Die Fragen des Königs Milinda

Teil 2: Fragen über charakteristische Merkmale

Kapitel 1

3.1.9. Sittlichkeit

Und der König fuhr fort: „Du hattest da eben, ehrwürdiger Nāgasena, noch von anderen guten Eigenschaften gesprochen, Welche sind dies?“

„Sittlichkeit, o König, Vertrauen, Willenskraft, Achtsamkeit und Sammlung: dies sind jene guten Eigenschaften.“

„Welches charakteristische Merkmal aber, o Ehrwürdiger, besitzt die Sittlichkeit (sīla)?“

„Daß sie als Grundlage dient, o König, denn die Sittlichkeit bildet die Grundlage zu sämtlichen guten Geisteszuständen:

  • den geistigen Fähigkeiten (bala)und Kräften,
  • den Erleuchtungsgliedern (bojjhanga),
  • dem (achtfachen) Pfad (magga),
  • den Grundlagen der Achtsamkeit (satipatthāna),
  • den rechten Anstrengungen(sammā-padhāna),
  • den Machtfährten (iddhi pāda),
  • den Vertiefungen (jhāna),
  • den Freiungen, (vimokhā)
  • der Sammlung (samādhi)und den Errungenschaften.

Solange einer die Sittlichkeit zur Grundlage hat, geht er all dieser guten Geisteszustände nicht verlustig.“

„Gib mir eine nähere Erläuterung!“

„Gleichwie, o König, sämtliche Arten von Keim- und Pflanzenleben, bei denen sich ein Gedeihen, Wachsen und Entfalten zeigt, eben alle in Abhängigkeit von der Erde, eben dadurch, daß sie die Erde zur Grundlage haben, gedeihen, wachsen und sich entfalten: genau so, o König, bringt der in Sammlung des Geistes sich Übende—eben indem er sich auf Sittlichkeit stützt, die Sittlichkeit zur Grundlage nimmt—die fünf geistigen Fähigkeiten zur Entfaltung, nämlich Vertrauen, Willenskraft, Achtsamkeit, Sammlung und Weisheit.“

„Gib mir noch ein anderes Gleichnis!“

„Gleichwie, o König, alle Kraft erfordernden Arbeiten eben in Abhängigkeit von der Erde ausgeführt werden, die Erde zur Grundlage haben: genau so, o König, bringt der in Sammlung sich Übende—eben indem er sich auf Sittlichkeit stützt, die Sittlichkeit zur Grundlage nimmt—die fünf geistigen Fähigkeiten zur Entfaltung.“

„Gib mir noch ein Gleichnis!“

„Gleichwie ein Stadtbaumeister, o König, wenn er eine Stadt bauen will, zuerst einen Platz für die Stadt lichten läßt, sodann denselben von Baumstümpfen und Dornen befreit, ebnet und nach einiger Zeit daran geht, denselben in Straßen, Plätze, Kreuzungspunkte usw. einzuteilen und auf diese Weise die Stadt baut: genau so, o König, bringt der in Sammlung sich Übende—eben indem er sich auf Sittlichkeit stützt, die Sittlichkeit zur Grundlage nimmt—die fünf geistigen Fähigkeiten zur Entfaltung.“

„Gib mir noch ein weiteres Gleichnis!“

„Gleichwie, o König, ein Akrobat, wenn er seine Kunststücke zeigen will, erst die Erde umgräbt, dann die Steine und den harten Kies entfernt, den Boden ebnet und so auf weichem Boden seine Kunststücke vorführt: genau so, o König, bringt der in Sammlung sich Übende—eben indem er sich auf Sittlichkeit stützt, die Sittlichkeit zur Grundlage nimmt—die fünf geistigen Fähigkeiten zur Entfaltung. Auch der Erhabene, o König, hat gesagt:

Der Weise, der, auf Sittlichkeit gestützt,
Den Geist entfaltet, sich in Weisheit übt,
Ein solch entschlossener und weiser Jünger
Mag dieses Lebens Wirrsal einst entwirren.

Gleichwie da alles Leben auf der Erde fußt,
So ist die Sittensatzung, die befreiende,
Der Grund und Boden zur Entfaltung alles Guten,
Der Ausgangspunkt der Lehre der Erleuchteten.“

„Gar klug bist du, Ehrwürdiger Nāgasena.“