Die Fragen des Königs Milinda
Teil 4
Kapitel 2
5.2.4. Die Macht der Schutztexte
„Der Erhabene, o Herr, hat den Ausspruch getan:
Nicht in den Lüften, nicht in Meeresmitte,
Nicht im Verstecke wilder Bergesklüfte
Nicht ist in aller Welt der Ort zu finden,
Wo frei man würde von des Todes Fessel.
Andererseits aber wieder hat der Erhabene die Schutztexte (paritta) gelehrt, als wie:
- die Rede vom (dreifachen) Kleinod, (Ratana-Sutta)
- die Rede von der Allgüte,
- das Khandhaparitta,
- das Moraparitta,
- das Dhajaggaparitta,
- das Ᾱtānātiyaparitta
- das Angulimālaparitta.
Wenn man also weder in den Lüften noch in des Meeres Mitte, noch in hohen Türmen, Gemächern, Verstecken, Höhlen, Grotten, Spalten, Klüften oder Öffnungen in den Bergen der Fessel des Todes entgehen kann, so ist eben das Rezitieren von Schutztexten widersinnig. Könnte man aber durch solches Rezitieren von der Fessel des Todes befreit werden, so müßte eben jener Vers des Erhabenen falsch sein. Dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle, verknüpfter denn ein Knoten. Das hast du nun zu lösen.“
„Zwar hat, o König, der Erhabene diesen Vers gesprochen und trotzdem die Schutztexte gelehrt. Doch sind diese bloß für einen solchen bestimmt, dem noch Lebensjahre bevorstehen, der noch lebenskräftig ist und auch nicht durch übles Wirken gehemmt ist. Ein Mittel oder eine Methode aber, das Leben eines bereits Abgelebten zu verlängern, das gibt es nicht, o König. Ebenso wenig nämlich, o König, wie an einem abgestorbenen Baume, das ausgedörrte, saftlose, leblose, aller Lebenskraft beraubte Holz jemals wieder frisch werden, sprossen oder grünen wird, selbst wenn man tausend Töpfe voll Wasser darüber gießen sollte: ebenso wenig auch, o König, enthält irgend eine Arznei oder Schutzformel das Mittel oder die Möglichkeit, das Leben eines Abgelebten zu verlängern. Alle Heilkräuter und Arzneien, die es in der ganzen Welt geben mag, sind für einen solchen nutzlos. Nur einem, dem noch Lebensjahre bevorstehen, der lebenskräftig ist und auch nicht durch übles Wirken gehemmt ist, nur diesem bietet ein Schutztext Hilfe und Schutz. Und nur ihm zuliebe hat der Erhabene die Schutztexte gelehrt. Gleichwie nämlich, o König, wenn das Korn reif ist und die Kornhalme abgestorben sind, der Bauer den Zufluss des Wassers abhält, obwohl doch das junge, grüne, grasartige, lebensfrische Korn gerade infolge des Wassers zum Wachsen gelangt: ebenso auch, o König, wird bei einem Abgelebten die Anwendung heilender Schutztexte vermieden und nur für diejenigen, denen noch Lebensjahre bevorstehen und die noch lebenskräftig sind, nur für diese werden heilende und Schutztexte vorgetragen. Denn nur solche mögen davon Nutzen haben.“
„Wenn aber, ehrwürdiger Nāgasena, der Abgelebte sterben muß und der, dem noch Lebensjahre bevorstehen, ohnehin am Leben bleibt, dann sind doch heilende und Schutztexte ganz zwecklos.“
„Hast du niemals gesehen, wie durch Arznei eine Krankheit zum Schwinden gekommen ist?“
„Gewiß, o Herr. Viele hundert Male.“
„So ist es also falsch, o König, zu behaupten, daß heilende Schutztexte zwecklos seien.“
„In der ärztlichen Methode, o Herr, bekommt man heilwirkende Getränke und Salben zu sehen. Durch eine solche Methode mag allerdings eine Krankheit zum Schwinden kommen.“
„Man kann aber doch, o König, beim Vortrag der Schutztexte die Stimme der Vortragenden vernehmen. Die Zunge der letzteren mag austrocknen, ihr Herz stille stehen, ihre Stimme heiser klingen. Dadurch nämlich werden Krankheiten aller Art geheilt, und jedwede Plage schwindet. (Das soll offenbar besagen, daß die Lebenskraft, die den Vortragenden infolge solcher Überanstrengung schwindet, auf die Anwesenden übergeht und ihrer Gesundheit zugute kommt, gerade wie es auch der Fall sein soll bei magnetischen Medien oder bis zum ohnmächtigen Zusammenbrechen tanzenden indischen Beschwörungstänzern) Hast du auch noch nie davon gehört, wie ein von einer Schlange Gebissener unter dem Einfluss einer Zauberformel das Schlangengift (durch die betreffende Schlange) hat wieder entfernen, ausscheiden, oberhalb und unterhalb aussaugen lassen?“
„Gewiß, o Herr. Noch heutzutage geschieht das in der Welt.“
„So ist es also falsch, o König, zu behaupten, daß heilende Schutztexte zwecklos seien. Wenn eine Schlange einen Mann beißen will, über den ein Schutztext gesprochen wurde, so kann sie das nicht, und ihr aufgerissener Rachen wird sich wieder schließen. Und selbst die bereits erhobene Keule eines Räubers wird einen solchen nicht berühren. Der Räuber wird die Keule fallen lassen und ihm Liebe erweisen. Ein wütender Elefant, der auf ihn losstürzt, wird stehen bleiben. Eine flackernde, gewaltige Feuersbrunst, die gegen ihn antreibt, wird verlöschen. Das Halāhala-Gift, das er verschluckt, wird unwirksam werden und ihm als Nahrung dienen. Mörder, die auf ihn stürzen, um ihn zu erschlagen, werden zu seinen Dienern. Und die Falle, in die er tritt, wird ihn nicht fangen.“
„Gewähren nun aber, o Herr, die Schutztexte allen Menschen Schutz?“
„Den einen wohl, o König, den anderen aber nicht.“
„Somit wäre also, o Herr, der Schutztext nicht für alle von Nutzen.“
„Erhält denn wohl, o König, die Nahrung etwa alle Menschen am Leben?“
„Die einen wohl, o Herr, die anderen aber nicht.“
„Und warum nicht?“
„Wenn da zum Beispiel die einen zu viel essen, mögen sie am Durchfall sterben.“
„Somit erhält also die Nahrung, o König, nicht alle Menschen am Leben.“
„Zwei Umstände, o Herr, bewirken, daß die Nahrung das Leben gefährden mag: Überessen und Verdauungsschwäche. Somit mag also selbst die lebensspendende Nahrung, o Herr, durch verkehrten Gebrauch einem das Leben kosten.“
„Ebenso auch, o König, gewährt der Schutztext für die einen Schutz, für die anderen aber nicht. Drei Umstände sind es eben, o König, unter denen die Schutztexte keinen Schutz gewähren:
- Hemmung durch unheilsames Wirken (kamma),
- Hemmung durch geistige Trübungen (kilesa) und
- Mangel an Vertrauen.
Der Schutztext, o König, der sich sonst als ein Schutz für die Wesen erweist, verliert durch das was man selber (an Schlechtem) tut, seine schützende Wirkung. Es ist hiermit gerade so wie mit einer Mutter und ihrem Kind. Die Mutter ernährt das in ihrem Leibe befindliche Kind in aller Liebe, und mit größter Sorgfalt bringt sie es zur Welt. Nach seiner Geburt entfernt sie von ihm alle Unsauberkeit, Schmutz und Schleim und salbt es mit den besten und feinsten wohlriechenden Salben. Solche, die es schimpfen oder schlagen, schleppt sie erregten Herzens vor ihren Gatten. Wenn ihr Sohn aber späterhin unartig ist oder sich verspätet, so schlägt sie ihn mit einem Stock oder einem Prügel, stößt ihn mit dem Knie, versetzt ihm Hiebe mit der Hand. Wird man nun wohl deshalb der Mutter des Kindes Gewalt antun, sie packen und vor ihren Gatten bringen?“
„Das wohl nicht, o Herr.“
„Und warum nicht?“
„Weil ja der Knabe es selber verschuldet hat.“
„Ebenso auch, o König, wird der Schutztext, der sich sonst als Schutz für die Wesen erweist, durch eigene Übeltat unwirksam gemacht.“
„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! Gut gelöst hast du das Problem, das Dickicht gelichtet, die Finsternis erhellt, entwirrt das Netz der Ansichten, du, der du der beste und edelste bist unter allen den Meistern.“