Die Fragen des Königs Milinda
Teil 4
Kapitel 5
5.5.1. Das Wohnen in Häusern
„Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat gesagt:
Dem Anhaften die Frucht entspringt,
Das Hausleben den Schmutz gebiert.
Den, der kein Haus und Haften kennt,
Sieht man als weisen Denker an.
Andererseits aber hat der Erhabene gesagt:
Man richte schöne Klöster auf,
Lass' wohnen Wissensreiche da.
Wenn, ehrwürdiger Nāgasena, der Erhabene den ersten Ausspruch getan hat, so ist der Ausspruch, daß man liebliche Klöster erbauen solle, falsch. Hat aber der Erhabene gesagt, daß man liebliche Klöster erbauen solle, so muß eben der erste Ausspruch falsch sein. Auch dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle und das du nun zu lösen hast.“
„Beides, o König, hat der Erhabene gesagt. Doch wenn der Erhabene gesagt hat, daß das Hausleben den Schmutz gebiert, so ist das ein der wahren Beschaffenheit gemäßes Urteil, eine umfassende Aussage, die keine weitere Möglichkeit offen läßt, eine bedingungslose Aussage, für Asketen passend, den Asketen entsprechend, den Asketen angemessen, der Asketen würdig, dem Asketengebiet angehörend, eine Asketenweise, ein Asketenbrauch.
Gleichwie, o König, der Hirsch des Waldes in Wald und Hag umherschweift und, ohne Haus und Heim, hineilt wohin er will: in diesem Sinne, o König, hat man jenen Ausspruch zu verstehen.
Wenn aber, o König, der Erhabene gesagt hat, daß man liebliche Klöster errichten solle, um dort Wissensreiche wohnen zu lassen, so hat der Erhabene das aus zwei Gründen gesagt. Aus welchen beiden? Die Schenkung eines Klosters nämlich wurde von allen Erleuchteten gepriesen, anerkannt, gelobt und gerühmt; denn durch Schenkung eines Klosters (als ersten Anstoß zum heiligen Leben) kann man die Erlösung erlangen von Geburt, Alter und Tod. Dies ist der erste Segen der Klosterschenkung. Fernerhin, wenn ein Kloster da ist, so können die Nonnen mit erfahrenen Mönchen zusammentreffen, und wer will, kann diese leicht besuchen. Ist aber kein Kloster da, so ist es schwer, sie aufzufinden. Dies ist der zweite Segen der Klosterschenkung.
Angesichts dieser beiden Gründe hat der Erhabene gesagt, daß man liebliche Klöster errichten solle, um dort Wissensreiche wohnen zu lassen. Nicht aber darf da des Buddha Jünger an seiner Behausung hangen.“
„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an.“