindende, vom Affenschlaf Befallene.“

„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an.“