Die Fragen des Königs Milinda
Teil 4
Kapitel 6
6.1.1. Warum leben in ein und demselben Weltsystem gleichzeitig niemals zwei Buddhas?
„Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat gesagt: ‚Unmöglich ist es, ihr Mönche, und kann nicht sein, daß in einem und demselben Weltsystem zu gleicher Zeit zwei Heilige, Vollkommen-Erleuchtete geboren werden; das ist unmöglich.‘
Alle Vollendeten aber, ehrwürdiger Nāgasena, legen doch in ihren Vorträgen die siebenunddreißig zur Erleuchtung führenden Dinge (bodhipakkhiyā-dhammā) dar; sie erklären in ihren Belehrungen die vier edlen Wahrheiten, beim Unterweisen unterweisen sie in den drei Übungen (Das ist in der Übung Hoher Sittlichkeit, Hoher Geistigkeit (Meditation) und Hoher Weisheit), beim Ermahnen ermahnen sie zum Wege der Strebsamkeit.
Wenn nun, ehrwürdiger Nāgasena, bei allen Vollendeten derselbe Vortrag, dieselbe Belehrung, dieselbe Übung und dieselbe Ermahnung gilt, warum sollten da denn nicht zwei Vollendete zu gleicher Zeit erstehen? Denn schon durch die Geburt eines einzigen Erleuchteten wird diese Welt aufgehellt, sodaß, wenn noch ein zweiter leben möchte, durch das Licht beider diese Welt in noch stärkerem Maße aufgehellt würde. Auch beim Ermahnen und Unterweisen möchten es zwei Erleuchtete leichter haben. Erkläre mir also den Grund hierfür, auf daß ich meine Zweifel los werde!“
„Dieses zehntausendfache Weltsystem, o König, vermag bloß einen einzigen Erleuchteten zu tragen, bloß die Tugend eines einzigen Erleuchteten. Sollte ein zweiter Erleuchteter erstehen, so vermöchte dieses zehntausendfache Weltsystem ihn nicht zu tragen, würde erzittern, erbeben, sich biegen und hin und her biegen, sich spalten, bersten, zerspringen und zugrunde gehen.
Gesetzt, o König, es befände sich da ein Boot, das nur einen einzigen Mann zu tragen imstande sei, und das, solange es ein einzelner Mann bestiegen hat, gerade noch über dem Wasserspiegel hervorrage. Sollte nun aber ein zweiter Mann dazukommen, ihm gleich an Lebenskraft, Aussehen, Alter, Größe, hager und stark in allen Gliedern, und sollte er auch noch in jenes Boot steigen, vermöchte da wohl, o König, das Boot alle beide zu tragen?“
„Nein, o Ehrwürdiger. Es möchte ins Schwanken kommen, brechen, auseinanderfallen, in Stücke gehen, untergehen und im Wasser versinken.“
„Genau so, o König, möchte es der Erde ergehen, wenn ein zweiter Erleuchteter erstünde.
Oder: gesetzt, o König, ein Mann nähme nach Herzenslust Speise zu sich; und nachdem er sich bis zum Halse mit Speisen vollgepfropft habe, sei sein Hunger gestillt und er fühle sich satt und voll, träge und steif wie ein Stock. Nun aber verschlinge er von neuem noch einmal ebenso viele Speisen. Möchte da, o König, jener Mann sich etwa wohl fühlen?“
„Nein, o Ehrwürdiger. Nach nochmaligem Essen würde er sterben.“
„Genau so, o König, möchte die Welt untergehen, sobald ein zweiter Erleuchteter erstünde.“
„Wie, ehrwürdiger Nāgasena? Die Erde würde infolge der allzu großen Schwere des Gesetzes erzittern?“
„Nimm an, o König, es befänden sich da zwei bis zum Rande mit Juwelen angefüllte Wagen. Wenn man nun von dem einen Wagen die Juwelen herab nehmen und noch auf den anderen Wagen aufladen möchte, wäre da wohl, o König, dieser eine Wagen imstande, die Lasten aller beider zu tragen?“
„Nein, o Ehrwürdiger Die Naben der Räder würden ihm platzen, die Felgen springen, der Radreif abfallen und die Achse brechen.“
„Sage, o König, wäre das wohl nicht eine Folge der allzu großen Last der Juwelen?“
„Gewiß, o Ehrwürdiger.“
„Genau so, o König, möchte infolge des allzu großen Gewichtes des Gesetzes die Erde erzittern.
Übrigens, o König, habe ich diesen Vergleich vorgebracht, um die Macht der Erleuchteten zu veranschaulichen. Aber höre noch einen weiteren treffenden Grund dafür, daß zwei Erleuchtete nicht zu gleicher Zeit erscheinen. Sollte nämlich dieses eintreten, so möchte unter ihren Anhängern Streit entstehen; und Ausdrücke gebrauchend, wie: ‚unser Buddha‘ und ‚euer Buddha‘ würden sie sich in zwei Parteien spalten, genau so wie es der Fall ist, wenn die Anhänger zweier mächtiger Minister in Streit geraten. Aber noch einen anderen, weiteren Grund sollst du hören. Möchten nämlich zu gleicher Zeit zwei Vollkommen-Erleuchtete erscheinen, so wäre es falsch, von dem Buddha als dem Höchsten zu sprechen, als dem Würdigsten, Besten, Vorzüglichsten, Erhabensten, Edelsten, der ohne Seinesgleichen, ohne Ebenbürtigen sei. Diesen Grund, o König, magst du als Erklärung dafür annehmen, daß zu gleicher Zeit nicht zwei Vollkommen-Erleuchtete erscheinen.
Übrigens, o König, liegt es im Charakter und der Natur des Erleuchteten, der Erhabenen, daß jedesmal bloß einer in der Welt erscheint. Und warum? Weil eben die Tugenden der allerkennenden Buddhas gar gewaltig sind. Auch alles andere Große in der Welt, o König, tritt immer nur einzeln auf. Die Erde, o König, ist gewaltig: und nur diese eine gibt es. Das Meer ist gewaltig: und nur dieses eine gibt es. Der Sineru, der König der Berge, ist gewaltig: und nur diesen einen gibt es. Der Raum ist gewaltig: und nur diesen einen gibt es. Der Große Brahma ist gewaltig: und nur diesen einen gibt es. Der Vollendete, Heilige, Vollkommen-Erleuchtete ist gewaltig: und nur einen einzigen solchen mag es geben in der Welt. Wo immer in der Welt ein solcher erscheint, da ist für einen zweiten kein Platz mehr. Darum, o König, wird jedesmal nur ein einziger Vollendeter, Heiliger, Vollkommen-Erleuchteter in der Welt geboren.“
„Vortrefflich aufgehellt, ehrwürdiger Nāgasena, hast du das Problem durch Gleichnis und Erklärungen. Sollte selbst ein unverständiger Mensch deine Worte vernommen haben, so möchte er damit zufrieden gestellt sein, um wie viel mehr einer, der solch großes Wissen besitzt wie ich! Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an.“