Die Fragen des Königs Milinda

Teil 3: Lösungen der Zweifel

Kapitel 4

3.4.6. Höllenfeuer

Der König sprach: „Ihr behauptet da, ehrwürdiger Nāgasena, daß das Höllenfeuer stärker brenne als das gewöhnliche Feuer, und daß, obgleich selbst schon ein winziges Steinchen, das man in das gewöhnliche Feuer wirft, einen Tag glühen möge ohne sich aufzulösen, aber trotzdem ein Felsen so groß wie ein Giebeldach, in das Höllenfeuer geworfen, in einem Augenblicke zergehe. Solcher Behauptung mag ich keinen Glauben schenken. Und daß ihr da ferner behauptet, daß die dort wiedergeborenen Wesen, trotzdem sie für manche Jahrtausende in der Hölle zu brennen haben, nicht zergehen sollten: auch das kann ich nicht glauben.“

Der Ordensältere aber erwiderte: „Was meinst du, o König? Fressen die weiblichen Haifische, Krokodile, Schildkröten, Pfauen und Tauben nicht wohl auch harte Steine und Kies? Und verzehren die weiblichen Löwen, Tiger, Leoparden und Hunde nicht wohl harte Knochen und Fleisch?“

„Gewiß, o Herr.“

„Und zersetzen sich nicht wohl diese Dinge, sobald sie in ihren Leib gelangt sind?“

„Gewiß, o Herr.“

„Löst sich aber der Embryo, der sich in ihrem Leibe befinden mag, ebenfalls auf?“

„Das freilich nicht, o Herr.“

„Und warum nicht?“

„Ich denke, wohl zufolge des vorgeburtlichen Wirkens, o Herr.“

„Genau so, o König, mögen die Wesen zufolge des vorgeburtlichen Wirkens gar manche Jahrtausende in der Hölle brennen, ohne daß sie sich auflösen.“

„Gib mir ein weiteres Gleichnis!“

„Was meinst du, o König? Essen die zarten Weiber der Griechen und der Adeligen, Brahmanen und Hausleute nicht wohl bisweilen harte, Kauen erfordernde Speisen und Fleisch?“

„Gewiß, o Herr.“

„Löst sich nun aber der Embryo, der sich in ihrem Leibe befinden mag, ebenfalls auf?“

„Das freilich nicht, o Herr.“

„Und warum nicht?“

„Ich denke, wohl zufolge des vorgeburtlichen Wirkens, o Herr.“

„Genau so, o König, mögen die Wesen zufolge des vorgeburtlichen Wirkens gar manche Jahrtausende in der Hölle brennen, ohne daß sie sich auflösen. Auch der Erhabene, o König, hat gesagt: ‚Und er stirbt nicht, solange jene Tat sich noch nicht erschöpft hat.‘“

„Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!“