Die Fragen des Königs Milinda

Teil 4

Kapitel 6

5.5.11. Hatte der Buddha einen Lehrer?

„Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat gesagt:

Nicht hab' ich irgend einen Lehrer,
Nicht einen gibt es, der mir gleicht.
In aller Welt mit ihren Göttern
Gibt's keinen, der mir ähnlich ist.

Andererseits aber hat er gesagt: ‚So also, ihr Mönche, stellte Alāra Kālāma, der doch mein Lehrer war, mich, seinen Schüler, ganz auf gleiche Stufe mit sich selber und erwies mir höchste Ehrfurcht.‘

Ist also die eine Behauptung richtig, so muß die andere Behauptung falsch sein. Auch dies ist ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle, und das du mir nun lösen sollst.“

„Beides, o König, hat der Erhabene gesagt. Letzteren Ausspruch jedoch hat er getan, um anzudeuten, wen er zum Lehrer hatte vor seiner vollen Erleuchtung, damals als er noch nicht erleuchtet, sondern noch ein Bodhisatta war. Vor seiner vollen Erleuchtung nämlich, o König, hatte der Bodhisatta fünferlei Lehrer, durch die unterwiesen, er an verschiedenen Orten weilte. Und welches waren jene fünferlei Lehrer?

Jene acht Brahmanen, o König, die bei dem eben geborenen Bodhisatta die körperlichen Merkmale untersuchten—als wie Kāma, Dhaja, Lakkhana, Mantī, Yañña, Suyāma, Subhoja und Sudatta—und die über sein Wohlergehen berichteten und seine Überwachung übernahmen: diese waren seine ersten Lehrer.

Fernerhin: der Brahmana Sabbamitta, der aus edlem, vornehmen Geschlechte stammte und ein Sprachkundiger war, ein Grammatiker, in den sechs Hilfsbüchern des Veda bewandert, den des Bodhisattas Vater Suddhodana zu jener Zeit holen ließ und, während man das Weihwasser aus einem goldenen Gefäße ausgoß, dem Knaben als Lehrer übergab, mit den Worten: ‚Diesen Knaben mögest du unterweisen‘: dieser war sein zweiter Lehrer. Jene Gottheit fernerhin, die den Bodhisatta in Unruhe brachte und deren Worte vernehmend, der Bodhisatta in Unruhe und Erregung geraten, in jenem Augenblicke hinauszog und dem Weltleben entsagte: diese war sein dritter Lehrer (Weder in der frühen noch in der späteren Pāli-Überlieferung findet sich ein solcher Bericht).

Fernerhin: Alāra Kālāma, der ihm den Weg zum meditativen Gebiet der Weder-Wahrnehmung-noch-Nicht-Wahrnehmung (siehe jhāna) wies: dieser war sein vierter Lehrer.

Sein fünfter Lehrer aber war Uddaka Rāmaputta.(siehe M.26) Das also, o König, sind die fünf Lehrer, die der Bodhisatta vor der Erreichung der vollkommenen Erleuchtung als noch Unerleuchteter gehabt hat. Und diese waren bloß seine Lehrer in weltlichen Dingen. Doch im überweltlichen Gesetze, o König, und zur Durchdringung der Allerkenntnis, da hatte der Vollendete keinen Unterweiser. Aus sich selber heraus geworden (sayam-bhū), o König, ist der Vollendete, ist ohne Lehrer. Eben aus diesem Grunde hat der Vollendete erklärt:

Nicht hab' ich irgend einen Lehrer.
Nicht einen gibt es, der mir gleicht.
In aller Welt mit ihren Göttern
Gibt's keinen, der mir ähnlich ist.“

„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an.“