Die Fragen des Königs Milinda
Teil 4
Kapitel 5
5.5.2. Maßhalten beim Mahle
„Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat den Ausspruch getan:
Raffe dich auf und sei nicht schlaff!
Im Zaume halte deinen Leib!
Andererseits aber sagt der Erhabene ‚Ich aber, Udayi, esse bisweilen diese ganze Almosenschale voll, bisweilen sogar noch mehr.‘ Wenn nun, ehrwürdiger Nāgasena, der Vollendete den ersten Ausspruch getan hat, so ist der zweite falsch; hat er aber den zweiten Ausspruch getan, so muß der erste falsch sein.“
„Beides, o König, hat der Erhabene gesagt. Wenn er aber sagt: ‚Erhebe dich, und sei nicht schlaff, im Zaume halte deinen Leib,‘ so ist dies ein der wahren Beschaffenheit gemäßes Urteil, ein wahrer Ausspruch, ein Wirklichkeit besitzender Ausspruch, eine unverdrehte Behauptung, ein Ausspruch der Weisen, ein Ausspruch der Denker, ein Ausspruch der Erhabenen, der Heiligen, der ‚Einzel-Erleuchteten‘ (pacceka-buddha), ein Ausspruch des Siegers, des Allwissenden, des Vollendeten, Heiligen, Vollkommen Erleuchteten. Der am Leibe Unbeherrschte, o König, bringt Lebendiges um, nimmt Ungegebenes, vergeht sich an seines Nächsten Weib, redet falsch, trinkt berauschende Getränke, beraubt Vater, Mutter und Heilige des Lebens, entzweit die Jüngerschaft, vergießt in boshafter Gesinnung des Vollendeten Blut. Hat denn, o König, Devadatta dadurch, daß er, im Leibe unbeherrscht, die Jüngerschaft entzweit hatte, nicht wohl eine für ein Weltzeitalter wirkende (böse) Tat angehäuft? Angesichts dieser und vieler anderer Gründe hat der Erhabene den Ausspruch getan:
Raffe dich auf und sei nicht schlaff,
Im Zaume halte deinen Leib!
Wer, o König, seinen Leib bezwingt,
- durchdringt die vier Wahrheiten,
- verwirklicht die vier Früchte der Asketenschaft (Damit sind gemeint die 4 Stufen der Heiligkeit),
- erlangt Herrschaft über die vier Analytischen Wissen (patisambhidā),
- die acht Erreichungszustände (samāpatti),
- die sechs höheren Geisteskräfte (abhiñña) und
- erfüllt das vollständige Asketengesetz.
Hat denn nicht wohl, o König, einst ein junger Papagei dadurch, daß er seinen Leib bezwang, die Götterwelt der Dreiunddreißig (Tāvatimsa) zum Wanken gebracht und Sakka, den Götterkönig, gezwungen, ihm zu dienen? Angesichts vieler solcher Gründe hat der Erhabene den Ausspruch getan: ‚Raffe dich auf und sei nicht schlaff! Im Zaume halte deinen Leib!‘—
Wenn aber, o König, der Erhabene sagt, daß er bisweilen eine ganze Almosenschale voll esse, so hat das der Allwissende, der Vollendete von sich selbst gesagt, nachdem er seine Aufgabe erfüllt, das Werk vollendet, sein Ziel erreicht, zum Ende seines Weges gelangt, frei von Hindernissen. Gleichwie, o König, für einen Kranken, der sich erbricht, Durchfall hat und jeder Aufwartung entbehrt, heilsame Behandlung wünschenswert ist: ebenso auch muß, o König, wer noch von den Leidenschaften befleckt ist, die Wahrheit noch nicht erkannt hat, seinen Leib bezwingen. Gleichwie man, o König, einen hell-leuchtenden, echten, von Natur aus lauteren Edelstein nicht mehr durch Schleifen und Reiben zu polieren braucht, ebenso auch, o König, gibt es für den Vollendeten, im Buddhabereiche zur Vollkommenheit Gelangten, keine Hemmung (durch Leidenschaften) mehr bei der Ausübung seiner Handlungen.“
„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an.“