Die Fragen des Königs Milinda

Teil 7

Kapitel 2

7.3.10. Das Meer

„Fünf Eigenschaften des Meeres, sagst du, ehrwürdiger Nāgasena, habe man anzunehmen: welches sind diese?“

„Gleichwie, o König, das Weltmeer keinen Leichnam in sich duldet: so auch soll der Yogi, der Yogabeflissene, den Schmutz der Leidenschaften nicht in sich dulden, als wie da sind: Gier, Haß, Verblendung, Dünkel, Meinungen, Heuchelei, Eifersucht, Neid, Geiz, Gleisnerei, Hinterlist, Verstecktheit, Falschheit und übler Wandel. Das, o König, ist die erste Eigenschaft des Meeres, die er anzunehmen hat.

Ferner, o König: die angehäuften mannigfachen Schätze, die das Meer in sich birgt, wie Perlen, Diamanten, Katzenauge, Edelsteine, Korallen und Kristall, die hütet das Meer, verstreut sie nicht nach außen. So auch soll der Yogi, der Yogabeflissene, die errungenen mannigfachen Kleinode, wie Pfad, Ziel, Vertiefung, Freiungen, Sammlung, Erreichungszustände, Klarblick und Höhere Geisteskräfte in sich hüten, nicht der Außenwelt preisgeben. Das, o König, ist die zweite Eigenschaft des Meeres, die er anzunehmen hat.

Wie ferner, o König, das Meer Gemeinschaft hat mit gewaltigen Lebewesen: so auch soll der Yogi, der Yogabeflissene, bei einem edlen Freunde, einem Ordensbruder wohnen, der bedürfnislos ist, genügsam, ein Lehrer der Askese, von lauterem Leben und vollkommen im Wandel, feinfühlend, edel, verehrungswürdig, der Aufklärungen gibt, redegewandt ist, Verweise erteilt und das Böse tadelt, der ermahnt, belehrt, unterwejst, anspornt, ermutigt und ermuntert. Das, o König, ist die dritte Eigenschaft des Meeres, die er anzunehmen hat.

Ferner, o König: obgleich die von frischem Wasser erfüllten Ströme, wie die Gangā, Jumnā, Aciravati, Sarabhū, Mahī, und noch Hunderttausende von anderen Flüssen sich ins Weltmeer ergießen sowie auch vom Himmel die Regenfälle, tritt doch das Meer nie über seine Ufer. So auch, o König, soll der Yogi, der Yogabeflissene, infolge von erlangtem Gewinne, von Ehre und Ruhm, oder infolge von zuteilgewordener Begrüßung, Achtung und Hochschätzung nicht einmal seinem Leben zuliebe absichtlich die Ordensregel übertreten. Das, o König, ist die vierte Eigenschaft des Meeres, die er anzunehmen hat. Auch der Erhabene, o König, der Gott der Götter, hat gesagt: ‚Gleichwie, o König, das Meer beständig ist und niemals über seine Ufer tritt: so auch, o König, übertreten meine Jünger nicht einmal ihrem Leben zuliebe die Ordensregel, die ich ihnen gewiesen habe.‘ (Udana V.5.)

Wie ferner, o König, das Meer trotz all der Flüsse und der Regenfälle des Himmels dennoch niemals voll wird: so auch soll der Yogi, der Yogabeflissene, des Anhörens der neunfachen Weisung des Siegers niemals satt werden, soll niemals satt bekommen den Vortrag und das Besprechen, Anhören, Auswendiglernen und Erforschen der Lehre, die das hohe Gesetz und die hohe Disziplin eingehend behandelnden Lehrreden, die Zergliederung, Zusammensetzung, Bindung und Beugung von Worten: Auch der Erhabene, o König, der Gott der Götter, sagt in der Geburtsgeschichte des Sutasomo:

Wie's Feuer, das das Stroh und Holz verzehret,
Nie satt wird, und das Meer durch Flüsse niemals voll:
So können, edler König, auch die Weisen
Niemals genug bekommen edler Reden.“