Die Fragen des Königs Milinda
Teil 3: Lösungen der Zweifel
Kapitel 4
3.4.5. Zeitiges Kämpfen
Der König sprach: „Du sagtest mir da, o Herr, eure Weltentsagung habe zum Ziele, dieses gegenwärtige Leiden eben schwinden und kein anderes (neues) Leiden mehr aufkommen zu lassen.“
„Ja, o König, das ist das Ziel unserer Weltentsagung.“
„Wie nun aber: ist dieses Ziel das Ergebnis früherer Anstrengung, oder hat man wohl, wenn die Zeit herangekommen ist, immer noch zu kämpfen?“
„Ist einmal die Zeit herangekommen, o König, so hat das Kämpfen keinen Zweck mehr; die frühere Anstrengung hat ja dann bereits ihren Zweck erfüllt.“
„Erläutere mir dies!“
„Was meinst du, o König: wenn du Durst hast und Wasser zu trinken wünschtest, wirst du da wohl zu diesem Zwecke erst einen Brunnen oder eine Zisterne graben?“
„Gewiß nicht, o Herr!“
„Ebenso auch, o König, hat, sobald die Zeit erst einmal herangekommen ist, das Kämpfen keinen Zweck mehr; die frühere Anstrengung hat ja dann bereits ihren Zweck erfüllt.“
„Gib mir ein weiteres Gleichnis!“
„Was meinst du, o König: wenn du Hunger hast und zu essen wünschest, wirst du da wohl zu diesem Zwecke es für nötig halten, erst das Feld zu pflügen, den Samen zu säen oder das Getreide herbeischaffen zu lassen?“
„Gewiß nicht, o Herr.“
„Ebenso auch, o König, hat, sobald die Zeit erst einmal herangekommen ist, das Kämpfen keinen Zweck mehr; die frühere Anstrengung hat ja dann bereits ihren Zweck erfüllt.“
„Gib mir noch ein weiteres Gleichnis!“
„Was meinst du, o König: wenn dir eine Schlacht bevorsteht, wirst du wohl erst dann Festungsgräben ziehen, Wälle aufwerfen, Verschanzungen und Warten errichten, Proviant herbeischaffen und damit anfangen, mit den Elefanten, Pferden und Streitwagen umgehen zu lernen und dich mit Schießen und Fechten vertraut zu machen?“
„Gewiß nicht, o Herr.“
„Ebenso auch, o König, hat sobald die Zeit erst einmal heran gekommen ist, das Kämpfen keinen Zweck mehr; die frühere Anstrengung hat ja dann bereits ihren Zweck erfüllt. Auch der Erhabene, o König, sagt:
Was als heilsam man erkannt hat,
Das verrichte man beizeiten,
Denke nicht wie manch ein Kärrner,
Sondern kämpfe klug und stark.G'rade wie so mancher Kärrner,
Der, den ebnen Weg verlassend,
Holperig-schlechtem Pfade folgt,
Klagt, wenn seine Achse bricht:So auch klagt, wer's Rechte flicht
Und wess' Herz dem Bösen folgt,
In des Todes Schlund geraten,
Wie der Kärrner über seine Achse.“
„Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!“