Aṅguttara Nikāya

Das Vierer-Buch

22. Wer ist verehrungswürdig?

Einstmals, ihr Mönche, weilte ich bei Uruvelā, am Ufer des Flusses Nerañjarā, unter dem Feigenbaume der Ziegenhirten, als ich eben erst die volle Erleuchtung gewonnen hatte. Da nun kamen einige alte Brahmanen zu mir heran, ergraut, hochbejahrt, im Alter gereift. Sie wechselten mit mir höflichen Gruß, und nach Austausch freundlicher, zuvorkommender Worte setzten sie sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend, sprachen jene Brahmanen also zu mir:

‚Gehört haben wir, Herr Gotama, daß der Asket Gotama alten, ergrauten, hochbejahrten, im Alter gereiften Brahmanen weder seinen Gruß entbietet, noch sich vor ihnen erhebt, noch ihnen einen Sitz anbietet. Und das verhält sich in der Tat so, Herr Gotama, denn nicht entbietet ja der Herr Gotama alten, ergrauten, hochbejahrten, im Alter gereiften Brahmanen seinen Gruß, er erhebt sich nicht vor ihnen, noch bietet er ihnen einen Sitz an. Das aber, Herr Gotama, ist nicht recht.‘

Da dachte ich, ihr Mönche: ‚Wahrlich, jene Verehrten wissen nicht, wer ein Ehrwürdiger (thero, wtl. Älterer) ist, und wissen nicht, was einen zum Ehrwürdigen macht. Selbst wenn einer alt ist, ihr Mönche, von seiner Geburt ab achtzig, neunzig oder hundert Jahre zählt, aber er spricht nicht zur passenden Zeit (atthavādi), nicht den Tatsachen gemäß, nicht sinnvoll (dhammavādi), nicht dem Recht und der Sitte gemäß (vinayavādi), und seine Rede ist nicht wert des Gedenkens, ist unangebracht, unvernünftig, unüberlegt und gehaltlos, dann gilt er eben als ein alter Tor. Doch selbst wenn einer noch jung ist, ein Jüngling mit schwarzem Haar, im Besitze seiner besten Jugend, im ersten Mannesalter, dabei aber zur passenden Zeit spricht und den Tatsachen gemäß, sinnvoll, dem Recht und der Sitte gemäß, und seine Rede ist wert des Gedenkens, angebracht, vernünftig, überlegt und gehaltvoll, dann gilt er eben als weise und ehrwürdig.

Vier Dinge, ihr Mönche, machen einen zum Ehrwürdigen. Welche vier?

  1. Da ist ein Mönch sittenrein, er befolgt die Ordenssatzung, ist vollkommen in Wandel und Umgang, und vor dem kleinsten Vergehen zurückschreckend schult er sich in den Übungsregeln, die er auf sich genommen.
  2. Er ist wissensreich, ein Bewahrer des Wissens, hat sich große Kenntnisse angesammelt; und jene Lehren, die im Anfang vorzüglich sind, in der Mitte vorzüglich und am Ende vorzüglich, die in vollendetem Sinn und Ausdruck, ein ganz vollkommenes, geläutertes Reinheitsleben verkünden, diese Lehren hat er sich häufig angehört, sich eingeprägt, hat sie im Wortlaut gelernt, im Geiste erwogen und sie weise verstanden.
  3. Die vier Vertiefungen, die erhaben-geistigen, gegenwärtiges Wohl gewährenden, die gewinnt er nach Wunsch, ohne Mühe, ohne Schwierigkeit.
  4. Durch Versiegung der Triebe erreicht er noch bei Lebzeiten die triebfreie Gemütserlösung und Weisheitserlösung, sie selber erkennend und verwirklichend.

Diese vier Dinge, ihr Mönche, machen einen zum Ehrwürdigen.

„Wer da ruhelosen Geistes
leeren Wortschwall von sich gibt;
wer zerfahren ist und stumpf (mago, tierisch),
nicht sich freut an hoher Lehre,
anteilslos und schlecht gesinnt
weit entfernt ist der von Würde.

Wer aber sittenrein, beherrscht,
verstandesscharf und kenntnisreich,
wer Kraft und Mut zum Guten hat
und die Wahrheit weise schaut;
wer all die hohen Dinge hat gemeistert,
von allen Schlacken auch sein Herz gelöst,
vom Wiedersein und Wiedersterben frei,
sein heilig Leben ganz vollendet hat,
der keinen üblen Trieb mehr kennt,
ein Mönch von allen Trieben frei
ehrwürdig gilt ein solcher mir,
‚ehrwürdig‘ nennt man ihn mit Recht.“