Aṅguttara Nikāya

Das Dreier-Buch

58. Dreiwissensmächtig I

Es begab sich da der Brahmane Tikanna dorthin, wo der Erhabene weilte und sprach vor dem Erhabenen das Lob der dreiwissensmächtigen Brahmanen: „So sind die dreiwissensmächtigen Priester, derart sind die dreiwissensmächtigen Priester!“

„Auf welche Weise aber, Brahmane, erklären die Brahmanen den dreiwissensmächtigen Priester?“

„Da, Herr Gotama, ist ein Brahmane beiderseits von reiner Geburt, von Mutter und Vater her; lauter empfangen bis zum siebenten Ahnengeschlecht zurück, einwandfrei und makellos hinsichtlich der Kastenlehre. Er ist gelehrt, ein Kenner der mystischen Sprüche, ein Meister der drei Veden samt ihrem Wortschatz und Ritual, der Lautkunde und der Wortzerlegung und den Legenden als fünftem: ein Kenner des Textes und der Grammatik, wohl unterrichtet in der Naturkunde und den Merkmalen eines großen Mannes (vergl. D.31). Auf solche Weise, Herr Gotama, erklären die Brahmanen den dreiwissensmächtigen Priester.“

„Anders, Brahmane, erklären die Brahmanen den dreiwissensmächtigen Priester, und anders gilt man in der Satzung des Heiligen als dreiwissensmächtig.“

„Wie aber, Herr Gotama, gilt man in der Satzung des Heiligen als dreiwissensmächtig? Gut wäre es, wenn mir der Herr Gotama diese Sache darlegte, wie man in der Satzung des Heiligen als dreiwissensmächtig gilt.“

„So höre denn, Brahmane, und achte wohl auf meine Rede. Ich werde es dir erklären.“

„Ja, o Herr!“ erwiderte Tikanna, der Brahmane. Und der Erhabene sprach also:

  1. „Da, o Brahmane, gewinnt ein Mönch, ganz abgeschieden von den Sinnendingen, abgeschieden von unheilsamen Geisteszuständen, die mit Gedankenfassen und Überlegen verbundene, in der Abgeschiedenheit geborene, von Verzückung und Glücksgefühl erfüllte erste Vertiefung und verweilt in ihr.
  2. Nach Stillung von Gedankenfassen und Überlegen gewinnt er den inneren Frieden, die Einheit des Geistes, die von Gedankenfassen und Überlegen freie, in der Sammlung geborene, von Verzückung und Glücksgefühl erfüllte zweite Vertiefung und verweilt in ihr.
  3. Und nach Loslösung von der Verzückung weilt er gleichmütig, achtsam, klarbewußt und ein Glücksgefühl empfindet er in seinem Inneren, von dem die Edlen künden: ‚Der Gleichmütige, Achtsame weilt beglückt‘; so gewinnt er die dritte Vertiefung und verweilt in ihr.
  4. Nach dem Schwinden von Wohlgefühl und Schmerz und dem schon früheren Erlöschen von Frohsinn und Trübsinn gewinnt er die leidlos-freudlose, in der völligen Reinheit von Gleichmut und Achtsamkeit bestehende vierte Vertiefung und verweilt in ihr.

Mit derart gesammeltem Geiste, der geläutert ist, rein, fleckenlos, ungetrübt, geschmeidig, gefügig, fest und unerschütterlich, richtet er seinen Geist auf die erinnernde Erkenntnis früherer Daseinsformen. Er erinnert sich an manche frühere Daseinsformen, als wie an ein Leben, an zwei Leben, an drei Leben, an vier Leben, an fünf Leben, an zehn Leben, an zwanzig Leben, an dreißig Leben, an vierzig Leben, an fünfzig Leben, an hundert Leben, an tausend Leben, an hunderttausend Leben; dann an die Zeiten während mancher Weltentstehungen, an die Zeiten mancher Weltuntergänge, an die Zeiten mancher Weltuntergänge und Weltentstehungen: ‚Dort war ich, solchen Namen hatte ich, solcher Familie und solchem Stande gehörte ich an, solche Nahrung wurde mir zuteil, solches Wohl und Wehe hatte ich erfahren, solches Lebensalter erreichte ich. Von da nun abgeschieden, trat ich dort wieder ins Dasein: dort hatte ich solchen Namen, solcher Familie und solchem Stande gehörte ich an, solche Nahrung wurde mir zuteil, solches Wohl und Wehe hatte ich erfahren, solches Lebensalter erreichte ich. Von dort nun abgeschieden, trat ich hier wieder ins Dasein.‘ So erinnert er sich an manche frühere Daseinsform mit ihren besonderen Merkmalen, besonderen Kennzeichen.

Dieses erste Wissen hat er errungen; das Nichtwissen schwindet und das Wissen erwacht, das Dunkel zerstiebt und das Licht erscheint, während er also unermüdlich, eifrig und entschlossen verweilt.

Mit derart gesammeltem Geiste, der geläutert ist, rein, fleckenlos, ungetrübt, geschmeidig, gefügig, fest und unerschütterlich, richtet er seinen Geist auf die Erkenntnis des Abscheidens und Wiedererscheinens der Wesen. Mit dem himmlischen Auge, dem geklärten, übermenschlichen, sieht er die Wesen abscheiden und wiedererscheinen, gemeine und edle, schöne und häßliche, glückliche und unglückliche. Er erkennt, wie die Wesen je nach ihren Taten wiedererscheinen: ‚Diese lieben Wesen, wahrlich, führen einen schlechten Wandel in Werken, in Worten und in Gedanken, sie schmähen Heilige, haben verkehrte Ansicht und gemäß ihrer verkehrten Ansicht handeln sie. Beim Zerfall des Körpers, nach dem Tode, gelangen sie in eine niedere Welt, auf eine Leidensfährte, in Daseinsabgründe, in die Hölle. Doch jene anderen lieben Wesen führen einen guten Wandel in Werken, in Worten und in Gedanken; nicht schmähen sie die Heiligen, haben rechte Erkenntnis und gemäß dieser rechten Erkenntnis handeln sie. Beim Zerfall des Körpers, nach dem Tode, gelangen sie auf eine gute Daseinsfährte, in himmlische Welt.‘ So sieht er mit dem himmlischen Auge, dem geklärten, übermenschlichen, die Wesen abscheiden und wiedererscheinen, gemeine und edle, schöne und häßliche, glückliche und unglückliche; und er erkennt, wie die Wesen je nach ihren Taten wiedererscheinen.

Dieses zweite Wissen hat er errungen, das Nichtwissen schwindet und das Wissen erwacht, das Dunkel zerstiebt und das Licht erscheint, während er da also unermüdlich, eifrig und entschlossen verweilt.

Mit derart gesammeltem Geiste, der geläutert ist, rein, fleckenlos, ungetrübt, geschmeidig, gefügig, fest und unerschütterlich, richtet er seinen Geist auf die Erkenntnis der Triebversiegung: ‚Dies ist das Leiden‘, erkennt er der Wirklichkeit gemäß; ‚Dies ist die Entstehung des Leidens‘, erkennt er der Wirklichkeit gemäß; ‚Dies ist die Erlöschung des Leidens‘, erkennt er der Wirklichkeit gemäß; ‚Dies ist der zur Erlöschung des Leidens führende Pfad‘, erkennt er der Wirklichkeit gemäß. ‚Dies sind die Triebe‘, erkennt er der Wirklichkeit gemäß; ‚Dies ist die Entstehung der Triebe‘, erkennt er der Wirklichkeit gemäß; ‚Dies ist das Erlöschen der Triebe‘, erkennt er der Wirklichkeit gemäß; ‚Dies ist der zum Erlöschen der Triebe führende Pfad‘, erkennt er der Wirklichkeit gemäß. Also erkennend, also schauend, wird sein Geist befreit vom Sinnlichkeits-Trieb, befreit vom Daseins-Trieb, befreit vom Nichtwissens-Trieb. Im Befreiten aber erhebt sich die Erkenntnis des Befreitseins, und er weiß: ‚Versiegt ist die Wiedergeburt, erfüllt der heilige Wandel; getan ist, was zu tun war; nichts weiteres mehr nach diesem hier.‘

Dieses dritte Wissen hat er errungen, das Nichtwissen schwindet und das Wissen erwacht, das Dunkel zerstiebt und das Licht erscheint, während er also unermüdlich, in eifrigem Mühen verweilt.

Der da stetig ist im Wandel,
weise ist und selbstvertieft,
der sein Herz in der Gewalt hat,
einsgeworden, fest gefügt.

Der Hehre, der das Dunkel bannt,
ein Todbesieger, mächtig der drei Wissen,
zum Heile kam für Götter und für Menschen,
den man den Allesüberwinder nennt,

Dem die drei Wissen eigen sind,
der Irrwahn überwunden hat,
erwacht, den letzten Körper trägt
ihn, Gotama, ehrt man mit solchen Worten.

Der frühere Geburten schaut,
den Himmel und die Hölle kennt,
des Daseins Ende hat erreicht,
in hohen Kräften Meister ist,

Er, der mit solcher Wissensdreiheit
dreivedenkundiger Brahmane ist,
dreiwissensmächtig ist nur er,
und nicht, wer bloß den Namen trägt.

„Auf solche Weise, Brahmane, gilt man in der Satzung des Heiligen als dreiwissensmächtig.“

„Anders freilich, Herr Gotama, gilt man bei den Brahmanen als dreiwissensmächtig und anders in der Satzung des Heiligen. Verglichen aber mit dem Dreiwissensmächtigen in der Satzung des Heiligen gilt mir der Dreiwissensmächtige der Brahmanen nur den sechzehnten Teil! Vortrefflich, Herr Gotama! Vortrefflich, Herr Gotama!... Als Anhänger möge mich der Herr Gotama betrachten, als einen, der von heute ab zeitlebens Zuflucht genommen hat.“