Die Fragen des Königs Milinda

Teil 4

Kapitel 2

5.2.5. Buddhas Almosenempfang

„Ihr sagt da, ehrwürdiger Nāgasena, daß der Vollendete reichlich beschenkt wurde mit den Bedarfsgegenständen, als wie Gewand, Almosen, Lagerstatt, Heilmittel und Arzneien. Andererseits aber behauptet ihr wieder, daß der Vollendete bei dem Almosengange in dem Brahmanendorfe Pañcasāla nichts erhielt und mit einer wie frisch gewaschenen Schale weiterziehen mußte. Wenn nun die erste Behauptung wirklich zutrifft, so muß die zweite eben falsch sein; trifft aber die zweite zu, so muß die erste falsch sein. Dies ist wieder ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle, ein äußerst gewichtiges, schwer zu durchdringendes. Das magst du mir nun lösen.“

„Beide Aussagen, o König, sind richtig. Daß der Vollendete jedoch dieses eine Mal mit leerer Almosenschale weiterziehen mußte, das war das Werk Māras, des Bösen.“

„So war wohl, ehrwürdiger Nāgasena, das vom Erhabenen während unzähliger Weltzeitalter aufgespeicherte Verdienst damals gerade zu Ende gelangt? Oder konnte wohl der erst kürzlich erschienene Māra, der Böse, die Ausdehnung der Macht und Wirksamkeit seines Verdienstes abschneiden? Es ergibt sich also in dieser Sache an beiden Stellen ein Vorwurf, nämlich der, daß entweder das Böse mächtiger sei als das Gute oder daß die Macht des Māra die Macht des Erleuchteten übertreffe. Somit wäre also der Gipfel eines Baumes schwerer als dessen Wurzel, und der Böse mächtiger als der von Tugend Erfüllte.“

„Nein, o König. Das Böse ist darum nicht mächtiger als das Gute, und auch ist die Macht des Māra nicht größer als die des Erleuchteten. Übrigens wäre hier ein Beispiel erwünscht. Nimm an, o König, ein Mann brächte zum König Honig oder eine Honigscheibe oder irgend ein anderes Geschenk. Der Torwächter des Königs aber spräche zu ihm: ‚Es ist eben nicht an der Zeit, den König zu besuchen. Packe deshalb deine Geschenke zusammen und mache dich schleunigst wieder von hinnen, bevor dich der König bestrafen läßt.‘—Und der Mann nähme aus Furcht vor Strafe, zitternd und aufgeregt, seine Geschenke und kehrte in aller Eile wieder zurück. Wäre da in diesem Falle, o König, jener Herrscher etwa infolge solcher unzeitig dargebrachten Gabe weniger mächtig als sein Torwächter, und würde er wohl niemals mehr ein anderes Geschenk erhalten?“

„Nicht doch, o Herr. Von Neid erfüllt hätte zwar der Torwächter jene Gabe verhindert, doch könnte durch ein anderes Tor ein hunderttausendmal wertvolleres Geschenk zum Könige gelangen.“

„Ebenso auch, o König, brachte zwar Māra, der Böse, von Neid erfüllt, die brahmanischen Hausleute in Pañcasāla in seine Gewalt; viele tausende unter den anderen Geistern aber begaben sich, mit ambrosischer, himmlischer Speise versehen, zum Erhabenen, um seinem Körper Nahrung zuzuführen. Und dem Erhabenen huldigend, blieben sie mit gefalteten Händen stehen.“

„Das mag sein, ehrwürdiger Nāgasena. Leicht ist es wohl für den Erhabenen, den edelsten Menschen in der Welt, die vier Bedarfsgegenstände zu erlangen; ja, stets bloß auf die Bitten der Götter und Menschen hin machte er davon Gebrauch. Aber immerhin ist dem Māra insofern sein Plan geglückt, als er den Erhabenen um sein Essen brachte. Hierin ist mein Zweifel noch nicht gelöst, o Herr. Hierüber bin ich noch in Ungewissheit und hege Bedenken, denn mein Geist gefällt sich nicht in dem Gedanken, daß Māra auf so abscheuliche, niederträchtige, kleinliche, boshafte und unheilige Weise es verhinderte, daß man dem Vollendeten Almosen reichte, dem Heiligen, Vollkommen-Erleuchteten, dem Besten unter den Edelsten in aller Welt mitsamt der Götter, dem von erhabenen heilsamen und guten Eigenschaften Erfüllten, dem Unvergleichlichen, Beispiellosen, Unerreichten.“

„Vier Arten des Verhinderns gibt es, o König:

  • Hinderung einer noch nicht versprochenen Gabe,
  • Hinderung einer versprochenen Gabe,
  • Hinderung einer vorbereiteten Gabe und
  • Hinderung eines Genusses.
  • Wenn zum Beispiel einer eine Gabenspende hindert, für die noch niemand bestimmt und ausersehen wurde, etwa mit den Worten: ‚Warum sollte man einem anderen Geschenke machen?‘—so gilt dies als Hinderung einer noch nicht versprochenen Gabe.
  • Wenn man dagegen einen Menschen ausersehen und die für ihn bestimmte Speise vorbereitet hat, und ein anderer legt dem ein Hindernis in den Weg, so gilt dies als Hinderung einer versprochenen Gabe.
  • Wenn da aber einer irgend eine Gabe verhindert, die vorbereitet aber noch nicht in Empfang genommen wurde, so gilt dies als Hinderung einer vorbereiteten Gabe.
  • Und wenn da einer dem Gebrauche irgendwelcher empfangenen Gabe ein Hindernis in den Weg legt, so gilt dies als Hinderung eines Genusses.

Diese vier Arten des Verhinderns gibt es, o König. Damals aber, als Māra, der Böse, in die brahmanischen Hausleute von Pañcasāla gefahren war, wurde der Erhabene weder am Genusse einer Gabe gehindert, noch wurde einer für ihn zubereiteten oder versprochenen Gabe ein Hindernis in den Weg gelegt. Denn bevor noch irgend jemand herangekommen war, ohne daß schon irgend jemand da war oder ausersehen wurde, geschah die Hinderung. Diese aber galt nicht etwa bloß dem Erhabenen, sondern von allen denen, die zu jener Zeit ausgingen und dorthin kamen, erhielt an jenem Tage auch nicht ein einziger irgendwelche Nahrungsspende. Ich sehe nämlich niemanden, o König, in der Welt mitsamt der Götter, Māras und Brahmas noch unter der Schar der Asketen, Priester, Geister und Menschen, der etwas, was für jenen Erhabenen bestimmt oder vorbereitet ist, oder was der Erhabene gerade genießt, zu verderben imstande wäre. Denn wenn einer in seinem Neide dies wirklich zu tun vermöchte, so würde ihm sein Haupt in hundert und tausend Stücke zerspringen.

Folgende vier Dinge, o König, kann keiner dem Vollendeten rauben, nämlich:

  • die für den Erhabenen bestimmte, vorbereitete Gabe,
  • den sechs Fuß breiten von seinem Körper ausgehenden Lichtschein,
  • den Wissensschatz und die Allweisheit des Erhabenen,
  • das Leben des Erhabenen.

Diese vier Dinge, o König, kann keiner dem Vollendeten rauben. Diese Dinge, o König, sind alle gleich in ihrer Beschaffenheit, sie sind frei von Hinfälligkeit, unzerstörbar, nicht gefährdet durch andere, sind unversehrbar durch irgend welche Handlung. Ungesehen, o König, und heimlich fuhr Māra, der Böse, in die brahmanischen Hausleute von Pañcasāla. Wenn da zum Beispiel, o König, in einer unzugänglichen Gegend im Grenzlande ungesehen Räuber im Hinterhalte liegen und die Straßen unsicher machen und der König die Räuber zu Gesicht bekommen sollte, würde es da wohl jenen Räubern gut ergehen?“

„Gewiß nicht, o Herr. Mit einer Axt würde man sie in hundert und tausend Stücke zerspalten.“

„Ebenso auch, o König, fuhr Māra, der Böse, ungesehen und heimlich in die Brahmanen und Hausleute von Pañcasāla. Es möchte auch eine verheiratete Frau sich wohl ungesehen und heimlich mit einem anderen Manne abgeben. Wenn sie dies aber angesichts ihres Mannes tun möchte, würde es ihr da wohl gut ergehen?“

„Gewiß nicht, o Herr. Ihr Gatte möchte sie schlagen, umbringen, binden oder versklaven.“

„Ebenso auch, o König, fuhr Māra, der Böse, ungesehen und heimlich in die brahmanischen Hausleute von Pañcasāla. Hätte aber Māra, der Böse, irgend etwas, was für den Erhabenen bestimmt oder vorbereitet war, oder das der Erhabene gerade genoß, verhindert, so wäre ihm sein Haupt in hundert und tausend Stücke zersprungen.“

„So ist es, ehrwürdiger Nāgasena. Wie ein Dieb hat Māra, der Böse, gehandelt, denn ganz heimlich ist er in die brahmanischen Hausleute von Pañcasāla gefahren. Wenn er aber irgend etwas, das für den Erhabenen bestimmt oder vorbereitet war, oder das der Erhabene gerade genoß, verwehrt hätte, so wäre ihm sein Haupt in hundert und tausend Stücke zersprungen oder sein Körper wäre zerstoben wie eine Handvoll Streu. Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena, so ist es, und so nehme ich es an.“