Die Fragen des Königs Milinda

Teil 7

Kapitel 1

7.2.2. Der Hahn

„Fünf Eigenschaften des Hahnes, sagst du, ehrwürdiger Nāgasena, habe man anzunehmen: welches sind diese?“

„Gleichwie, o König, der Hahn früh und beizeiten sich in seine Unterkunft zurückzieht: so auch soll der Yogi, der Yogabeflissene, früh und beizeiten, nachdem er den Platz um den Schrein gekehrt, Trinkwasser hingestellt, seinem Körper Aufmerksamkeit geschenkt und sich gewaschen hat, vor dem Schreine seine Verehrung darbringen, danach die älteren Mönche aufsuchen und sich dann beizeiten an eine einsame Stätte begeben. Dies, o König, ist die erste Eigenschaft des Hahnes, die er anzunehmen hat.

Wie ferner, o König, der Hahn sich stets früh und beizeiten erhebt: so auch soll der Yogi, der Yogabeflissene, sich früh und beizeiten erheben. Hat er den Platz um den Schrein gekehrt, Trinkwasser hingestellt, dem Körper Aufmerksamkeit geschenkt, sich gewaschen und dem Schreine seine Verehrung dargebracht, so soll er sich wieder an einen einsamen Ort begeben. Das, o König, ist die zweite Eigenschaft des Hahnes, die er anzunehmen hat.

Wie ferner, o König, der Hahn, bevor er sein Futter aufpickt, erst jedesmal die Erde aufscharrt: so auch soll der Yogi, der Yogabeflissene, beim Einnehmen der Nahrung erst jedesmal bei sich erwägen, daß dies nicht geschehe etwa zur Kurzweil oder zum Genusse, nicht um schön und üppig zu werden, sondern bloß zur Erhaltung und Fristung dieses Körpers, um Schaden zu verhüten und das Heilige Leben zu ermöglichen, in dem Gedanken: ‚Auf diese Weise werde ich das frühere Gefühl (wie Hunger, Schwäche usw.) stillen und kein neues Gefühl aufkommen lassen; und ich werde mein Auskommen haben, und Untadeligkeit und Wohlsein wird mir beschieden sein.‘ Das, o König, ist die dritte Eigenschaft des Hahnes, die er anzunehmen hat. Auch der Erhabene, o König, der Gott der Götter, hat gesagt:

Des eignen Kindes Fleische gleich,
Das in der Wüste man verzehrt,
Dem Öle gleich, mit dem die Achse
Man schmiert, damit der Wagen läuft:
So schluckt' ich, bloß zu meiner Fristung,
Die Nahrung 'runter, unbetört.

Wie ferner, o König, der Hahn trotz seiner Augen des Nachts blind ist: so auch soll der Yogi, der Yogabeflissene, trotz seiner Augen, dennoch wie ein Blinder sein; und im Wald, wie auch beim Almosengang im nahen Dorf soll er bei den zur Begierde reizenden Gestalten, Tönen, Düften, Geschmacksempfindungen, körperlichen Berührungen und Vorstellungen gleichsam blind, taub und stumm sein, nicht am Gesamtbild festhalten, nicht an den Einzelheiten haften. Das, o König, ist die vierte Eigenschaft des Hahnes, die er anzunehmen hat. Auch der Ordensältere Kaccāyana, o König, hat gesagt:

Zwar sehend, sei man wie ein Blinder,
Wie taub, obzwar man hören kann,
Trotz seiner Zunge wie ein Stummer,
Obzwar voll Kraft, dem Schwächling gleich,
Und wenn's etwas zu schaffen gibt,
Verharr' man wie im Totenschlaf.

Wie ferner, o König, der Hahn, selbst wenn er mit Steinen, Stöcken, Keulen, Ruten und Knütteln umhergejagt wird, dennoch sein Haus nicht im Stiche läßt: so auch soll der Yogi, der Yogabeflissene, selbst wenn er mit dem Anfertigen seiner Gewänder oder Reparaturarbeit beschäftigt ist, oder verschiedene Obliegenheiten zu erfüllen oder Rezitationen abzuhalten hat, die weise Erwägung nicht im Stiche lassen. Denn die weise Erwägung, o König, ist für den Yogi, den Yogabeflissenen, wie sein eigenes Heim. Das, o König, ist die fünfte Eigenschaft des Hahnes, die er anzunehmen hat. Auch der Erhabene, o König, der Gott der Götter, hat erklärt: ‚Was ist, o Mönch, des Mönches Bereich und eigener väterlicher Boden? Es sind die vier Grundlagen der Achtsamkeit (satipatthānā) Und auch der Ordensältere Sāriputta, der Feldherr des Gesetzes, hat gesagt:

Gleichwie der wohlgezähmte Ilph
Den eigenen Rüssel nicht verletzt
Und weiß, was eßbar und was nicht,
Und was zum Leben er bedarf:

Genau so darf des Buddha Jünger,
Der unermüdlich sich bemüht,
Des Siegers Weisung nie verletzen:
Die hohe, edle Achtsamkeit.“