Die Fragen des Königs Milinda
Teil 4
Kapitel 1
4.1
Ein Disputant und ein Sophist,
Von Einsicht und von Witz erfüllt,
Ging zum Asketen hin der Fürst,
Daß ihm Erkenntnis werd' zuteil.Und in seinem Schatten (in seiner Nähe) weilend
Stellt er ihm gar viele Fragen,
Bis zuletzt, gereift an Wissen,
Er des Dreikorbs (Tipitaka) Kenner ward.Die Neunersatzung (sāsana) dacht er durch
Zur Nachtzeit, in der Einsamkeit,
Und fand manch schwieriges Problem,
Schwer lösbar, wie geeicht zum Streit.Aussagen gibt es viererlei
In des Wahrheitsfürsten Satzung:
Die ausführlich oder knapp sind,
Den Sinn erklären oder nur den Kern erfassen.Ohne deren Sinn zu kennen
An den zweideutigen Stellen,
Möchte in zukünft'gen Zeiten
Streit darüber sich entspinnen.Drum will dem Redner ich vertrauen,
Ihn lösen lassen die Probleme,
Damit nach seiner Weisung dann
Man sie erkläre künftighin.
Als nun das Dunkel der Nacht gewichen war und der Morgen graute, wusch der König Milinda sein Haupt, hob darauf seine gefalteten Hände zur Stirne empor und gedachte der Buddhas der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dann nahm er acht Observanzen auf sich, indem er sprach: „Von heute ab will ich sieben Tage lang in der Askese leben und die acht Observanzen befolgen. Darauf will ich dem Meister meine Aufwartung machen und ihn über zweischneidige Probleme befragen.“? Und der König zog seine beiden Alltagsgewänder aus, legte seinen Schmuck ab und kleidete sich in ein fahles Gewand. Den Kopf aber bedeckte er mit dem flachen Käppchen eines kahlhäuptigen Asketen. Darauf nahm er, wie ein Asket ausschauend, die acht Tugenden auf sich, indem er sprach: „Die nächsten sieben Tage darf ich kein Regierungsgeschäft unternehmen. Kein mit Gier verbundener Gedanke soll in mir aufsteigen, kein mit Haß verbundener Gedanke, kein mit Verblendung verbundener Gedanke. Desgleichen habe ich mich gegen meine Knechte und Arbeitsleute demütig zu erweisen. Körper und Wort habe ich zu bewachen, habe meine sechs Sinne vollkommen zu behüten, habe den Geist auf Erweckung der Allgüte (Mettā) zu richten.“
Damit nahm er diese acht Tugenden auf sich, festigte sein Herz darin, und auf diese Weise, ohne sein Haus zu verlassen, verbrachte er volle sieben Tage. Am achten Tage aber nahm er bereits ganz in der Frühe, bei Tagesanbruch, sein Frühstück zu sich und begab sich darauf, mit gesenktem Blick, in Worten beherrscht, in seinen Körperhaltungen wohlbemessen, unzerstreuten Geistes, voll Freude, Begeisterung und Heiterkeit zum Ordensälteren Nāgasena. Und voller Ehrfurcht begrüßte er ihn, indem er mit dem Haupte seine Füße berührte. Darauf stellte er sich zur Seite hin und sprach:
„Ich habe da, ehrwürdiger Nāgasena, eine Sache mit dir zu besprechen Doch darf dabei kein Dritter zugegen sein. Im Walde oder an einsamer, abgeschiedener Stätte, die acht Eigenschaften besitzt und sich für Asketen eignet, da sollte dieses Problem vorgetragen werden. Auch darfst du mir dort nichts vorenthalten, nichts verheimlichen. Ich bin nun jetzt würdig, wenn wir in unsere edlen Diskussionen vertieft sein werden, alle Geheimnisse zu hören. Diese Tatsache ließe sich auch durch ein Gleichnis anschaulich machen. Gleichwie nämlich, ehrwürdiger Nāgasena, wenn man einen Schatz verbergen will, sich die Erde dazu am besten eignet, ihr denselben anzuvertrauen: ebenso auch, o Herr, bin ich nunmehr würdig, wenn wir in unsere edlen Diskussionen vertieft sein werden, die sämtlichen Geheimnisse zu hören.“