Die Fragen des Königs Milinda

Teil 4

Kapitel 3

5.3.12. Buddhas Haßlosigkeit

Der Erhabene ehrwürdiger Nāgasena, hat einmal gesagt: ‚Ohne Zorn bin ich, von jedem Haß befreit.‘ Ein anderes mal aber hat er die Ordensälteren Sāriputta und Moggallāna mitsamt der Jüngerschar entlassen. Geschah dieses letztere wohl aus Verdruß oder voller Zufriedenheit? Finde heraus, wie sich das verhält! Wenn es nämlich aus Verdruß geschah, ehrwürdiger Nāgasena, so hatte der Vollendete eben den Zorn noch nicht überwunden; geschah es aber voller Zufriedenheit, so hatte er eben die Jünger ohne Grund und aus Unwissenheit fortgeschickt. Dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle und das du nun zu lösen hast.“

„Wohl hat, o König, der Erhabene gesagt, daß er frei sei von Zorn und Haß, und trotzdem hat er die Jüngerschaft entlassen. Dies geschah nämlich nicht aus Verdruß. Wenn da zum Beispiel jemand über eine Wurzel oder einen Stumpf oder einen Stein oder über Scherben oder unebenen Grund stolpert und zu Boden fällt, ist es da wohl in diesem Falle die Erde, o König, die aus Zorn seinen Fall verursacht?“

„Gewiß nicht, o Herr. Denn die Erde empfindet weder Verdruß noch Vergnügen, ist frei von Zuneigung und Abneigung. Es kommt eben bloß von der eigenen Unachtsamkeit, daß jener stolpert und fällt.“

„Ebenso aber auch, o König, empfinden die Vollendeten weder Verdruß noch Vergnügen. Befreit von Neigung und Abneigung sind sie, diese Vollendeten, Heiligen, Vollkommen-Erleuchteten. Und nur infolge ihres eigenen, selbstverschuldeten Vergehens wurden die Jünger entlassen. Wenn zum Beispiel das Meer keinen Leichnam in sich duldet und ihn schleunigst wieder auswirft und ans Land schwemmt, handelt da wohl das Meer aus Verdruß?“

„Nein, o König. Das Meer empfindet weder Verdruß noch Vergnügen, ist frei von Zuneigung und Abneigung.“

„Ebenso aber auch, o König, empfinden die Vollendeten weder Verdruß noch Vergnügen. Befreit von Zuneigung und Abneigung sind sie, diese Vollendeten, Heiligen, Vollkommen-Erleuchteten. Und eben nur infolge ihres eigenen, selbstverschuldeten Vergehens wurden die Jünger entlassen. Gleichwie nämlich, o König, wenn jemand über den Boden stolpert, zu Falle kommt oder ein im Meere befindlicher Leichnam ausgeworfen wird, ebenso auch wird, wer in der erhabenen Lehre des Siegers stolpert, entlassen. Daß aber, o König, der Vollendete damals die Jünger entlassen hat, geschah ihrem eigenen Wohl, Heil und Glück und ihrer Erlösung zuliebe. Denn er wußte, daß jene dadurch die Erlösung erlangen würden von Geburt, Alter, Krankheit und Tod.“

„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena. So ist es, und so nehme ich es an.“