Die Fragen des Königs Milinda

Teil 7

Kapitel 3

7.4.5. Der Berg

„Fünf Eigenschaften des Berges, sagst du, ehrwürdiger Nāgasena, habe man anzunehmen: welches sind diese?“

„Gleichwie, o König, der Berg unbeweglich ist, unerschütterlich, unerregbar: so auch soll der Yogi, der Yogabeflissene, dem Berge gleichend, nicht bewegt oder erschüttert werden durch Hochschätzung oder Geringschätzung, Freundlichkeit oder Unfreundlichkeit, Achtung oder Mißachtung, Berühmtheit oder Unberühmtheit, Lob oder Tadel, Glück oder Unglück, durch erwünschte oder unerwünschte Dinge; und bei den Formen, Tönen, Düften, Säften, körperlichen Berührungen oder Gedanken:—nirgends soll er, sofern diese Dinge giererregend sind, in Gier geraten, und sofern sie haßerregend sind, soll er nicht in Haß geraten, sofern sie betörend sind, nicht in Verblendung geraten. Das, o König, ist die erste Eigenschaft des Berges, die er anzunehmen hat. Auch der Erhabene, o König, der Gott der Götter, hat gesagt:

Gleichwie der Fels aus einem Stück
Vom Winde nicht erschüttert wird,
So können weder Lob noch Tadel
Erschüttern je den weisen Mann.

Wie ferner, o König, der Berg fest ist und mit nichts anderem sich verbindet: so auch soll der Yogi, der Yogabeflissene, stark sein, sich an niemanden anklammern. Das, o König, ist die zweite Eigenschaft des Berges, die er anzunehmen hat. Auch der Erhabene, o König, der Gott der Götter, hat gesagt:

Wer nirgendwo mehr Anschluß sucht,
Bei Hausnern nicht, bei Mönchen nicht,
Den Hauslosen, den Wunschlosen:
Den heiße einen Priester ich.

Wie ferner, o König, kein Samen auf einem (Felsen-)Berg wächst: so auch soll der Yogi, der Yogabeflissene, in seinem Herzen die Leidenschaften nicht anwachsen lassen. Das, o König, ist die dritte Eigenschaft des Berges, die er anzunehmen hat. Auch der Ordensältere Subhūti, o König, hat gesagt:

Sobald ein gierhafter Gedanke
In meinem Innern sich erhebt,
So prüfe ich mein Inneres,
Und ganz allein bezwing' ich ihn:

Bei schönen Dingen gierst du ja,
Bei häßlichen da kommt dir Haß,
Bist bei betörenden betört.
Komm', mach dich aus dem Wald hinaus!

Für Reine bloß ist dieser Ort,
Für Mönche, die vom Schmutz befreit.
Beflecke ja die Reinen nicht!
Komm', mach' dich aus dem Wald hinaus.

Wie ferner, o König, der Berg hoch in die Lüfte ragt: so auch soll der Yogi, der Yogabeflissene, hervorragen durch seine Erkenntnis. Das, o König, ist die vierte Eigenschaft des Berges, die er anzunehmen hat. Auch der Erhabene, o König, der Gott der Götter, hat gesagt:

Sobald durch Strebsamkeit der Weise
Die Trägheit überwunden hat,
Erklommen hat den Turm der Einsicht,
Blickt sorgenfrei der Held hinab
Auf die gequälte Welt der Toren,
Gleichwie von einem Berg ins Tal.

Wie ferner, o König, der Berg sich weder hebt noch senkt: so auch soll der Yogi, der Yogabeflissene, sich durch nichts gehoben oder niedergeschlagen fühlen. Das, o König, ist die fünfte Eigenschaft des Berges, die er anzunehmen hat. Auch die Anhängerin Culla-Subhaddā, o König, hat gesagt, indem sie die eigenen Mönche pries:

Gewinn die Welt aufjauchzen läßt,
Gedrückt fühlt sie sich bei Verlust.
Doch jene dabei gleich sich bleiben.
Ja, solche Mönche haben wir.“