Die Fragen des Königs Milinda

Teil 3: Lösungen der Zweifel

Kapitel 7

3.7.3. Zweck des geistigen Strebens

Der König sprach: „Strebt ihr wohl, ehrwürdiger Nāgasena, nach Überwindung des vergangenen Leidens?“

„Nein, o König.“

„Oder vielleicht des gegenwärtigen Leidens?“

„Nein, o König.“

„Oder etwa des zukünftigen Leidens?“

„Nein, o König.“

„Wenn ihr nun aber weder nach Überwindung des vergangenen noch des gegenwärtigen noch des zukünftigen Leidens strebt, wonach strebt ihr denn da überhaupt?“

„Daß sowohl dieses Leiden versiegen als auch kein künftiges Leiden mehr aufsteigen möge: danach streben wir.“

„Ist denn das zukünftige Leiden wirklich da, ehrwürdiger Nāgasena?“? „Nein, o König.“

„Dann seid ihr ja wahrlich überschlaue Leute, ehrwürdiger Nāgasena, daß ihr danach trachtet, etwas zu überwinden, was gar nicht existiert!“

„Haben sich nicht wohl schon einst, o König, irgendwelche Gegenkönige als Feinde und Gegner gegen dich erhoben?“

„Gewiß, o Herr.“

„Wie nun, o König: ließest du wohl dann erst Gräben ziehen, Wälle aufwerfen, Verschanzungen und Wachtürme errichten und Proviant herbeischaffen?“

„Nein, o König, dafür hat man schon früher gesorgt.“

„Oder fingst du etwa erst dann damit an, dich mit Elefanten, Pferden, Wagen, Bogen und Schwert vertraut zu machen?“

„Nein, o König, das habe ich schon früher besorgt.“

„Aus welchem Grunde denn?“

„Um künftiger Gefahr vorzubeugen, o Herr.“

„Ist denn wohl, o König, die künftige Gefahr wirklich da?“

„Nein, o Herr.“

„Dann seid ihr ja wahrlich überschlaue Leute, daß ihr etwas abzuwenden sucht, das gar nicht existiert!“

„Gib mir ein weiteres Gleichnis!“

„Was meinst du wohl, o König: wenn du Durst hast und Wasser zu trinken wünschest, wirst du da wohl zu diesem Zwecke erst einen Brunnen oder eine Zisterne graben?“

„Gewiß nicht, o Herr, dafür hat man schon früher gesorgt.“

„Aus welchem Grunde denn?“

„Um künftigem Durste vorzubeugen, o Herr.“

„Ist denn wohl, o König, der künftige Durst wirklich da?“

„Nein, o Herr.“

„Dann seid ihr ja wahrlich überschlaue Leute, o König, daß ihr danach trachtet, etwas zu überwinden, was gar nicht existiert!“

„Gib mir noch ein anderes Gleichnis!“

„Was meinst du wohl, König: wenn du Hunger hast und zu essen wünschtest, wirst du wohl zu diesem Zwecke es für nötig halten, erst das Feld zu pflügen und Korn zu säen?“

„Gewiß nicht, o Herr, dafür hat man schon früher gesorgt.“

„Aus welchem Grunde denn?“

„Um künftigem Hunger vorzubeugen, o Herr.“

„Ist denn wohl, o König, der künftige Hunger wirklich da?“

„Nein, o Herr.“

„Da seid ihr ja wahrlich überschlaue Leute, o König, daß ihr danach trachtet, etwas zu überwinden, was gar nicht existiert!“

„Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!“